Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1893)
- Date
- 1893-03-10
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227986-3227997--49601-3271174- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Gemeinde für das Jahr 1892/93, welcher, obwohl bereits 1822 ge- I gründet, durch seine in: Februar 1883 erfolgte Neuorganisation eine! neue Art der Thätigkeit begonnen hat. Die Tendenzen des Vereins sind:! Unterftü^uixgen an bedürftige Frauen und Mädchen, Hilfe in Krankheils-! -allen, sowohl durch Geld, als bxtrd) Krankenpflege, Ausstattung von! Bräuten und vor Allem Ausbildung junger Mädchen und Frauen zu j mein Beruf, der dieselben erwerbsfähig macht. Mit Stolz kann der; Herein auf die Erfolge seiner Wirksamkeit bezüglich der Ausbildung z mnger Mädchen zurückblicken. Im Jahre 1880 gab es in der Gemeinde! ine Menge verwahrloster junger Mädchen, die von Jugend auf von hren Eltern zum Betteln angehalten wurden. Heute nach 10 Jahren ann der Unterzeichnete Vorstand mit Genugthuung sagen, daß diese Herhältnisse nicht mehr existiren Es gelang, die Mädchen zum regel-; aäßigen Schlllbesuch anzuhalten, das gute Beispiel wirkte fördernd ächt nur auf die Kinder, sondern auch auf die Eltern und hat der Herein in den 10 Jahren seiner Thätigkeit 33 Mädchen und 2 Frauen rwerbsfähig gemacht. Und zwar wurden von diesen 2 Lehrerinnen, 8 Kindergärtnerinnen, 4 Verkäuferinnen, 8 Schneiderinnelt. 2 Putzmacherinnen, Kinderpflegerinnen und zugleich Schneiderinnen, 2 Stützen der Hausrcut, 2 Köchinnen, 2 Friseurinnen, 1 Kochfrau, 1 Krankenpflegerin. —; Bas das jüngste Jahr betrifft, so zählte der Verein 278 Mitglieder. I Die Monatsbeiträge betrugen 1381 Mark, die Ausgaben 2341 Mark 5 Pfennig. — Den Mehrbetrag für die laufenden Ausgaben brachte ine Aufführung lebender Bilder und außergewöhnlich große Spenden, o daß trotz des großen Verbrauchs sich das Kapital um 169 Mark ermehrt hat und jetzt 2590 Mark 10 Pfennig beträgt. 31 Armen mrden bis zu 6 Mark monatliche Unterstützungen gewährt, 25 verhämte Arme wurden mit größeren Summen unterstützt, 12 Bräute rhielten Aussteuerbeiträge, 4 Wöchnerinnen Geld und Pflegerinnen,! Arme Unterstützungen zu Badereisen, außerdem wurden noch in ver-! hiedensten Fällen größere Unterstützungen gewährt. Ferner besuchen j Mädchen auf Kosten des Vereins die höhere Töchterschule von Fräuin Ziwet, 10 Mädchen erhalten Handarbeitsunterricht, 1 Mädchen geht i die Schneiderstunde und 2 Mädchen, die bereits früher dcis Schnei- :vu erlernt haben, machen noch einen Kursus als Kinderpflegerinnen durch. Hirschberg, 27. Februar. Am 23. Februar er. beging der sraelitische Krankenpflege- und Beerdigungs-Ver ein in dem aale des Hotels zum weißen Roß sein zweites Stiftungsfest. Die .eihe der Toaste eröffuete der Vorsitzende Herr Gattel, der in kurzen figen die Entwicklung des segensreichen Vereins schilderte. Das Ehren-! atglied Herr Rabbiner Dr. Biram kam auf die Bedeutung des g esttages (des 7. Adar) ausführlich zurück und verbreitete sich über die j ufgabe, die sich die Chewra Kadischa zu Nutz und Frommen der Ge-! einde gestellt hat. Auffallend erscheint es, daß der Synagogen-Vorstand! .ne nicht gar freundliche Stellung zu der Chewra einnimmt. Dies zeigte j d) in der Ablehnung des Gesuches um Abhaltung einer gottesdienstlichen oier in der Synagoge aus Anlaß dieses Stiftungsfestes. * Stargard, 5. März. — Ueber die Unbefangenheit der anti-! mitischen Agitation wird aus dem Reichstagswahlkreise Stargard-! irschau-Berent ein neues Stückchen mitgerheilt. Die Antisemiten hatten j otz ihres Deutschthums erst mit dem polnischen Kandidaten verhandelt. : a sie aber keine Gegenliebe fanden, stellten sie in der Person des Herrn! aasch einen eigenen Kandidaten auf. Zur Unterstützung dieser Kandi- ' Nur verbreiteten sie einen Ausruf, in dem es heißt: — „Den katholischen Wählern zur Beachtung. Der „Osservatore Cattolico," das bedeutendste uholische Blatt Italiens und Organ Sr. Heiligkeit des Papstes in : -om, empfiehlt allen Katholiken des Wahlkreises sehr warm und drin-! ud Herrn Kaufmann Karl Paasch in Leipzig, den muthigen, unerj trockenen Kämpfer gegen das Judenthum." Ob es sich hier um einen! chwindel handelt, wie wir vermuthen, oder ob der „Osserv Cat" rklich Herrn Paasch empfohlen hat, ist gleichgiltig. Aber die Grundlosigkeit, die heute mit den Konservativen anbändelt, morgen mit den den sich verbündet, die bald bei der Sozialdemokratie einen Behungsversuch macht, bald mit der Autorität des Papstes arbeitet, hat ncklicherweise bisher in Deutschland noch kein Vorbild. K. Hannover, 3. März. Unsere Provinzialstadt Harburg wird muächst eine