Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1893)
- Date
- 1893-03-17
- Page
- Seite 127 (sequence 9)
- Language
- German
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127 beschlossen, eine jüdische me 113a academica ins Leben zu rufen, ' die zunächst einem akuten, materiellen Bedürfnisse abhelfen, außerdem aber ein Mittelpunkt des jüdischen Studentenlebens werden soll. Gegenwärtig beschäftigt sich eine ad live gewählte Kommission mit den erforderlichen Vorbereitungen. Es ist zu wünschen, daß die wohlhabenden Kreise der jüdischen Bevölkerung dieses schöne Werk nad) Gebühr unterstützen — die jungen Studenten können blos ihren guten Willen und ihre begeisterungsvolle Thatkraft in den Dienst der ' Sache stellen. Letztere haben auch gelegentlich der letzten Chanukafeier gezeigt, daß sie gute Juden sind. In Lemberg feierten die jüdischen Schüler aller hiesigen Mittelschulen die diesjährige Makkabäer-Feier, wobei sehr begeisterte Reden gehalten wurden. Der (zum größten Theile aus Hochschülern bestehende) Verein „Zion" feierte das Chanukafest wie alljährlich unter großer Betheiligung der Bevölkerung. Es ist bezeichnend, daß die polnische und ruienische Tagcsprcffe von diesen Feiern regelmäßig Notiz nimmt. Gleiche Feste wurden veranstaltet in Stryj, Drohobyrz, Krakau und Czernowitz. In letzterer : Stadt erfreut sich der jüdische Studentenverein „Hasmonea" (eine Burschenschaft wie die Badenia in Heidelberg) eines große» Ansehens. Zur Makkabäerfeier erschienen unter Anderen der Rektor der Universität Wojcicki und der Dekan der philosophischen Fakultät Prof. Hilberg. Diese beiden Vertreter des akademischen Senats brachte» auch in längeren Ansprachen ihre Sympathien für den Verein und seine Bestrebungen zum Ausdruck. Aber all diese Zeichen und Gegenzeichen hindern das kleine Häuflein der „Polen mosaischer Konfession" nicht, wiederum neue Lebenszeichen von sich zu geben. Wie mir mitgetheilt wurde, soll jetzt die eingegangene „Ojczyzna" in Krakau, freilich unter anderem! Namen, unter der Redaktion des jungen Sekretärs des westgalizischen! Exekutiv-Komitces der Hirsch-Stiftung, Wilhelm Feldniann, erscheinen. Letzterer, der übrigens durch einige hübsche Erzählungen ans dem jüdischen Leben in polnischen Litteraturkreisen vorthcilhaft bekannt ist, gab neuerdings eine Flugschrift heraus, in der er die altersschwachen Assimilationstheorien ivieder aufzufrischen sucht. Ob diese Bestrebungen angesichts der im Lande herrschenden Strönumgen , irgend welchen Anklang finden werden, ist schiver anzunehmen. Jedenfalls beweisen alle diese Kundgebungen eine starke Regsamkeit innerhalb der galizischen Judenheit, die man nur mit Freuden begrüßen muß. U Me biblischen Kchristerblärungen eines Kaisers. Von Dr. Nathan Grün in Prag. (Schluß.) Eine hervorragendere Stellung als Jehuda b. Salomo Cohen am Hofe des Kaisers Friedrich nahm Jakob b. Abba-Mari b. Anatoli ein. Auch in der jüdischen Litteratur hat sein Name einen besseren Klang, da er als einer der vornehmsten und bedeutendsten Interpreten der Lehrmeinungen des Moses Maimonides sich auszeichnete. Jakob Anatoli war ein Proven^ale von Geburt und Schwiegersohn des Samuel ibn Tibbon, des ausgezeichneten Uebersetzers des berühmten j Maimonidischen Werkes „More Nebuchim". Er wurde gegen Ende des zweiten Jahrzehnts des 13. Jahrhunderts von Friedrich nach Neapel berufen, um wissenschaftliche arabische Werke zu übersetzen, wofür er vom Kaiser einen reichlichen Gehalt bezog. Anatoli preist : diese Hochherzigkeit Friedrichs in dem Nachworte seiner Uebersetzung j eines Kommentars des Averroes auf die Schriften des Aristoteles, j welche er im 2. Adar des Jahres 1232 beendet hat, mit folgenden j Worten: „Der allerhöchste Helfer hat den Sinn des Kaisers Friedrich, > des Förderers der