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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-03-17 · Heft 11 (17.3.1893) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 11 (17.3.1893)
Date
1893-03-17
Page
Seite 2 (sequence 16)
Language
German
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2 bei Beginn der Berathungen über den Militäretat angeregt hat, hat er sich der weiteren Erörterung gerade bei den Kapiteln, wo die Sache an der richtigen Stelle war, entzogen. Ich höre, der Herr ist auf Agitationsreisen unterwegs. (Heiterkeit.) Es ist ja leichter, in Versammlungen Anklagen zu erheben, als angesichts der Militärbehörde für solche Anklagen einzutreten. Ich konstatire einfach, daß der Abg. Ahlwardt debütirt hat mit dem Vorbringen von Unwahrheiten, welche sofort als solche konstatirt worden sind. (Lebhafter Beifall links.) In der gestrigen Reichstagssitzung wurde auch der Abg. Dr. Ludwig Bamberger durch die Gegner der Goldwährung veranlaßt, aus seiner Reserve heranszutreten. Er sagte u. A.: Graf Mirbach hat angedeutet, ich hätte mich durchweine besondere Qualität als Jude bestimmen lassen, seiner Zeit für die Goldwährung zu stimmen. (Unruhe rechts. Zustimmung links.) Tiefes Raisonnement greift auf konfessionelle Fragen über. In solche habe ich selten oder nie eingegriffen. Ob ich ans alte Testament glaube oder nicht, darüber kann ich mich hier nicht aussprechen. Vielleicht würde sich hier Herausstellen, daß viele der Christen hier mehr Jude sind als ich, da sie mehr als ich ans alte Testament glauben. Hält Graf Mirbach einen Volksvertreter für zurechnungsfähig für sein Amt, wenn er seine Zustimmung zu den Akten der Gesetzgebung von solchen niedrigen Motiven abhängig macht? Ich bin seit 25 Jahren neun Mal gewählt, aber nie als Jude oder als Christ, sondern als Deutscher. Wie soll ich denn gewählt sein als Vertreter der Interessen des Judenthums? Hält er mich für so niedrig, daß ich nicht durch das Studium zu meinen Anschauungen gekommen wäre? Glaubt er, es giebt in diesen Dingen eine jüdische und eine nichtjüdische Wissenschaft? Ein Herr, der so die Noblesse zu vertreten sich berufen fühlt, sollte einem Kollegen doch nicht Gedanken unterschieben, die nur als außerordentlich niedrige und gemeine erscheinen können. In einem wirklich durchgebildeten Gehirn können solche Vorstellungen nicht entstehen. (Sehr richtig! links.) Wenn mir in dieser Versannulung nach 25 Jahren solche niedrigen, gemeinen Motive untergeschoben werden, so zeigt das, wohin wir allmälig gekommen sind. Warum sind denn spezifisch jüdische Momente zu Tage getreten. Die Juden besitzen den größten Theil des mobilen Kapitals, sagt Herr Graf Mirbach. Ein großes Wort — aber nicht wahr! Es giebt etwa 0 Millionen Juden in der Welt, darunter eine große Menge recht armer und bedürftiger Das große Haus Rothschild ist entschieden bimetallistisch gestimmt. In der Debatte von 1879, als ich mich über die Sistirung der Silberverkäufe beschwerte, gab Fürst Bismarck zu, das Herr von Bleichröder Bimetallist sei. Einzelne große Firmen haben allerdings das größte Interesse an der Doppelwährung, weil das Geschäft in Metallen in ihren Händen liegt (Sehr richtig! links), und das sind meistens jüdische Firmen. Wenn Herr Graf Mirbach mir also mildernde Umstände zubilligt, weil ich ein Jude bin, so muß ich das entschieden ablehnen. # Berlin, 12. März. Zwischen den Antisemiten Stöckerscher und Ahlwardtscher Observanz herrscht augenblicklich die heftigste Fehde. Das ist das Nachspiel zu der Liegnitzer Wahl. Das Blatt des Herrn Stöcker hatte Dankbarkeit für die Konservativen gefordert, da sie Herrn Hertwig schon im ersten Wahlgange unterstützt hatten, und hinzugefügt, derartige Empfindungen scheinen dem „reinen" Antisemitismus etwas völlig Fremdes zu sein. Die Abkanzelung gipfelte in dem Rufe: „Hände weg!" Das Ahlwardt-Blatt setzte alsbald auf einen Schelmen anderthalbe, redete von „Ueberhebung" und Naivetät der „Anschauungsweise", fragte, ob denn die Bundesgenossenschaft nur darin bestehen solle, daß der Antisemitismus der konservativen Partei Vorspanndienste leiste. Der „Ton der Arroganz" sei nur geeignet, bittere Empfindungen zu erwecken. Königsberg i. Pr., 10. März. Der zweiunddreißigste Jahresbericht des israelitischen Waisenhauses für Stadt und Provinz giebt an, daß diese Anstalt Ende des Jahres 34 Zöglinge zählte. Davon sino 23 schulpflichtige Knaben, 6 schulpflichtige Mädchen und 5 Handwerkslehrlinge. Die Aufwendungen betrugen im Jahre 1892 im Ganzen 22,667.43 Mk., davon für Beköstigung, Beheizung, Beleuchtung, Wäsche und Kleidung für die Zöglinge 11,057.65 Mk. Im Vermögen besitzt die Anstalt zwei Grundstücke, 14 Synagogenstände, sowie ein Kapital von 290,927.51 Mk. * Moschin, 4. März. Der hiesige Magistrat hat in Verbindung mit der Stadtverordneten-Bersammlung dem