Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1893)
- Date
- 1893-03-17
- Page
- Seite 129 (sequence 11)
- Language
- German
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129 Raumes, der die jüdische Litteratur umfaßt, erkannte er, und damit auch diese an seinem Hofe Pflege finde, berief er jüdische Gelehrte m seine Nähe. Durch diese edle That hat er nach seinem Grundniße gehandelt, Anderen Lebensweise zn lehren, denn der große Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen steht dadurch als leuchtendes Musterbild für alle Zeiten da; er lehrte durch sein schönes Beispiel Sie Mit- und Nachwelt, daß die jüdische Wistenschaft ebenbürtig Wen anderen Wissenschaften ist, und das; die Vertreter dieser Wisscnichast, die jüdischen Gelehrten, ebenso wie die Forscher auf anderen Wissensgebieten im großen Reiche der geistigen Erkeuutniß zum Wöhle und Heile der Menschen wirken und thütig sind. U FEUILLETON Kleiiistadtletren. Erzählung von Ernestine Strelisky. j (Fortsetzung.) Auf dem Wege zu Hirsch begegnete Jitel dem Arzte; er hatte vielleicht auch die Absicht gehabt hiuzugehe», aber er sagte nichts davon, sie begrüßten sich und gingen das kleine Stück Weges miteinander. „Ich hätte eigentlich Ursache, Ihnen böse zn sein Herr, Doktor," ngte Jitel, „denn erst seitdem Sie hier sind, bin ich den Kranken li inz entbehrlich geworden; sie scheuen sich jetzt nicht mehr, in ihrem 't unverständlichen Jargon Ihnen ihre Krankheitsgeschichte zn ernhlen, sie sagen, ihr lieber guter Doktor hört ihnen so geduldig zu, l laß sie mich nicht mehr brauchen; kein Arzt vor Ihnen ist noch je beliebt im Orte gewesen wie Sie."! KalinskU war nicht unempfindlich gegen eine Schmeichelei, die Klient Rufe als Arzt galt; er erwiederte daher, sichtlich erfreut, k!) so gelobt zu hören: „Weil vielleicht keinem meiner Vorgänger das Städtchen und Alle > me Bewohner so werth gewesen sind wie mir." Jitel war stehengeblieben: „Doktor, Sie sind ein Ehrenmann." Durch Himveglassung des Wortes „Herr" drückte Jitel das herz- , che Achtnngsgefühl, das sie in diesem Augenblick für Kalinsky > »Pfand, mehr aus, als sie cs durch viele Versicherungen beruht hätte. „Ja, und lvas haben Sie erst aus unserm Hirsch gemacht, er i' wohlcr, gesünder als je; er ist aufgelcbt und natürlich ist auch -■'im« dadurch eine ganz Andere geworden; sie blüht wieder, ich freue nach ordentlich, wenn ich sie ansehe." Der Doktor erwiederte nichts darauf; er brachte Jitel noch die! I1 uu- Schritte bis an die Thür, gab ihr Grüße für Hirsch und Anna ik.ö ging. Anna hatte Kalinsky von der Thür Weggehen sehen und war v rstimmt. „Der Doktor ist eben mit mir gegangen," sagte Jitel eintreteud, m läßt Euch grüßen, er ist wirklich ein ganz prächtiger Mensch; ich inbe ihm erzählt, was die Leute von ihm halten, ich habe ihm auch Wagt, wie ich mich freue, daß Dein Vater sich unter seiner Bentblntifl so gut erholt hat, und weißt Du, daß auch Du infolge d isen jetzt ganz anders aussichst? Natürlich, Tu hast Dich immer Wrankt, wenn der Vater leidend war, jetzt bist Du wieder so schön, daß ich mir nicht gönne, Dich anzusehe»! Was Max wohl sagen würde, wenn er Dich sähe; er ist also wieder nicht gekommen?" „Liebe Jitel, wundert Sie denn das?" fragte Anna. „Nein, er kann ja wieder zurückgehalten worden sein; er ist nicht umsonst der Getreidegraf; wenn man große Geschäfte hat, ist man von ihnen abhängig, man kan» nicht thun, was man will." „Sie liebe Freundin! Ihre