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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-03-17 · Heft 11 (17.3.1893) · p. Seite 130

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 11 (17.3.1893)
Date
1893-03-17
Page
Seite 130 (sequence 12)
Language
German
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130 Man wußte nicht seit wann, man wußte nicht woher, aber man fühlte die Spannung, man fühlte bei jeder Gelegenheit eine versteckte Feindschaft heraus. Die Juden schlossen von der Wirkung, die sie fühlten auf die Ursache zurück; sie reimten sich den Zusammenhang ganz richtig, und das bewirkte, daß auch sie auf einmal vergaßen, wie sehr sie erst durch die Freundschaft des Doktors zu Hirsch sich geehrt fanden, wie sie selber Hirsch und seine Tochter achteten; auch sie fingen nun an, über seine Besuche bei Hirsch still zu flüstern. Und wie cs genügt, daß ein Funke das Pulverfaß in Brand setzt, so genügte hier eine Kleinigkeit, das anfängliche Flüstern in lautes Schimpfe», Verdächtigungen und Verleumdungen umzuwandel». Der Arzt wurde eines Abends zu einem Kranken gerufen; man fand ihn nicht zu Hause, er mußte erst von Hirsch geholt werden; der Diener, der dies thun sollte, hatte wohl auf dem Wege einen Bekannten getroffen, und es dauerte deshalb einige Stunden, bis er mit dem Doktor wiederkam. Der Zustand des Kranken halte sich inzwischen verschlimmert, man gab nun Anna die Schuld daran, man erinnerte sich, daß es schon oft vorgekommcn, daß man den Doktor von dort erst habe holen müssen, und diesem Umstande seien auch die Todesfälle bei Kindern, die am Hals erkrankt waren und keine rasche Hilfe hatten, zuzujchreibeu. — „Denn der Doktor ist auch damals gewiß nicht über Land gewesen, wie sein Diener gesagt hatte, „er hat sich wahrscheinlich nicht wollen stören lassen, denn von Hirsch hätten wir ihn ja geholt," sagten die Leute nun, „die Sache ist uns klar, so wie wir das jetzt einsehen" Erhitzt, aufgeregt, und noch mehr als sonst gcstikulirend, stürzte Herzel eines Abends ins Zimmer. „Jitel, ich sage Dir, es ist ein Skandal! Deine Anna, man kann gar nicht durch die Gasse gehen, so reden sie von ihr; ich sage Dir, Du mußt etivas thun, denn sie ist ja Deine Freundin; geh' hin zu ihr, stelle ihr die Folgen vor." Herzel wurde immer noch aufgeregter und ergoß sich in einem Strom von Worten. „Aber Herzel, beruhige Dich doch, ich weiß ja gar nicht, wovon Du sprichst! Was willst Du? was sagt man?" „Man sagt, daß Kalinsky nicht zu Hirsch kommt, er geht nur Annas wegen hin, er hat Anna lieb, er vernachlässigt die Kranken durch Anna; Anna macht sich auch gar nichts mehr aus Max, wenn einmal Jemand mit ihr redet, lobt sie sehr den Doktor, der alte Hirsch merkt gar nichts und meint, nur ihm zu Liebe kommt Kalinsky. Nun frage ich Dich, ist das nicht fürchterlich? Hat man je so etwas gehört!" „Herzel, kannst Du von Anna etwas Schlechtes glauben? Die Leute schwatzen, weil es sie verdrießt, daß Anna schöner, gebildeter ist wie sie; daß der Doktor sich gern mit ihr unterhält, gebe ich z», aber nur weil sie klug und gebildet ist; glaube mir Herzel, sonst ist gewiß nichts daran, ich sage Dir noch, wenn Kalinsky soll zehnmal täglich zu mirkommcn, würde keinem Menschen einfallen, etwas Arges daran zu finden." „Na das wäre schön," ereiferte sich Herzel. „Wie soll man von Dir Böses sagen können, denn an Dir ist eben nichts Schlechtes, nichts Gemeines; wie sollen also die Leute da etwas finden, wo nichts zu finden ist, ich weiß das ganz gut." „So, darum meinst Du, Herzel! Aber Du irrst Dich ganz gewaltig, ich will Dir sagen warum, weil ich nicht so schön bin wie Anna." Herzel