Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1893)
- Date
- 1893-03-17
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
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Gerlin, 17. Mär; 1893. 57.3«l)rgang. «r. 11. 'Ueitcrge Zurr „Allgemeinen Zeitung öes ZuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. Berlin, 15. Februar. In der Nacht zum 12. d. ist hier der Oberstabsarzt a. D. Dr. Heinrich Asche gestorben. Der Verstorbene, ein Sohn des früheren Prenzlauer Rabbiners, war der erste Jude, der Oberstabsarzt 1 Klasse geworden ist. Er wurde außerdem mit dem Eisernen Kreuze zweiter Klasse und dem Nöthen Adlerorden dritter Klasse mit der Schleife ausgezeichnet Der Hingeschiedene stand beim 3 Feld- Art.-Reg und hatte alle drei Feldzüge milgemacht. Die Leichenrede am Grabe hielt Herr Rabbiner Dr. Mapbaum. * Berlin, 12. März. In der Aula des Friedrich-Wilhelms-Gymnasiums fand gestern Abend eine erhebende Gedenkfeier für den Direktor derphysikalisch-technischen Reichsanstalt Dr. Leopold Loewenherz statt. Die Veranstaltung war von der deutschen Gesellschaft für Mechanik und Optik angeregt worden und ihre Mitglieder waren von Nah und Fern zur Feier hierher gekommen. Der große Saal war geüllt; vor der Rednerbühne hatte das lebensgroße, mit einem Lorbeerranze umgebene Porträt des Verewigten Aufstellung gefunden. In der wrdersten Reihe hatten die Wittwe und die nächsten Anverwandten des Verstorbenen Platz genommen. Außerdem bemerkten wir hier Exzellenz >on Helmholtz, Herrn Geheimrath von Wehrenpfennig als Vertreter des 'Kultusministeriums, Herrn Geheimrath Huber als Vertreter des Reichs- -mts des Innern, den Präsidenten des Kuratoriums der physikalischcchnischen Reichsanstalt Herrn Geh. Rath Weimann, Herrn Geh. Rath dr. Förster, die Stadtverordneten Dr. Neumann und Schwalbe, sowie ierrn Rabbiner Dr Maybaum. Mendelssohns „Selig sind die Todten," on einem unsichtbaren Sängerchor gesungen, leitete die Feier ein, dann nielt Herr Mechaniker R. Fueß eine tiefempfundene und tiefergreifende Gedächtnißrede. Der Redner schilderte den Lebensgang des Verstorbenen, er, am 31. Juli 1847 geboren, einer armen jüdischen Handwerkerfamilie litstammcnd, nur mit äußerstem Fleiß und strengster Pflichterfüllung mter den härtesten Entbehrungen aller Art sich zu seinem wissenschaftichen Berufe vorbereiten konnte. Er würdigte die großen Verdienste -oewenherz's auf wissenschaftlich-technischem Gebiete, den stutzen seiner Erfindungen und die Förderung, welche die ganze Präzisionstechnik urd) ihn erfahren. Er gedachte in warmer Anerkennung der steten Hilfsbereitschaft des Hingeschiedenen für junge Talente, die mit des ebens materiellen Sorgen zu kämpfen hatten, und pries laut des Verengten Verdienste um den ganzen deutschen Mechanikerstand. Nachdem r der Familie gedacht, richtete Herr Fueß zum Schluß die Worte direkt u seine Standesgenossen und ermahnte sie, das Bild Loewenherz's stets m Gedächtniß zu tragen und ihn als leuchtendes Vorbild zu betrachten. Er war ein Mann von weitreichendem Blick, von großer wissenschaft- - cher Begabung und Bedeutung, mit diesen geistigen Eigenschaften ver- ' and er aber auch große Eigenschaften des Herzens, freundlich, offen, on gewinnender Herzensgüte, war er zu jedem Rath, zu jeder Hilfe leid) und gern bereit. Ihm nachzueifern wollen wir uns heute heilig ckoben." Gesang und ein Orgel-Nachspiel beschloß die erhebende Feier. * Berlin, 15. Mürz. In beiden Parlamenten haben auch in der lsten Woche das Judenthum und seine Gegner eine Rolle gespielt. Im ibgeordnetenhause kam es in der Sitzung vom 8. d. M. zu folgender Auseinandersetzung zwischen den Herren v. Minnigerode und Rickert: lbg. Freiherr v Minnigerode: Mit der agrarischen Bewegung geht egenwärtig eine antisemitische Hand in Hand. Der Reichskanzler hat nch energisch gegen die letztere gewandt; aber so viel Einseitigkeit auch in dem Antisemitismus steckt, muß ihm doch zugestanden werden, daß er imanches Billige enthält. Berechtigte Klagen und Sorgen auf diesem Gebiete gehen durch das Land. Wir erkennen den vielfach vordrängenden ulid zersetzenden jüdischen Einfluß auf unser Volk an, und wir halten die Mahnung heute noch für gerechtfertigt und nothwendig, gesetzgeberisch gegen denselben vorzugehen. Es kommt uns darauf an, unser Volk auf I einen gesunden Kern zurück