Wissenschaft und der Gelehrten, geleitet, mir einen reichlichen Unterhalt zu gewähren." (Grätz, Gesch. VII?, 94, Gndemann ib. 11.150.) Er werde, sagt er daselbst, noch andere ähnliche Werke bearbeiten, um den Wunsch des Kaisers, der ihn erhält, zu erfüllen. Anatoli hat auch zwei Schriften dieser Tendenz verfaßt, die eine unter dem Titel: „Die Logik des Aristoteles nach Auszügen des arabischen Philosophen Jbn-Roschd", gedruckt Riva di Trento 1500; die andere unter dem Titel: „Die Elemente der Astronomie des Alfergani", nach welcher Jakob Christmanu eine lateinische Uebersetzung angefertigt hat. Diesen Werken schließt sich eine dritte selbstständige Schrift au, welche den Titel: „Malmnd Hatalmidim" (Stachel für die Studierenden) führt. Diesem Titel, so hebt Anatoli in der Vorrede zum Malmad hervor, habe er darum gewählt, weil das Werk blos für Studierende, »m sie zu gelehrten Forschungen anzuregeu, bestimmt sei. Es enthält fortlaufende exegetische Vorträge über die Prinzipien des Pentateuchs, wobei, gewöhnlich von einem Verse der Sprüche Salomos ausgehend, sich der Vortrag in exegetischer und moralischer Weise über den Wochenabschnitt verbreitet. (Perles, Salomo b. Adereth, 14.) Die Erklärungen sind in dem damals bei Juden und Christen herrschenden philosophisch-allegorischem Geiste gehalten. Zwei dieser Erklärungen nehmen unser besonderes Interesse i» Anspruch, weil sie vom Kaiser Friedrich herstammen, und Anatoli dieselben als vom Kaiser selbst vernommen bezeichnet. Der Kaiser ist der Meinung, bemerkt Anatoli, daß Maiuronides ui seiner Auslegung des Bibclverses: „Sie sahen den Gott Israels" (Exod. 24, 10.), die irdische Materie deswegen als Schnee bezeichne, weil das Weiße jede Farbe annehmc, sowie die Materie jede Form; der Schnee sei das Bild für die Bildsamkeit der Materie (Malmad 53 h). Eine Erklärung Friedrichs leitet Anatoli mit folgenden Worten ein: „Unser Herr, der große König Friedrich, der lange leben möge, gab mir den Grund an, weshalb nach der biblischen Vorschrift nur Hansthicre und nicht auch Wild geopfert werden dürften. Die Opfer seien, meint er, gleichsam ein Geschenk an den Himmel, man könne jedoch nur sein Eigenthnm verschenken, das sind aber nur durch Kauf oder Zucht dein Besitzer zu eigen gewordene Hausthiere, nicht aber das freie Wild des Waldes, worauf Niemand ein eigentliches Eigeuihumsrecht geltend machen könne." (Malmad 92 >,., Güdemann ib. II. 104.) Durch diese zwei Erklärungen, welche Anatoli im Namen seines kaiserlichen Gönners mittheilt, hat er Kaiser Friedrich ein Denkmal in der jüdischen Litteratur gesetzt. Aber noch eine dritte Bemerkung des Kaisers über eine biblische Frage wird von älteren jüdischen Autoren angeführt. Nach einem Berichte des Kalonymos b. Kalonymos habe Friedrich dem Samuel ib» Tibbon eine ausreichende Erklärung über die biblische Vorschrift von der „rothen Kuh" initgetheilt und sich gewundert, daß Maimonides dieselbe in seinem „Moreh" nicht auführt. Er habe nämlich einen ähnlichen Brauch in einem hebräischen Buche gefunden, bei welchem ein rother Löwe verbrannt wurde. Statt des Löwen, der nicht ohne Gefahr zu sangen sei, habe Moses die rothe Kuh zu nehmen befohlen. (Steinschneider, Hebr. Bibl. VII, 02 u. 130; Güdemann ib. II. 104.) Diese Mittheilung findet sich noch an anderer Stelle, und zwar wird als der jüdische Gelehrte, mit welchem der Kaiser sich über dieses Thema unterhält, der Dichter Al Charisi genannt. Nach der Meinung des gelehrten Bibliographen Tr. Steinschneider paßt Charisi besser als Samuel ibn Tibbon, da es nicht unmöglich ist, daß Friedrich und Charisi irgendwo zusammentrafen. (Hebr. Bibl. XX, 24.) Ich glaube aber, daß diese Möglichkeit auch bei Sainriel ibn Tibbon augenommen werden kann; diese Möglichkeit erscheint sogar als Wahrscheinlichkeit,