Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1893)
- Date
- 1893-03-17
- Page
- Seite 128 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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128 wenn man erwägt, daß Anatoli der Schwiegersohn Samuel ibn Tibbons war, der, um den Schwiegersohn zu besuchen, die Reise nach Neapel gemacht habe, bei welcher Gelegenheit der Kaiser mit ihm die angeführte wissenschaftliche Unterredung hatte. Die Berichte über die persönlichen Beziehungen des Kaisers Friedrich zu Samuel ibn Tibbon und Charisi sind überhaupt nicht so leichthin als ungeschichtlich zu verwerfen. Die mitgetheilten drei biblisch-theologischen Erklärungen Friedrichs sind im Geiste der religionsphilosophischen Forschungen des Maimonides, zwei derselben beziehen sich direkt auf den „Moreh", woraus sich als unzweifelhaft ergiebt, daß Friedrich dieses berühmte Werk gründlich durchforscht hatte, entweder aus der ersten lateinischen Uebersetzung,' welche vielleicht gar auf seine Veranlassung angefertigt wurde, oder aus dem arabischen Original, da er arabisch verstand (vergl. Hebr. Bibl. VI. 65). Nun besitzen wir zwei hebräische Uebersetzungen des „Moreh", die eine von Samuel ibn Tibbon, die andere von Juda Charisi; beide Uebersetzer sind Zeitgenossen Friedrichs. Bei dem lebhaften Interesse des Kaisers für den „Moreh" ist es daher sehr wahrscheinlich, daß er sich auch für die beiden hebräischen Uebersetzer des von ihm hochgeschätzten Werkes interessirte. Wenn nun diese beiden Uebersetzer des „Moreh", Samuel ibn Tibbon und Charisi, als diejenigen genannt werden, denen Friedrich eine auf den „Moreh" sich beziehende Frage vorgelegt hat, so haben diese Mittheilungcn jedenfalls eine historische Basis. Durch diese Erwägung beantwortet sich eine Frage, die bisher noch nicht angeregt wurde, deren Erledigung aber neuen Ausschluß über die Beziehungen des Kaisers Friedrich zu den jüdischen Gelehrten giebt. Es ist nämlich höchst auffallend, daß Friedrich zur Uebersetzung arabischer Werke Jakob Anatoli ans der Provence an seinen Hof beruft, da es doch auch in seinem Reiche hervorragende, mit philosophischer Bildung ausgestattete und des Arabischen kundige jüdische Gelehrte gab? Anatoli konnte auch damals noch nicht in weiteren Kreisen bekannt gewesen sein, da er vor seiner Berufung durch den Kaiser sich nicht als Verfasser irgend eines Werkes einen Namen gemacht hatte. Gewiß muß ein ganz besonderer Umstand Friedrich veranlaßt haben, den damals noch unbekannten lind in der fernen Provence lebenden Anatoli an seinen Hof zu berufe», und dieser Umstand wird uns klar durch Zusammenfassung der von mir gewonnenen Ergebnisse. Bei der hohen Verehrung Friedrichs für Maimonides und dessen „Moreh" ist es natürlich, daß er jede neue zu diesenr berühmten Werke in Beziehung stehende Erscheinung mit Aufmerksamkeit verfolgte, und die erste hebräische Uebersetzung des „Moreh", welche Samuel ibn Tibbon anfertigte, konnte also nicht verfehlen, sein hohes Jntereffe anzurcgen, und auch die Person des Uebersetzers mußte des Kaisers Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Da nun Samuel ibn Tibbon dadurch und auch durch die Uebersetzung anderer arabischer Schriften und durch selbstständige Werke sich einen berühmten Namen als Gelehrter erworben hatte, so mochte Friedrich an ihn das Anerbieten gestellt haben, an seinen Hof kommen, nni im Verein mit seinen Hofgelehrten für ihn wissenschaftliche Werke zu verfassen. Das vorgerückte Alter, in welchem Samuel ibn Tibbon damals stand, gestattete ihm nicht, die ehrenvolle Berufung des Kaisers anzunehnien, und er empfahl daher seinen durch allgemeine Gelehrsamkeit lind Tüchtigkeit im Arabischen ausgezeichneten Schwiegersohn Jakob Anatoli, der auch in Folge dieser Empfehlung vom Kaiser nach Neapel berufen lvorden ist. Anatoli erwarb sich bald nach seiner Berufung die Gunst des Kaisers, welche er sich auch dauernd zu erhalten verstand. Jakob b. Machir berichtet über ihn: „Er war groß im Hause des Königs