Schächtfrage haben, da nach dem genehmigten Entwurf r Geschäftsordnung für die Verwaltung des am 1. April d I. zu öffnenden Schlachthauses das Schlachten der Thiere nach jüdischem Ritus nicht gestattet sein soll. Die Schlachthaus-Kommission, der auch der Magistrat und das Bürgervorsteher-Kollegium znstiunuten, bezeichneten das Schächten als Thierquälerei; das dem Kollegium angehörige Mitglied Salomon legte gegen die Aufnahme dieser Bestinnnung Verwahrung ein und stellte als gleichzeitiger Vorsitzender der hiesigen jüdischen Gemeinde Beschwerde an die Regierung in Aussicht. — Die hiesigen Antisemiten haben indem hier bestehenden großen Turnklub die Erfahrmlg gemacht, daß es ihnen nicht gelingt, in jeden Kreis konfessionellen Hader hineinzutragen. Es hatte sich unter den etwa 700 Mitgliedern ein kleines Häuflein zusannnengethan, um zunächst den jetzigen Vorstand und Ausschuß zum größten Theil zu beseitigen, aber die in der General-Versammlung zahlreich erschienenen Mitglieder haben ihnen den Beweis geliefert, daß sie nicht gesonnen sind, antisemitischen Gelüsten Vorschub zu leisten. Die Behauptung der Antisemiten, daß ein schmachvoller Einfluß des Judenthums herrsche, wurde einfach mit dem Hinweis wiederlegt, daß weder im Vorstand noch im Ausschuß ein Jude sitze. Die Wahl ergab zur Freude aller Billigdenkenden einen gründlichen Mißerfolg, und der erste Sprecher, Herr Direktor Körting, konnte die erregte Debatte mit dem Wunsche schließen, daß derartige Agitationen im Vereine nie wieder Vorkommen möchten. — Um mit Erfreulichem zu schließen, theile ich mit, daß am 22. Februar ein jüdisches Ehepaar, Herr H. Rüben und Frau, das seltene Fest der goldenen Hochzeit fuerte, und ihnen durch den Herrn Landrabbiner im Aufträge des Kaisers die Ehejubiläums-Medaille überreicht wurde. Auch anläßlich einer Silberhochzeit wurde in weitern Kreise Freude verbreitet, indem Herr Banquier Eduard Spiegelberg, Mitinhaber der weitbekannten Finna Ephraim Meyer & Sohn, bei diesem freudigen Ereiguiß zehtausend Mark zu der geplanten israelitischen Altersversorgungs-Austalt spendete. Oestrrreich - Ungarn. * Szabadka, 20. Februar. Am verflossenen Samstag war der israelitische Tempel der Schauplatz einer peinlichen Szene. Vizepräses M. A. Geiger ordnete eine radikale Reform des Gottesdienstes an, gegen welche Verfügung der Tempelvater Koloman Steinitz im Hinblick auf die bisherige Gepflogenheit Verwahrung einlegte. Geiger beharrte bei seinen Anordnungen und auf die wiederholten Einwendungen des Tempelvaters beschimpfte er denselben. Schon wollte der nun entstandene Heidenlärm zum Schrecken der anwesenden Andächtigen in ein Handgemenge ausarten, als das Chorpersonal intervenirte und denn Streite ein Ende machte. Tie peinliche Affaire dürfte vor Gericht ihre Fortsetzung finden. Rußland. * Petersburg, 4. März. Im Ministerium des Innern ist ein Gesetzentwurf in Ausarbeitung, nach welchem den Juden, welche in den Flecken und Städten des 50 Werst breiten westlichen Grenzgürtels wohnen, das Recht verliehen werden soll, dort weiter zu wohnen, während das zur Zeit giltige Gesetz den Juden verbietet, daselbst zu wohnen, falls sie nicht bereits vor dem 27. Oktober 1858 sich dort niedergelassen haben. Der neue Gesetzentwurf soll in der nächsten Reichsrathssession zur Verhandlung kommen. Die Gouverneure sind angewiesen worden, d i e Ausweisung von Juden inzwischen zu sistiren! Diese Vergünstigungen erstrecken sich auch auf schon verfügte und rechtskräftig gewordene Ausweisungen. 8 Petersburg, 2. März. Nachdem der Bevollmächtigte des Baron Hirsch, Herr Feinberg, sechs Monate lang durch die von Juden bevölkerten Städte und Städtchen sowie auch Dörfer gereist war, um für die Auswanderung nach Argentinien in jeder Beziehung geeignete Elemente anzuwerben, ist es ihm gelungen, für die nächsten Zwecke 450 Familien zu finden, welche sich zur Auswanderung bereit erklären und allen gestellten Forderungen entsprechen. Von diesen 450 Familien befassen sich 50 Prozent in Rußland bereits mit Ackerbau, 30 Prozent sind mit der Landwirthschaft vertraut, die übrigen sind theilweise Handwerker, theilweise solche Personen, die den Ackerbau leicht lernen können Die meisten dieser Emigranten stammen aus den südlichen Gebieten, im südwestlichen Rußland war es schwerer, Pioniere für die Kolonisation 31t finden. Die Regierung und die Behörden haben sich dem Herrn Feinberg überall sehr zuvorkommend gezeigt. Zwar fehlte es nicht an Leuten, die sich zur ^Auswanderung nach Argentinien bereit erklärten, es lag aber in: Interesse des ganzen Kolonisationswerßes, so vorsichtig als möglich zu handeln, und