Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1893)
- Date
- 1893-03-24
- Page
- Seite 134 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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134 3ltl)lllt. Leitartikel r Die Berliner Reform-Gemeinde. — Zur Abwehr. — Briefe aus Rußland UI. Bon Jz. Barsel. — Die mitteleuropäische Zeit und der jüdische Kalender. Von Dr. Bl. Simon. — Ans dem NachlasseA. Bernsteins. V. — Feuilleton: Kleinstadtleben. Erzählung von Ernestine Streliskp. (Fortsetzung! — Ein Jahr vor der Emanzipation. Von Georg Minden. — Eine Nevolutien. Bon R. A. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Brandenburg a. H.. Nipslowitz. Aus Schlesien. Hamburg. Hannover. Wolsenbüttel. Bünde i. W. Frankfurt a. M.. Darmstadt, Budapest. Wilna. Kolvno. Sofia. — Bon Nakr und Fern. — Miscellen. — Geschäftliche Notizen. Wie Berliner Reform-Gemeinde. Berlin. 22. März. Wie überall im Judenthum, so regt sich auch in der Berliner Reform-Gemeinde seit einiger Zeit frisches, kräftiges Leben. Ter Borstand nnb die Prediger der Gemeinde wirken gemeinsam und in gedeihlicher Weise für das gleiche Ziel: Hebung und Kräftigung des religiösen Sinns innerhalb ihrer Gemeinde. In biefent Streben liegt aber zugleich auch der Zusammenhang, welchen die Berliner „Reform" mit dem Gesamlntjudenthum der Gegenwart verbindet. Als die „Reform" vor etwa 50 Jahren begründet wurde, traten die Vorkämpfer derselben mit einem Aufruf an die delltschen Glaubensbrüder heran, in dein sie erklärten: „Unsere innere Religion, der Glaube unseres Herzens ist nicht mehr im Einklang mit der äußeren Gestaltung des Jlldenthums. Ter Zweifel, der zu negieren angefangen, droht alle Grenzen zu überschreiten; er erzeugt den Jndifferentismus und den Unglauben und giebt uns der Rathlosigkeit preis, in welcher wir mit Schmerz zusehcn, wie unserer Nachkommenschaft mit den veralteten Formen auch der ewige, heilige Kern des wahren Judenthunls verloren zu gehen droht. Wir wollen Glauben, wir wollen positive Religion, wir wollen Judenthum!" Mit diesem Bekenntniß stellte sich aber auch die Berliner „Reform" auf den Boden des positiven Judenthums, gleichviel, was und wie viel sie von diesem behalten hat. Es war in der That ein tiefempfundenes Bedürfnis;, aus welchem sie hervorgegangen: und dieses Bedürfnis; hatte sicher seine Berechtigung. Aber man erkannte schon damals, daß die Befriedigung eines besonderen Bedürfnisses Vieler im Judenthum nicht die Lösung der Aufgaben des Judenthums überhaupt bringen könnte. Es sind nun bald 50 Jahre vorübergegangen, seit die Reformgemeindc begründet wurde. Man muß anerkennen, daß sie das ihr damals gesteckte Ziel mit hohem Ernst, mit voller Kraft und Begeisterung verfolgt hat. Aber es ist durchaus keine Jubiläums-Betrachtung, die wir hier zu schreiben gedenken; es ist vielmehr eine eminent praktische Veranlassung, die diese Betrachtungen herausfordert. Bereits seit länger als einem Jahre sind Verhandlungen im Gange, die eine Vereinigung der Reform-Gemeinde mit der H a u p t - G e m e i n d e anstreben. Wir haben lange gezögert, bevor wir in dieser Angelegenheit das Wort ergriffen. Nunmehr erscheint es uns aber als unsere publizistische Pflicht, darüber zu sprechen, und zwar indem wir für diese Vereinigung eintreten. Wir brauchen doch wohl dabei nicht die feierliche Versicherung abzugeben, daß die „Allgemeine Zeitung des Judenthums" durchaus uich t auf dem Boden der Berliner Reform- Gemeinde steht. Dies ist wohl allgemein bekannt; es hindert uns jedoch keineswegs, die Wirksamkeit ihrer Institutionen anzuerkennen. Hat die Reform-Gemeinde eine Berechtigung — und darüber kann doch wohl heute kein Zweifel mehr herrschen, — ist sie ihrer Mission fast ein halbes Jahrhundert treu