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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-03-24 · Heft 12 (24.3.1893) · p. Seite 136

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 12 (24.3.1893)
Date
1893-03-24
Page
Seite 136 (sequence 4)
Language
German
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136 Jahren unerimibet schreibt und wirkt, schont keine Anstrengungen, um Anhänger für seine Idee zu gewinnen, was ihm auch gelungen ist. Seit der Begründung des „Hameliz" hatte Herr Zederbaum vieles durchmachen müssen lind hatte manchen Kampf ansznstehen. Er war einer von den Ersten, welche den Kampf mit dem finstern Chassidismus ausgenommen haben; er gehörte auch zu denen, die für eine vernünftige Erziehung der jungen Generation plaidirt haben, und er war seiner Art fast der Einzige, welcher sich nie gescheut hat, die volle Wahrheit den russischen Rabbinen zu sagen. Wie gesagt, Herr Zederbaum hatte darunter viel zu leiden gehabt und der „Hameliz" wurde eine zeitlang von verschiedenen Rabbinen wie von sämmtlichen Chassidim verjolgt, doch trug endlich doch der „Hameliz" den Sieg davon unb bildete mit der „Hazafira" einen Sammelpunkt für die gebildeten Juden in Rußland. Unsere besten Publizisten wie: Lilienblum, Jsch Jehndi, Ginsburg, Rosenthal, Piues, Jaoboz, Jehalel, Dr. Kazenelenbogen :c., sind mit ihren Beitrügen, welche die verschiedenen Fragen besprechen, hier vertreten. Wenn wir von vernünftigen Anordnllngen in ben Gemeinden hören und geregelte Erziehung in vielen sehen, so haben wir dies oft dem „Hameliz" und auch der „Hazefira" zu verdanken, welche beide viel dazu beigetragen haben. In dem letzten Blatte sind namentlich die scharfen und geistvollen Artikel des Herrn N. Sokolow anerkennend hervorzuheben. Auch für die anderen Abtheilungen, welche bei einer Tageszeitung unbedingt erforderlich sind, ist im „Hameliz" und der „Hazefira" auf das Beste gesorgt. So werden im ersteren Blatte von Zeit zu Zeit manche wissenschaftliche Artikel in recht populärer und faßlicher Weise von dem scharfsinnigen Chemiker und Physiker Herrn Leo Robinowitsch, Hauptmitarbeiter des „Hameliz", veröffentlicht. Der Belletristik ist ein großer Platz eingeräumt, und auch an diesem Stoff ist kein Mangel; die Zahl der Mitarbeiter wird mit jedem Jahre größer. Sehr erfreulich ist es hervorzuheben, daß die meisten Erzähler sich eines reinen Sprachausdrucks bedienen, was für die Leser von großem Nutzen ist, da, wie bekannt, viele Jünglinge meistentheils aus den Zeitungen die hebräische Sprache erlernen. Ja, gewiß ist es unmöglich, eine Tageszeitung in der Sprache Jesaja's zu bieten, zumal es in der biblischen Sprache an vielen Ausdrücken mangelt, aber auch in diesem Falle wissen die Schriftsteller meistens mit dem Talmud und Midrasch ohne Hilfe fremder Sprachen auszukommen. Was aber die Belletristik betrifft, so hat sich in letzter Zeit der junge Schriftsteller Herr Schalkowitz (Ben-Awigdor) in Warschau besonders verdient gemacht. Bor einem Jahre kam Herr Schalkowitz auf den glücklichen Gedanken, hebräische Novellen und Romane zu sehr billigen Preisen, eine Art hebräischen Reclam, herauszugeben, damit ein Jeder diese Erzählungen sich anzuschaffen im Stande sei. Gedacht, gethan. Er machte den ersten Versuch, veröffentlichte eine von ihm selbst verfaßte vortreffliche Schilderung aus dem russisch-jüdischen Volksleben unter dem Namen „Lea, die Fischverkäuferin", stellte den Preis dieses Bändchens auf 5 Kopeken, (in Pf.), und binnen kurzer Zeit waren beinahe 7000 Exemplare vergriffen.! Auf solch' großen Erfolg hat vielleicht Herr Schalkowitz selbst kaum gerechnet. Diese Thatsache gab dem Unternehmer Muth, seinen Plan fortzusetzen, und zu unserer Freude besitzen wir schon jetzt 22 solcher Bändchen. Die besten Schriftsteller nehmen an dieser Ausgabe Theil; es genügt, die Namen der