schaute seiner Frau unverwandt erstaunt ins Gesicht, so, als wollte er sich überzeugen, ob sie recht habe, er ward aber nicht überzeugt. „Jitclleben, ich verstehe Dich nicht, mir gefällst Du besser wie Anna." „Sehr gut, mein Herzel, also zu Anna will ich gehen, nur nicht heute, Du weißt, ich bin keine Freundin von raschem Handeln, ich will erst überlegen, wie und was ich ihr sagen soll, ich will allein auch erst ruhiger werden, denn die Sache geht mir doch sehr nahe, nicht weil ich von Anna schlecht denken könnte, nur weil cs Menschen giebt, die es thun, wie ich höre." Arn nächsten Tage, als Jitel zu Anna kam, faßte sic die junge Frau an den Händen, beugte ihren Kopf vor lind sah ihr m die Augen, dann küßte sie die Freundin „Jitel, wie sonderbar sind Sie heute? Was haben Sie?" „Anna, ich habe mit Dir zu reden, ganz allein mit Dir, Dein Vater darf uns nicht stören." Anna sah die Freundin inliner verwunderter an, „Sie scheinen so bewegt, was ist vorgefallen? spreche» Sie doch, was sollen dir Vorbereitungen?" und wie von einem Gedanken erfaßt, sagte Anna schnell: „Ist etwas mit Max?" „Nein, Du weißt also gar nichts? Während die ganze Stad! herumredet und schwatzt, bist Du ahnunglos. Gottlob! Das über zeugt mich noch mehr, obgleich es für mich zivar keiner weitere! Ueberzeugung bedarf." „Aber Jitel, haben Sie Erbarmen, sagen Sie niir endlich, war ist geschehen?" „Versprich mir, ruhig zu bleiben, Anna." Und nun begann Jitel von den Verleumdungen und Verlästerlmgen zu erzählen, die Herzel über Anna hat anhören müssen, und >vie die ganze Stadt von Nichte Anderem rede, als von ihr und Kalinsky, und daß sie sagen, es jeeine Schande, wem: eine jüdische Frau, auf die Alle so stolz gewesen, ihre Ehre, ihr Judenthum so beschmutzen könne. Auch in der Schuhabe man schon davon gesprochen, man solle Anna, wenn sie sich ander Straße zeige, nicht mehr grüßen, ihr ausweicheu, den» sie entehrdie ganze Gemeinde durch ihr Betragen. Starr, die Augen auf Jitel gerichtet, hörte Anna diesen Berich an, ein Heer von Gedanken und Gefühlen bestürmten ihren armcn Kopf, ihr Herz klopfte in wilden Schlügen, sie war keines Worten mächtig. — „Was denkst Du nun zu thun?" fragte Jitel, Anna antwortete nicht. „Vergieb Anna! daß ich Dich so kränken muß, ich weiß ja, dal: Du so rein und lmschuldig bist, denn sonst, so lieb ich Dich habe ich süße jetzt nicht hier, Anna! Kalinsky darf Euer Haus nicht inehr betreten, das ist klar, aber wie soll man ihm das sagen? Ich glaube mit der Wahrheit kommt man am besten durch. Wir erzählen ihm von dem Gerede der Leute, er kan» es im dann wahrlich nicht verdenken, weder Dir, noch mir, Deiner müttce lichen Freundin, und er wird dann selber einsehen, daß Du nid-' anders handeln kannst, er wird Dir deshalb auch nicht zürnen md Dich ganz gewiß nach wie vor ebenso achten, denn etwas Anderist es bis nun arich nicht gewesen, davon bin ich hinlänglich überzeugt. Anna schwieg, aber ihre ganze Gestalt zitterte, die Pulse flogen alle Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen. Der wilde Aufruhr i ’ ihren Gefühlen war deutlich genug ausgeprägt. Jitel schrieb diesen Zustand der Erregung zu, die der schmählich Bericht bei Anna hat Hervorrufen müssen. Sie strich ihr liebevoll d- Stirne, zog sie an sich und sagte: „Armes Kind, Du schämst Dich gewiß, eS ihm zu sagen, so wßl ich cs denn thun, beruhige Dich, Du tvirst sehen, es wird Alles wieder wie zuvor." Anna ward leichenblaß, sie siel Jitel nm den Hals und stammelte: „Geliebte Freundin! Mutter, ich kann nicht!" Jitel erbebte. „Anna, sollte ich mich doch in Dir getäuscht haben?"

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