Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1893)
- Date
- 1893-03-24
- Page
- Seite 135 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Einwand: Gerade ein gemeinsamer Schritt könnte die falschesten Auslegungen finden, gerade darin könnte man den Ausdruck von Jeparatbestrebungen sehen, die man uns am schwersten anrechnen würde. Allmählich aber ist die Erkenntniß fester gereift, daß es gar nicht darauf ankommt, was wir thun und wie wir handeln. Gäbe es — was ja selbstverständlich ein nie erreichtes Ideal ist — auch nicht einen Schlechten in unserer Mitte, der moderne Haman würde nicht aufhören zu schreien, der Jude >vird verbannt. Und mit der Erkenntniß der Absichten des Feindes ist auch oer Math zu öffentlichem Vorgehen gewachsen. Daraus erklärt sich ner Eindruck, den die anonym erschienene Flugschrift „Schutzjuden 'der Staatsbürger", auf unsere Glaubensgenossen gemacht hat. Wir haben gleich nach dem Erscheinen der Schrift in mehreren Artikeln zu ihr Stellung genommen. Konnten wir ihr auch nicht uirchweg beipflichten, so erschien nns doch der Grundgedanke zutreffend: Vir sind eine Religionsgemeinschaft mit all den erhabenen rharakterzügen des reinen Gottesglaubens, den unsere Väter zum ftgenthnm der Welt gemacht haben, nicht ein besonderes Volk. Vir sind unseren nationalen Empfindungen nach Deutsche, inserem Glauben nach Juden. Und in unserer Glaubensgemeinchaft hat jede religiöse Richtung freien Raum der Bethätigung. ckeines unserer Religionsbücher kennt ein Dogma und einen Ausschluß ms der Gemeinschaft der Gläubigen. Diesem Gedanken einen vernehmlichen, wcithinschallenden Ausruck zu geben, forderte die Broschüre auf, und sie hat vielfach in Deutschland Widerhall gefunden. Am ersten März hielt in Frankmrt am Main Herr Fritz Auerbach (der Sohn des bekannten :'r. Jacob Auerbach) einen Vortrag: „Ter Antisemitismus und die reisinnigen Juden", in dem er sich mit dem Verfasser der vielgenannten -chrift auf gleichen Boden stellt. In Berlin hat vor vier Wo chen eine Versammlung von 200 hervorragenden Mitbürgern stattgefuiiden, die ihre Zustimmung ansge- »rochen und ein Komitee gewählt haben, dem die Vorbereitungen zur Begründung einer allumfassenden Vereinigung aufgetragen wurden. Dies Komitee hat, wie wir hören, seine Arbeiten beendet und .denkt am 26. dieses Monats einer, etwa um das Doppelte er- ' 'eiterten Versammlung die Ergebnisse seiner Berathung vorzulegen, "eute zweifelt Niemand niehr daran, daß wir die Pflicht haben, mit i nterdrückung unserer Zaghaftigkeit in öffentlichen Dingen vollzählig . if den Plan zu treten. Freunde, die außerhalb unserer Glaubens- . meiuschaft stehen, begreifen schon lange gar nicht, warum die ver- > umbeten und angegriffenen Juden sich nicht zur Wehr setzen, > armn sie nicht die gleiche organisatorische und agitatorische Kraft m fluchwürdigen Treiben entgegensetzen, das unsere Stellung im ntschen Reiche erschüttert und unserem geliebten Vaterlande zur ' ceude seiner Feinde den Stempel mittelalterlicher Barbarei aufprägt. Die Vereinigung, die am 26. März begründet werden soll, hofft ' r Kernpunkt zu einer immer weitere Kreise ziehenden öffentlichen hätigkeit zu werden. Ihr Motto ist: Friede, einträchtiges Znmmenleben mit unseren Mitbürgern aller Konfessionen. Sie fordert von ihren Mitgliedern nichts als die offene Er-! .innig, daß sie rückhaltlos auf dem Boden deutscher Nationalität -chen; alle religiösen und parteipolitischen Fragen liegen ihr fern. :ie fordert, daß diese deutschnatiouale Gesinnung mit aller Kraft nd in allen Fällen bekundet und bethätigt werden soll; sie wünscht ue noch nicht von der Seuche des Judenhasses Befallenen aufzuuären über Juden und