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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-03-17 · Heft 11 (17.3.1893) · p. Seite 126

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 11 (17.3.1893)
Date
1893-03-17
Page
Seite 126 (sequence 8)
Language
German
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126 5. Der Staat ist der Ausbau himmlischer Gerechtigkeit auf Erden Die Ehrfurcht vor dem Könige, die Hingabe an Staat und Nation ist he ligstes Religionsgesetz. 6. Die Lehre muß im Einklänge mit den Ergebnissen der Wissenschaft stehen. „Sie ist Weisheit und Vernünftigkeit in Augen der Völker." 7. Die Lehre erkennt als höchstes Prinzip das Leben an, sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesammtheit. Sie entwickelt sich daher fortschreitend mit dem Leben der Nation auf dem ewigen Grunde der Gottes- und der Menschenliebe. 8. Die Lehre vereinigt die innere und äußere Natur zu jenem Einklang, welcher der Inbegriff der Liebe ist, die Grundlage der ehelichen Gemeinschaft und des Familienglückes. 8. Diese Religion der Liebe beseligt die Menschen im Leben und macht sie übers Grab hinaus unsterblich, ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses. 10. Die Liebe Gottes, welche die Lehre Israels durchzieht, erstreckt sich auf alle Geschöpfe Gottes, auf alle Gebilde der Natur und des Geistes. Der Tempel der Gottesliebe erhebt sich daher auf der das Weltall umfassenden, Wohlthat erzeugenden Religion, der Sittenthat bewirkenden Wissenschaft und der die Natur beseelenden Kunst. Dr. N. U Galisische Briefe. VH. Lemberg, im Mürz. E, Das Hauptinteresse konzeutrirt sich zum großen Theile auf die Thätigkeit der „Baron Hirsch'schcu Zwölfmillionenstiftung für Galizien", die sich jedoch nicht der allgemeinen Sympathie der hiesigen jüdischen Bevölkerung erfreut und deswegen vielfache Hindernisse zu überwinden hat. In den letzten Wochen sind zwei Flugschriften gegen die Verwaltung der Stiftung erschienen, die dem Kuratorium sehr schwerwiegende Vorwürfe machen. Die eine veröffentlicht Herr Alexander Scho rr, Kultusrath in Drohobycz, unter dem Titel: „Ein offenes Wort und eine offene Antwort auf eine offene Frage." Der Verfasser richtet seine Spitze gegen das Exekutiv-Komitee für Ostgalizien: den meisten Einfluß in demselben Hütten Männer, die längst mit dem Judenthum gebrochen, — die in ihrem politischen Streberthum sich der Polen als Connationale aufzudrüngen suchen. Diese Behauptung erhärtet der Verfasser durch eine Reihe von Thatsachcn aus der Geschichte der Stiftung, die mitunter eine sehr beredte Sprache reden. Die Widerlegung, die diese Vorwürfe in der etwas offiziell angehauchten Broschüre unseres Rabbiners Dr. Caro erfahrenst, ist wohl kaum stichhaltig. Der tiefe Eindruck, den die Schorr'fche Broschüre auf die hiesige Bevölkerung gemacht, wird durch die Wiedcrlcgung des Lcmberger Predigers unmöglich verwischt werden können. Aber arich von anderer Seite werden Pfeile auf das Haupt der Stiftung abgeschosscu. Herr Hans v. Grünau zieht in einer Broschüre, betitelt: „Sic transit gloria! ... Ein Beitrag zur Geschichte der Baron Hirsch-Stiftung rmd der israelitischen Handwerkerschrlle in Krakau. Erstes Heft Antwerpen 1892," gegen das Exekutiv-Komitee für Westgalizien mnthig los. Es ist besonders die mißliche Verwaltung der Krakauer Handwcrkerschule, gegen die die Broschüre eine Reihe heftiger Allklagen erhebt. Tie Persönlichkeiten, die an der Spitze stehen, meint auch Herr Grünau, trügen die ganze Schuld; — Unberufene leiten das Unternehmen und Protektioil war allein maßgebend bei der Besetzung der wichtigsten Aemter. Mit einem heftigen „Ouvusguo tandeni“ schließt Herr Grünau seine, übrigens in den meisten Punkten best Weniger