und sein Ruf verbreitete sich über alle königlichen Länder" (m*Wp nnjfc Nr. 39; Grätz Gesch. VII2,94), was auch durch sein inniges Freundschaftsbiindniß mit dem Hofastrologcn Friedrichs, mit Michael Scotus, bezeugt wird. Dieser, ein Schottländer von Geburt, that sich als Mathematiker, Astrolog und Theolog hervor, und wurde wegen seiner Gelehrsamkeit für einen Zauberer gehalten. Nachdem er einige Zeit in Frankreich gelebt hatte, kam er an den Hof des Kaisers Friedrich, der ihm sehr gcwogeil war und auf dessen Anregung er mehrere Werke verfaßt und philosophische Schriften der Araber ins Lateinische übersetzt hat. Er soll auch Friedrich den Ort, wo er sterben werde, vorher verkündet haben. Nach der Behauptung der zwei gelehrten Zeitgenossen des Michael Scotus, des Barfüßer-Mönchs Roger Bacoil und des Albertus Magnus, besaß Scotus nur ein geringes Wissen in der Philosophie und arabischen Sprache, und sie schreiben den Hauptantheil an seinen wissenschaftlichen Arbeiten, einem Juden, den sie Andreas nennen, zu. Dem steht aber entgegen, daß Michael Scotus gerade wegen seiner Kenntnis; des Arabischen und Hebräischen vom Papste Honorins 111. die Erlaubnis; erhielt, mehr als eine Pfründe zu haben (Raumer il>. IV 337, Anm. 2). Auch Anatoli hebt anerkennend das reiche Wiffen seines christlichen Freundes Scotus hervor, er nennt ihn: „den großen christlichen Weisen Michael." Er sagt, er habe, so oft er von Scotus eine treffende Bemerkung zu irgend einem Verse vernommen, dieselbe ungescheut in seinem Werke angeführt. Er wolle sich nicht mit fremden Federn schmücken und glaube, man werde ihm die Benutzung von Ansichten der nichtjüdischen Weisen nicht verargen, da es sich nur um die Wahrheit selbst und nicht um deren Eriuittler handelt. Er theilt denn auch iu seinem Werke „Malniad" an ungefähr sechzehn Stellen exegetische und nalurwiffenschaftliche Bemerkungen des Michael Scotus mit, welche er gewöhnlich mit den Worten einleitet: „Der Weise, mit dem ich mich verband, ist folgenderMcinung". (Perlesil>.68.) Anatoli hat also nicht blos Kaiser Friedrich durch die Mittheilung seiner biblischen Schrifterklärungen ein Ehrendenkmal iu der jüdischen Litteratur gesetzt, er hat auch seinem christlichen Freunde und Mitarbeiter auf dem Gebiete der Wissenschaft, Michael Scotus, einen Ehrenplatz in seinem Werke eingeräumt. Es ist dies ein rühmliches Zengniß für seine Wahrheitsliebe, seine Vorurtheilslosigkeit und seinen Biedersinn, während noch in unserer erleuchteten Zeit nichtjüdische Gelehrte sich vielfach winden und krümmen, ehe sie der Wahrheit Ehre geben und eingestehen, von einem jüdischen Forscher belehrt worden zu sein. Die jüdische Wissenschaft ist nicht exklusiv, sie zollt der Wahrheit Anerkennung und Verehrung, wo sic sie findet, und nennt offen und ehrlich den Urheber der Wahrheit. So hat sie nicht blos Bemerkungen des Kaisers Friedrich über biblische Lehren aufbewahrt, sondern auch einen Zug aus seinem Leben zur allgemeinen Nachahmung aufgestellt und empfohlen. In dem Sittenbuche „Maalotli umidoth“ von dem Arzt Jechiel den Jekutiel ans Rom, der uin das Jahr 1278 lebte, wird nämlich berichtet: „Ich habe gehört, Kaiser Friedrich sah einmal auf dem Boden eine kleine Kupfermünze, und er bückte sich und hob sie auf. Er sagte, er thne das, um Anderen Lebensweise zu lehren." (Vergl. Steinschneider, Bibl. Band XX, 24.) Diesen Zug im Leben des Kaisers benutzt der Verfasser des Sittenbuches zur eindringlichen Belehrung, daß man im Leben auch das Geringfügigste nicht gering achten soll; als leuchtendes Vorbild für diese Lehre stehe ein großmächtiger Kaiser da, der es nicht verschmäht, eine kleine Kupfermünze von dem Boden aufzuheben. Wenn nun Kaiser Friedrich eine kleine Kupsernrünze nicht mißachtet, wie hätte er dem reinen, gediegenen und lautern Golde irgend einer Wissenschaft seine Hochachtung versagen sollen? Nein, Friedrich blickte in tiefer Verehrung zu dem goldnen Baume der Wiffenschaft empor, und auch den hohen Werth des einen Zweiges dieses