Judenthum. Die Zugehörigkeit zur Vereinigung wird durch einen ganz geringen 'Geldbeitrag bethätigt (denn es wird schon eine vierteljährliche Zahlung von 50 Pf. angenommen). Die Leiter der Bewegung hoffen, auf diese Weise einen großen Kreis von Glaubensgenoffen heran zu ziehen und durch die Zahl ihrer Mitglieder mehr noch moralisch als materiell Bedeutung zu bekommen, durch eine straffe Centralisation auch dem bescheidensten Manne die Ueberzeugung zu gewähren, daß wir nicht gewillt sind, der Gefährdung seiner Existenz und seiner Rechte entgegen zu arbeiten. Die Männer, die an der Spitze der Bewegung stehen, sind durch ihren Charakter Bürgen dafür, daß sie ihre in den Satzungen ausgesprochenen Grundsätze ohne jeden Hintergedanken zu verwirklichen anstreben werden. Das eben soll das Wesen der Vereinigung sein: daß sie allen Leidenden und durch die systematische Verleunidungskunst unserer Feinde in ihren Rechten Gefährdeten einen Stützpunkt bietet. Frei vor aller Welt wollen wir aussprechen, wie wir fühlen und was wir denken. Die systematischen Verleumder werden darum nicht aufhören, uns mit ihrem Gift zu überschütten. Die Neutralen aber werden einer ernst und würdevoll geführten Abwehr ihre Sympathie nicht versagen, und die uns heute nicht kennen, nicht zu kennen vermögen, weil ihnen unser ganzes Lebe» fremd ist, werden uns das Zeuguiß geben: Diese Juden Deutschlands sind nicht minder treue Staatsbürger als wir, so opferfreudige Patrioten, so edle Menschen. d Briefe aus Rußland, in. Nachdem wir i» unserem vorigen Briefe die Verhältnisse der jüdischen Volks- und Mitteljchulen zu schildern versucht haben, möchten wir jetzt über die hebräische Tagespresse in Rußland ein paar Worte sagen, zumal dieselbe für unsere Verhältnisse von großer Wichtigkeit ist. Viele von den Lesern im Abeudlande, wo die Keuntniß der hebräischen Sprache jetzt leider im Aussterben ist, werde» es gewiß für eine Fabel betrachte», wenn sie von einer hebräischen Tagespresse spreche» hören; aber es ist doch wahr! Zwei hebräische Zeitungen, „Hameliz" in Petersburg und „Hazefira" in Warschau, werden täglich! in Tausenden von Exemplaren gedruckt und verschickt. Besonderes i Interesse für diese Zeitungen hegen diejenigen, welche der russischen! Sprache nicht mächtig sind und deshalb den Ersatz einer europäischen i Zeitung in dem „Hameliz" oder in der „Hazefira" suchen. Die j Herren Redakteure Zederbauni (Hameliz) und Slonimski und; Sokolow (Hazefira) sind auch stets bemüht, allen von ihrem Publikum; ausgesprochenen Wünschen zu entsprechen. Zu jeder Nummer findet man Telegramme ans den verschiedenen Ländern der Welt, Politik und Neuigkeiten, besonders was die Juden aubetrifft. Beide Zeitungen haben fast in allen großen Städte» Berichterstatter, welche ihnen alles Wichtige rasch mittheilen. Auch im Ausland, wie in Paris, London, Berlin, Wien, Jerusalem ec., haben beide eifrige Mitarbeiter und Korrespondenten, welche die interessantesten Neuigkeiten zu berichten nicht versäumen. Aber auch diejenigen, die Zeitungen in den russischen und deutschen Sprachen lesen, finden noch Vieles in den obenerwähnten Blättern, was ihre Interesse und ihre Aufmerksamkeit erweckt und fesselt: das sind nämlich die verschiedenartigen Besprechungen über unsere jetzige Lage, die eigentlich das Hauptthema dieser beiden Zeitungen bildet. Es vergeht kein einziger Tag wo nicht neue Anregungen zu guten Thaten und Uiiternehmnngen gegeben werden. Mit besonderem Interesse wird die Emigratiousfrage erörtert; der „Hameliz" verfolgt dabei eine bestimmte Richtung und eine gewisse Idee; diese ist die sogenannte „nationale" Idee. Herr Zederbauni, der bekannte „Zionist", der schon seit dreiunddreißig