Offenheit — mehr Wahrheit! Eine Antwort an Herrn Alexander Schorr in Drohobycz; 1892. Selbstverlag. herzigenswerthen Ausführungen, indem er die Mitglieder des Exekutiv- Komitees auffordert, ihre Mandate niederzulegen und Berufeneren Platz zu machen. So die öffentliche Meinung über die Thätigkeit beider Exekutiv- Komitecs. Es ist bezeichnend, daß gleichzeitig im Osten und im Westen des Landes fast dieselben Vorwürfe den verwaltenden Körperschaften gemacht werden. Wird auch das Kuratorium in Wien diese Stimmen in gebührender Weise beherzigen? Wir wollen es hoffen, die Ernte dieses viel bejubelten Unternehmens ist ja offenbar nicht so reich, wie man ursprünglich gehofft. Dies liegt zunächst an dem Grundgedanken der Stiftung, der mit Rücksicht auf die gegenwärtige Lage der Juden in Galizien mehr auf das sozialökonomische als auf das kulturelle Moment hätte Gewicht legen sollen; erhebliche Mitschuld trägt aber a» diesem Mißerfolge die Verwaltung. Das Knratorium in Wien war offenbar bei der Wahl seiner Vertrauensmänner nicht glücklich genug. Es kommt ja immer viel auf die Zusammensetzung in einer Körperschaft an, damit etwas Rechtes herauskommt. In den jetzt bestehenden Exekutiv-Komitees scheint die innere Personenharmonie zu fehlen. Senatores boni viri, senalus auteni mala bestia. Wie die innere, ist auch die äußere Lage wenig erfreulich. Die Judenvcrhetzuug macht sich in allen Kreisen der Bevölkerung immer mehr breit und die feindliche Gesinnung der nichtjüdischen Bevölkerung ist kaum mehr erträglich. Wenn Oesterreich, wie der erste Napoleon zu sagen pflegte, immer um eine Idee zurück sei, so sind die österreichischen Polen immer um eine Idee voraus. Was der konservative Parteitag jüngst in Berlin geleistet, soll der Katholikentag in Krakau nunmehr in vielfach vermehrter Ausgabe liefern. Die polnischen Konservativen begnügen sich eben nicht mit akademischen Kundgebungen, sie wollen gleich zur That greifen. In dem soeben veröffentlichten Programm der Berathungen des polnischen Katholikentages, der demnächst in Krakau zusaimnentritt, sind folgende zwei Punkte als die wesentlichsten angeführt: 1. Die Förderung „christlicher" landwirthschaftlicher Genossenschaften, 2. Errichtung „christlicher" Handlungen in galizischeu Dörfern. Die polnische Weisheit versteht es allerdings, sich vornehm auszudrücken — aber man sieht, wo die „Stanczyken" von Krakau mit ihrer Politik hinaus wollen. Unter dem Deckmantel des Katholizismus wird ein neuer Schachzug gegen jüdische Landwirthschaft und jüdischen Dorfhandel unternommen. Die „Juden" sind doch der uervus renmi. Schon in diesen Prograinmpunkten läßt sich die allgemeine Tendenz erkennen, die sich im Verhalten der nichtjüdischen Bevölkerung zu den Juden geltend macht. Die Tendenz kennzeichnet die Lage zur Genüge. Das allgemeine Schlagwort im galizischen Parteilager ist „Krieg". Und es ist fürwahr ein schwerer, wirthschastlichcr Krieg, der in der allernächsten Zukunft zwischen der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung Galiziens entbrennen ivird. Wie klar sich diese wirthschaftlichen Differenzen auch im soziale» Leben im Allgemeinen wiederspiegeln, beweisen die jüngsten Vorgänge unter der hiesigen Studentenschaft. In den beiden hiesigen Studenteuvereinen „Czyteluia akademicka“ (akademische Lesehalle) und „Biatnia Poinuc“ (brüderliche Hilfe) nahmen in der letzten Zeit die Gehässigkeiten solche Gestalt an, daß aus letzterem Vereine sämmtliche, aus ersterem der größere Theil der jüdischen Studirenden austreten mußten. In einer jüdischen Studentenversammlung , an der sich mehr als hundert Polytechniker und Universitätshörer betheiligten, wurde jüngst fast einstimmig

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