beliebten und vielgelesenen Schriftsteller Frischmann, Perez, Toujou rc. zu nennen. Das größte Verdienst aber hat Herr Schalkowitz, denn er ist Redakteur und Hauptmitarbeiter zugleich. Alle Erzählungen, welche aus seiner Feder kommen, sind besonders inhalt- und gedankenreich. Seine Schilderungen sind wahr, und die Szenen, welche er aus dem jüdischen Leben vorführt, sind treu und interessant. Namentlich ist seine kurze Erzählung „Liebe und Pflicht" zu rühmen. Wenn man solche charakteristische Schilderungen liest, so denkt man unwillkürlich: wie oft sind schon von Schriftstellern die schlechten Seiten der Juden aus Halbasieu geschildert worden, es giebt aber auch viele gute Seiten bei diesen Juden, welche leider sehr wenig bemerkt worden sind. Könnte man nicht einen Roman über diese Juden schreiben, ohne die alten, unzählige Mal wiederholten Motive wieder vorzuführen? Die Erzählung „Liebe und Pflicht" verdient eine Uebersetzung. Auch der Roman von Schalkowitz „Vor vierhundert Jahren", der das Leben der Juden in Spanien schildert, hat den Beifall des Publikums und der Kritü gefunden. Bei einer anderen Gelegenheit werden wir noch über sümmtliche Erzählungen dieser Ausgabe Weiteres berichten. Jz. Barsel U Are mitteleuropäische Zeit und der jüdische Kalender. Bon Dr. M. Simon. Am 1. April d. I., also in allernächster Zeit, wird mit unsere; Zeitrechnung eine Veränderung Vorgehen, die in manchen Fällen von einschneidender Bedeutung sein wird. Jedermann weiß, daß bis jetzt an verschiedenen Orten der Erddie Uhren ganz verschiedene Zeiten angeben. Wer nur eine klein, Reise nach Osten oder Westen macht, merkt bald, daß seine Uhr gegen die Ortszeit an östlich gelegenen Punkten zurück ist, während sie gegen die Ortszeit in westlich gelegenen Punkten voreilt. In Cüstrin und Frankfurt a. O. sind die Uhren vor der Berliner schon um 5 Minuten voraus, in Magdeburg sind sie un 7Minuten zurück. In Eydtku hnen, dem östlichsten Orte Deutschland- , beträgt dieser Unterschied 38 Minuten, in Aachen, dem westlichsten Orte, auch gegen eine halbe Stunde. Nur die Orte, welche unter demselben Meridian, d. h. genau nördlich oder südlich von einander liegen, haben gleiche Zeiten. Wie i» Berlin, gehen z. B die Uhren in Stralsund, Neustrelitz, Röderau; wie in Breslan die in Posen, Schneidemühl, Stolp u. s. w. Dies soll nun anders werden. Vom 1. April ab werden al Uhren Mitteleuropas die gleiche Zeit zeigen, u. z. diejenige, welü gegenwärtig auf dem 15. Grad östlich von Greenwich (der Stern warte Londons) herrscht; es ist dies die Zeit von Pommersck Stargard und Görlitz. Alle Orte, die östlich von dem buri; Stargard und Görlitz gehenden Meridian liegen, werden ihre Uhr-, nachstellen, die westlich liegenden Orte ihre vorstellen müsse; >vie viel? — das hängt von der größeren oder geringeren Entferum; von dem genannten Hauptmeridian ab. Da die Eisen bah nutz re : schon jetzt die M. E. Z. (mitteleuropäische Zeit) angeben, so wir> man die Uhren nur nach diesen einzustellen haben. Diese Aenderw; der Zeitangabe wird anfangs nicht ohne störenden Einfluß uni unsere Lebensverhältnisse sein; doch wird man sich bald darauf ei: znrichten wissen und daun gern die Vortheile genießen, welche t Neuerung für den Eisenbahn- und Telegraphenverkehr zu schaffen o eignet ist. Hier ist nicht der Ort, ein Weiteres nach dieser Richtung hin zu äußern; wohl aber muß gezeigt werden welchen Eins! - die neue Zeitrechnung auf den jüdischen Kalender ausüben wirb. Das Lu ach enthält bekanntlich eine Menge Zeitangaben, dnc für rituelle Zwecke von Bedeutung sind, und die nun alle hinfällig werden, wenn unsere Uhren anders gestellt sind. Ständen wir vor dem Beginn eines neuen jüdischen Jahres, so hätten die Herausgeber jüdischer Kalender sicher dafür gesorgt, daß die Zeitangabe den neuen

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