geblieben — und ein jung aufblühendes Geschlecht, welches mit der Treue zmn Judenthum die Begeisterung für den Reform-Gedanken verbindet, ist dessen wirksamer Zeuge — so muß ihr auch innerhalb der Haupt-Gemeinde diejenige Stelle angewiesen werden, welche ihr als der religiösen Vertretung von mehr als 800 der vornehmsten unb besten Familien Berlins rechtmäßig zukommt. Eine solche Bereinigung wird, so meinen wir, aber auch für beide Theile von großem Nutzen sein. Für die Hauptgemeinde, welche ja in Berlin das Gesammt- Judenthum repräsentirt, ist es zunächst von hoher Bedeutung, daß sie auch den (Elementen unter ihren Steuerzahlern, welche einen Gottesdienst nach Art der „Reform" wünschen, einen solchen zu bieten vermag. Dieses Bedürfnis hat auch der Vorsitzeude des Vorstandes schon bei der Einweihung der Synagoge in der Lindenstraße ausdrücklich anerkannt. Darüber hinaus hätte aber diese Vereinigung noch eine Höhere Bedeiitung für uns. Es gehören der Hauptgemeinde unzweifelhaft leider viele Elemente an, die nur noch durch die Steuerquittung mit dein Judenthum zusammen hängen, weil sie einerseits alis den Traditionen herausgewachseu, andererseits nicht in der Lage oder gewillt sind, doppelte Stellern zu bezahlen. Diese Elernellte gehen aber leider früher oder später größtentheils dem Judenthum gällzlich verloren, während sie bei einer Vereilligung sich bestilnmt der Reform-Geuleinde anschließen würdell. Es ist dies ein Punkt, den wir der Beachtung der konservativen Elemente in unserer Repräseiltallten-Versammlung ganz besonders empfehlen. Aber auch für die Reform-Gemeinde, ja für sie zumeist, würde aus der Vereinigung mit der Haupt-Gemeinde großer Nutzen ersprießen. Es ist ja eine historische Thatsache, daß sie innerhalb des Judenthums bis jetzt isolirt dasteht. Sie hat nicht Wurzel geschlagen im Judenthum, sie kann sich auch in Zukunft nur durch den Zusammenhang mit der Haupt-Gemeinde erhalten, bann erst ihre eigene gemeindebildende Kraft erproben. Die Erhebung einer einzelnen Gemeinde ist immerhin eine bedeutsame und beachtenswerthe That, aber aus die Gestaltung der Reformbestrebungen an sich ist damit nur ein geringer Erfolg erzielt worden. Auch selbst in ihrem engen Kreise und mit den ihr zu Gebote stehenden Mitteln hat die Reform-Gemeinde nicht alles das erreichell können, was ihre Gründer beabsichtigten. Und alles das wird ihr erst durch den Zusammenschluß mit der großen Organisation der Haupt-Gemeinde sicher gelingen. So würde die von allen besonnenen Elementen angestrebte Vereinigung für beide Theile von großer Bedeutung, von nicht zll uliterschätzeildem praktischen Nutzen sein. Auch selbst Diejenigen, welche die Ziele und Tendenzen der „Reform" nicht billigen, — und wir habell bereits betont, daß wir ebenfalls ja nicht auf dem Bodell dieser Prinzipiell stehen — müssen doch den lebhaftell Wullsch hegen, daß innerhalb der Haupt-Gemeinde Berlins alle Partei-Elemente zu einem höheren Ganzen vereinigt, daß allen berechtigten religiösen Bedürfnissen Sorge getragen werde. Nur auf der Vereinigung aller (Steinente beruht die Kraft und die Stärke des Judenthums nnb seine lebengestaltende Zukunft. U Zur Abwehr. Berlin, 20. März. Wir erhalten von bethciligter Seite den nachstehenden Aufsatz, den wir gern znni Abdruck bringen, indem wir uns Vorbehalten, unsere Ansicht über die schwebenden Fragen demnächst ausführlich darzuleqen. Der Artikel lautet: Seit Beginn dieses Jahres herrscht in den Kreisen unserer Glaubensgenossen eine starke Bewegung. Man fühlt, daß die Zustände für uns unerträglich geworden sind, man sucht nach einem Ausweg, man erwartet eine That. Sprach man in früheren Jahren von einem öffentlichen, gemeinsamen Schritt der Juden Deutschlands, so hörte man häufig den