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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-03-17 · Heft 11 (17.3.1893) · p. Seite 132

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 11 (17.3.1893)
Date
1893-03-17
Page
Seite 132 (sequence 14)
Language
German
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132 staudes aus sicherer Quelle am Platze selbst zu erfahren. In F. existirt ein Mann, der dem dortigen Kantor feindlick) gesinnt war. Dieser sprengte s. Z. über den Kantor das falsche Gerücht aus, er habe ein Vergehen gegen die Sittlichkeit sich zu Schulden kommen lassen. Mit Blitzesschnelle verbreitete sich diese Verleumdung als reine Thatsache in der Stadt, weshalb der Kantor sich an den Vorstand klagend wandte und Genugthuung resp. Widerrufung dieses falschen Gerüchtes seitens des Betreffenden verlangte. Anstatt dieses traurige Vorkommniß zu rügen oder auch nur dieser Angelegenheit eine weitere Beachtung zu schenken, wies der Vorstand den Kantor mit dem Bemerken ab: „Mit Privatsachen lassen wir uns nicht ein, wenn Jener Sie beleidigt und falsche Gerüchte über Sie ausgesprengt hat, so verklagen Si. ihn." Auf Grund dieser Abfertigung reichte der Kantor bei dem Arnts^ gericht die Klage ein, die jedoch von der Staatsanwaltschaft in Strafsachen als eine schwere Verleumdung und Berufsstörung angenommen worden ist. Als nun der Betreffende die erste Vorladung erhielt, eilte ei sofort zürn Vorstand, welcher dem Kantor befahl, die Anzeige schleunigst zurückzunehmen. Da dieser als Ehrenmann die Anzeige nicht mehr rück gängig machen konnte, kündigte ihm der Vorstand die Stelle, und als er am ersten Nosch-Haschanah Abend vorzubeten im Begriffe war, fantcu zwei Mitglieder aus der Gemeinde auf ihn zu, packten ihn am Kragen und rissen ihn gewaltsam vom Vorbeterpult weg! I K ^er Bürgermeister und Magistrat Zu Düsseldorf am Rheine Die saßen zusammen und hielten Rath lieber den Heinrich Heine. Und Einer sprach: Ehrsame Herrn, Es ist nicht länger zu leiden. Daß wir die Sach' ins Blaue zerr'n. Wir müssen uns heut entscheiden. Zeit ist's fürwahr, daß rings im Land Das schnöde Geschwätz verstumme. Beisammen ist, wie allbekannt. Das Geld, eine schöne Summe. Auch ward mit hastigem Unbedacht Ein wackrer Künstler gewonnen, Der hat ein trefflich Modell gemacht Für einen Loreley-Bronnen. So weit wär's gut, ich sag' es frei. Wenn nran nicht drauf bestände. Daß auch der Dichter der Loreley Am Sockel ein Plätzchen fände. Doch man verdirbt das ganze Spiel Mit dieser Heine-Ekstase. Und zeigt man auch nur sein Profil: Er hatt' eine Judennase. Die säh'n mit äußerstem Verdruß Die biederen Antisemiten. Man weiß, der koetor juikiicu.s Ist hier nicht wohlgelitteu. Auch äußert' über Altar und Thron Der Heine sich oft blasphemisch. Er war der Grazien Lieblingssohn, Doch ungezogen und hämisch. Und Alle sagen: er hatte Talent, Doch leider keinen Charakter. Sein Vers war häufig insolent, Sein Leben nicht intacter. Im Eifer des Gefechtes schlug Er hin mib wieder daneben. Mein Gott, die Zeit war auch nicht klug, Drum möchte man's ihm vergeben. Engländer, Spanier, Dänen sogar, Franzosen und Italiener — Kein Zweiter der deutschen Dichterschaar Ist weltberühmt wie Jener. Was soll'n wir sagen, wenn Einer fragt. Gekommen aus fremdem Lande: Wo steht ein Heine-Denkmal? Sagt! Nirgends? O Schimpf und Schande! — Herne in Düsseldorf. Von Paul Heyse?) Würd' uns ein hübscher Brunnen bescheert. Das könnt' uns wohl gefallen. Doch wir sind Deutsche und legen Werth Auf die Gesinnung vor Allen. Das Geld, so man gesammelt hat. Kann andre Verwendung sind n. Man könnte dem großen Fastenrath Ein würdiges Denkmal gründen. Und wollte man weiter mn sich schaun. So wär's fürwahr kein Schade, Den Ehrn Stöcker auszuhaun Auf unsrer Promenade. Zwar offen betreibt er das Dichten nicht. Doch übt er's wohl im Geheimen, Sonst könnt' er christliche Liebespflicht Und Judenhaß nicht reimen. — Die Väter der Stadt, sie lauschten stumm Und wiegten ernst die Köpfe. 'Auf ihren Rücken tanzten herum Verstohlen die langen Zöpfe. Und wieder trat ein Redner auf Und sprach: Meine Herren Kollegen, Das Ding nimmt einen üblen Verlauf. Ich bitte zu erwägen: Der Heine — mit Kummer sprech' ich's aus - Ist populär geworden Weit über Deutschlands Grenzen hinaus. In Ost, Süd, West und Norden. In alle lebenden Sprachen ward Sein Liederbuch übersetzet; Ein Factmn ist's betrüblicher Art, Wie sehr man ihn überschätzet. Dem Dichter war wohl daheim Cvit Schilda'v theurem Eichenhain. Heinrich Heine. Die Väter der Stadt sie lauschten verstimmt Und rieben sich die Nase. Das Wort ein Dritter nimmt Mit sittlicher Emphase: Was schiert uns aller Hohn und Spott, Mit dem uns Fremde beluden? Wir Deutsche fürchten nichts als Gott, Doch nicht den Gott der Juden. Schätzt mau in Frankreich Heiue's Stil, So dien' uns das zur Warnung! Man weiß, wie schmachvoll er verfiel Erbfeindlicher Umgarnung. Wär' er im Leben und Gedicht Ein Patriot gewesen, Ihn würden mit solchem Eifer nicht Die fremden Völker lesen. Zur Strafe, daß er sich erfrecht, Nichtdeutsche zu erbauen, Soll man in Deutschland nun erst rech. Kein Heine-Denkmal schauen! — Ein allgemeines Bravo scholl. Ein wüthendes Beifallstoben. Der Bürgermeister sprach würdevoll: Die Zweifel sind gehoben. Nach diesem schlagender! Argument Wird sich's von selbst verstehen. Daß über das Heine-Monument Zur Tagesordnung wir gehen. Das Geld — ich denk', es findet sich wohl Ein Zweck für die reicher: Mittel, Vielleicht für Dichter, gesinnungsvoll. Doch ohne Talent, ein Spittel. Mag immerhin ein Studentenhaus' Die Lieder des Inder: plärren. Was thut's? — Ich hebe die Sitzung auf. Wünsch' guten App'tit, ihr Herren! — Sie nahmen die Hüte und gingen fort. Die wackeren Bürger und Galten. Man sagt, es sei am Rathhaus dort Vorübergehuscht ein Schatten. In den verklärten Augen stand Ein schmerzlicher Hohn zu lesen: „Einst hatt' ich ein schönes Vaterland; 's ist nur eir: Traum gewesen!" r) Unter den deutschen Dichtern hat Paul Heyse zuerst und mit voller Entschiedenheit sich gegen der: Antisemitismus ausgesprochen. Auct'. das obenstehende Gedicht, das wir der „Zukunft" entnehmen, ist ein kräftiger Protest gegen die Ausschreitungen jener Bewegung. Die Red Truck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchlvitz in Berlin.

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