Absicht ist edel, Sie wollen mich trösten, denn Sie wisse» doch ganz gut, was die ganze Stadt spricht," versetzte Anna. „Geh' Anna, höre nicht auf den Klatsch, Du kennst ja unsere Leute; ich glaube es nicht, daß Max soll Dich, die schöne gebildete Anna, nicht lieb haben; das kan» gar nicht sein, sieh', wie lange ist cs denn her, daß er Euer Eßzimmer so schön eingerichtet hat, und der große persische Teppich, den Tu bekommen hast, den hat er doch allein i» Wie» gekauft und Dir geschickt." Anna lachte. „Liebe Freundin, cs wundert mich nur, wie Sie, die kluge Jitel, so sprechen können. Sollen etwa dir Einrichtung und der Teppich als Beweise für seine Liebe, angesehen werden? Wissen Sie, welche Art von Liebe das wäre? Dieselbe Liebe, die wir für unsere Fenster auch finden, wenn wir neue Gardinen aufstecke»; dieselbe Liebe, die wir für nusere Fußböden cnipsindeu, wenn wir sie tackircn lassen, oder für unsere» Herd, wenn wir darauf sehen, daß er blnuk geputzt werde! Wir wolle», daß es hübsch und freundlich bei uns aussehe, um unsertwillen, vielleicht aber mehr noch um Anderer willen. Max, wie Sie ihn kenne», woüte n»r, daß die Leute sagen solle», sein Haus sei schön eingerichtet; ob ihm auch jetzt noch daran liegt, weiß ich nicht, denn es hat sich ja seitdem noch Manches geändert, er sieht ja gar nicht mehr sein Haus, aber ich kenne Ihren klugen Kopf, liebe Jitel, und auch Ihr gutes Herz, Sie möchten mich glauben machen, was Sie selber nicht glauben." „Jitel! Jitel!" schrie Hcrzel zum Fenster herein „ich bin schon seit einer halben Stunde aus Schul, komm doch zum Essen." Wen» Kalinsky mit den Herren seiner Bekanntschaft hier und da zusammenkuin, wunderten sie sich über die große Praxis, die cs ihm jetzt nur so selten gestatte, mit ihnen zu verkehren; manchmal brummten sie auch etwas zwischen den Zähnen von „jüdischer Praxis"; der Doktor beachtete es nicht. Wenn er mit de» Damen zusammeutraf, streifte ihn manch böser Blick, manches höhnisches Lächeln ward ihm zu Theil, oder irgend eine versteckte Anspielung, die er nicht verstand; man wollte jedoch, daß er verstehe, und wurde deutlicher. Man redete erst von schönen Jüdinnen im Allgemeinen, und zuletzt von der schönen geistreichen Jüdin im Besonder». Der Doktor wurde anfmertsai», er wich verlegen aus, und zog sich immer mehr und mehr von der Gesellschaft zurück. Auch seine Besuche bei Hirsch wurden seltener und i» seinem Benehmen, Anna gegenüber, beobachtete er von nun an eine gewisse Zurückhaltung. Zwischen Inden und Christen herrschte im Orte ein harmloser Verkehr; wen» man sich auch nicht einzuladen pflegte, so begegnete man einander doch freundlich, wo man sich sah oder sich auf der Straße traf. Im kleinen Städtchen kennt man besser seinen Nebeumenschen, als dies in der große» Stadt möglich ist, viele Gefälligkeiten, die die Inden mit Freuden ihren christlichen Nachbar» bei jeder Gelegenheit erweisen, werden gewürdigt; mau lernt ihre guten Eigenschaften besser schätzen, und da sie meist auch nicht reich sind, keinen Luxus treiben, keine Feste geben, kommen Neid oder Haß nur selten zum Vorschein. — Das änderte sich jetzt; die alte Geschichte, weil der Doktor das jüdische Haus den uichtjüdischen Häuser» vorzog, weil er jüdischen Umgang nicht jüdischem Umgang vorzog. Und deuuoch war nicht der Doktor derjenige, dem man die Schuld beimaß, es war auch nicht die einzelne Person, der Jude oder die Jüdin, es wurden die Juden alle verantwortlich gemacht.