Kaufmann Herrn Adolf Silberstein in Anerkennung seiner 15jährigen Thätigkeit als erster Magistratsschöffe das Prädikat „Stadtältester" verliehen. Dem genannten Herrn wurde am 22. v. Mts in seiner Wohnung das hierüber lautende, von Herrn Kornfeld in Posen künstlerisch angefertigte Diplom durch Herrn Bürgermeister Delica im Beisein des Magistrats und der Stadtverordnetenversannnlung mit einer herzlichen Ansprache, in welcher die Verdienste des Herrn S. nur die Stadt rühmlichst hervorgehoben wurden, im Beisein der Silbersteinschen Familie übergeben. Herr Silberstein dankte tiefbewegt für die ihm gewordene Auszeichnung und lud hieraus die erschienenen Herren zu einem Gabelfrühstück ein. Oa Aus Schlesien, 4. März. Am letzten Tage des verflossenen Monats verschied früh 8^ Uhr Herr Stadtrath Boas in Grünberg im Alter von 49 Jahren nach langem Leiden. Das Vertrauen seiner Mitbürger berief ihn schon vor 20 Jahren in die Stadtverordneten Versammlung, die ihn von 3 Jahren in den Magistrat wählte. Tic Synagogen-Gemeinde verliert in ihm ein lanjähriges Vorstandsmitglied, an dessen Namen jede segensreiche Einrichtung und jeder Fortschritt \v den beiden letzten Dezennien geknüpft ist. Ter Verstorbene war ein that kräftiger Förderer jedes gemeinnützigen Werkes, und noch in der letzten Zeit vor seiner Erkrankung hat er wesentlich zum Zustandekommen einer Gesellschaft für Weidenkultur beigetragen. Als Vorsitzender des Aufsichts rathes der Gartenbau-Aktiengesellschaft hat er sich hervorragende Ver dienste um die Pflege des hiesigen Gartenbaus erworben. Lange Zeii war er Vorsitzender des kaufmännischen Vereins „Merkur". Des Weiteren fanden die musikalischen Bestrebungen in unserer Stadt in dem kunst finnigen Manne einen eifrigen Pfleger und Förderer. In politischer Hinsicht sich zur freisinnigen Partei bekennend, trug er als langjährigem Vorstandsinitglied des „liberalen Vereins" und des späteren „freisinnige!- Vereins" durch seine ruhige Besonnenheit wesentlich zur Stärkung und Kräftigung der Partei bei. Der Heimgang des allgemein hochgeachtete): Mannes wird von sehr Vielen aufrichtig betrauert werden und sein Au denken wird lange unter seinen Mitbürgern fortleben. — Die jüdisch' Gemeinde in Oppeln beabsichtigt, ihre Synagoge, die schon in räum licher Hinsicht den heutigen Anforderungen nicht mehr genügt, umzubauen resp. zu verkaufen (?) und einen Neubau an anderer Stelle aufzuführen Die Entwürfe für beide Projekte, über welche die Entscheidung noch aus steht, find von dem Architekten Henry in Breslau angefertigt worden — Herr Rentier I. Schück in Ratibor beging vorgestern unter viele: Ehrenbezeugungen weiterer Kreise seinen 80. Geburtstag. — Zu Ehren des Amtsrichters Herrn Goldfeld in Kätscher, der nach Ratibor ver setzt ist, fand am 26. vorigen Monats eine Abschiedsfeier statt. Zahl reiche Freunde hatten sich dazu eingefunden. Dr. Krohn feierte den Scheidenden als Freund, Amtsrichter Plitz hob den kollegialen Sinn de Amtsgenossen hervor, Stadtrath Hering dankte Herrn Goldfeld für sein Bemühungen um das Wohl der Stadt Kätscher, und Apotheker Klos, widmete sein Glas dem scheidenden Kegelbruder. — Die Synagogen Gemeinde in Königs Hütte, von deren raschem, erfreulichem Aufschwung Ihnen jüngst berichtet worden, wird vom 1. April d. I. eine For! bildungsschule für jüdische Lehrlinge nach dem Muster der von (Steroei'&eöereht eingerichteten gleichartigen Schule für Handwerkslehrlina ins Leben rufen. — In Beut he n (Oberfchlesien) feierte Herr Schneider meister Emanuel Böhm das Fest seiner 25jährigen Mitgliedschaft de. dortigen Schneiderinnung, deren Obermeister derselbe auch längere Ze war. — Der 70. Geburtstag des Buchhändlers Herrn Roth in Lublinin soll am 2. März festlich begangen werden. 6. Breslau, 3. März. Am Sonntag den 26. Februar, Vormittag 11 Uhr, hielt die zweite Brüder gesell sch ast im Saale der Erholunggesellschaft ihre diesjährige ordentliche Generalversammlung ab, welä von dem Vorsitzenden, Herrn Kaufmann Sachs, eröffnet wurde. Nacl dem derselbe der im letzten Jahre verstorbenen Brüder in ehrenden Worte/, gedacht hatte, erstattete er den Jahresbericht. Die Gesellschaft hat auch diesem Jahre, ihrer Humanitätsbestrebungen eingedenk, die Noth in de Gemeinde nach Kräften abzuwenden gesucht, sodaß der für Unterstützungen ausgeworfene Etat überschritten werden mußte. Die Gesellschaft zäh'u gegenwärtig über 200 aktive Mitglieder; zwölf Brüder haben sich b;o immerwährende Mitgliedschaft erworben. Die Einnahmen für das Jal 1892 betrugen insgesammt 6663.19 Mark, die Ausgaben 5898.04 Mari, sodaß ein Bestand von 765.15 Mark verbleibt. Die Gesellschaft hal auch in fürsorglicher Weise für ihre Mitglieder eine Alters-Versicherungs stiftung errichtet, aus deren Einkünften alte, dem Siechthum verfallene

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