zu bringen; deshalb haben wir die berechtigten; Forderungen in dieser stürmischen Bewegung zu den unsrigen zu machen! für unsere Pflicht gehalten und sind heute noch derselben Meinung. (Beifall rechts.) Abg. Rickert: Herr v. Minnigerode fühlte das Bedürfniß, noch einmal auf die antisemitische Frage zurückzukommen. Es kam mir so vor, als ob er seine Partei entschuldigen wollte. Er sprach seine Unzufriedenheit mit dem Reichskanzler mt§, daß er der antisemitischen Agitation mit allen Mitteln entgegen tritt. Das macht ihm Ehre, j Er sagt: wir haben die berechtigten Forderungen herausgenommen, uni - den Strom in unser Lager zu leiten. (Sehr richtig! links.) Wie Ihnen das gelungen ist, diese Bewegung in Ihr Lager zu leiten, viele Arnswalde- Friedeberg, viele Liegnitz-Goldberg. (Große Heiterkeit.) Was bleibt von Ihnen noch übrig? Sie Laufen den Antisemiten nach! Kehren Sie um, Herr v. Minnigerode (Lachen rechts.), so stark, wie Sie zu sein glauben, sind Sie nicht, dieser Bewegung werden Sie nicht mehr Herr werden.! Herr v. Minnigerode hat gesagt, seiner Partei gehöre die Zukunft. Nun,! meine Herren, Sie sind heute bereits bei Ahlwardt und Hertwig an-! gekommen; das ist Ihre Zukunft. (Lebhafter Beifall links.) — In der darauffolgenden Sitzung, in der die Aufhebung des Gesetzes über die Ansiedlungsj Kommission in der Provinz Posen zur Debatte stand, gab es wieder eine j Episode, die folgendermaßen verlief: Abg. v. Erffa (kons.): Es haben sich 670 evangelische und 80 katholische Bewerber gemeldet; dementspricht nachher auch die Zahl der evangelischen nnd katholischen Ansiedler. Be-; merkenswerth aber ist, daß sich kein Jude gemeldet hat (Lochen rechts.) Wo es gilt, bei körperlicher Arbeit Schweiß zu vergießen, da sind die; Juden nicht vorhanden Abg Neukirch (dfr.): Der Vorredner befindet i sich ini Jrrthum, wenn er meint, es hätten sich keine Juden für die An- § siedelungsgüter gemeldet; es sind deren fünf in der Tabelle nachgewiesen.! Herr Neukirch hätte noch hinzufügen sollen, daß von diesen fünf kein Einziger berücksichtigt wurde! — In der Reichstagssitzung von 9. d. debütirte Herr Ahlwardt — aber ohne großes Glück, wie aus den Erklärungen der Sonnabendsitzung hervorgeht. In dieser Sitzung kam es zu folgenden Erklärungen: Kriegsminister v. Kalte nborn-Stach an: Auf die Aeußerungen Ahlwardts vom 9. März d. I. zu antworten,; hielt ich nicht für nöthig, weil von amtlicher Stelle hier und außerdem durch meine amtliche Erklärung vom 29. Mai vorigen Jahres und ferner durch das gerichtliche Urtheil vom Dezember letzten Jahres die Verhältnisse zwischen den Behauptungen Ahlwardts und der Waffensrage in der Armee eine genügende Beleuchtung gefunden haben. (Sehrrichtig! links) Ich hielt diese Beantwortung auch nicht für wünschenswerth, weil ich weder die Anfrage des Herrn Ahlwardt noch die Debatte, die sich voraussichrlich daran knüpfen würde, für vortheilHaft für das Vaterland hielt. (Sehr richtig!) Wenn aber der Vorredner j Herr v. Marqnardsen eine Erklärung wünscht, so bin ich gern dazu j bereit. Das in meiner Erklärung vorn 29. Mai vorigen Jahres abi gegebene günstige Urtheil über die Waffen, welche die Firma Loewe der : Armee geliefert hat, ist durch die inzwischen gemachten Erfahrungen j voll und in jeder Beziehung bestätigt worden. (Hört! hört!)! Wir halten die Waffen für so kriegsbrauchbar und vortrefflich | wie irgend eine Waffe, die unsere Infanterie in der Hand gehabt j hat. Die Herren dürfen also mit vollem Vertrauen der Zukunft ent-! gegensehen. Die Behauptung Ahlwardts, daß 60,000 Läufe von einer; Firma in Solingen der Firma Loewe geliefert worden seien, welche die italienische Regierung bereits früher als unbrauchbar zurückgewiesen; habe, ist absolut falsch (Hört! hört!) Was ferner die eidesstattlichen Versicherungen betrifft, welche Ahlwardt neuerdings zugegangen sein sollen, so ist in dem Prozeß gegen ihn nachgewiesen worden, daß der- : artige Versicherungen verhältnißmäßig leicht zu erlangen sind (Sehr richtig! links), daß sie aber keineswegs irgendwie bedeutenden : Werth haben. Auf den Vorschlag Ahlwardts, die Gewehre der Firma! Loewe zurückzugeben, einzugehen, hat die Heeresverwaltung gar keinen! Anlaß (Lebhafter Beifall.) — Abg. Richter: Ich bedaure, daß der! Abg. Ahlwardt heute nicht zur Stelle ist. Nachdem er selbst diese Frage