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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-03-10 · Heft 10 (10.3.1893) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 10 (10.3.1893)
Date
1893-03-10
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 Herr Feinberg hat uns vollkommen geeignete Personen in die Listeil eingetragen. Biele schickten Delegirte nach Paris zum Baron Hirsch mit der Bitte, sie unter sein Protektorat zu nehmen und sich an die Spitze der in Rußland selbstständig entstehenden Assoziationen zu stellen, um damit eine umfassende Emigration nach Argentinien möglich zu machen. Indessen ist beschlossen worden, wie Herr Feinberg versichert, die Auswanderung in den Händen der Bevollmächtigten des Baron Hirsch zu konzentriren. Jeder selbständig unternommenen Massen-Answanderung wird der Baron seine Hilfe versagen. Mittlerweile hat derselbe den Ingenieur Kosan in Moskau zum Aufseher über sämmtliche Bauten in den argentinischen Kolonien ernannt, sowie auch Aerzte, Feldscheere und Apotheker in nöthiger Zahl aus Rußland nach Argentinien kommen lassen. Der Direktor der jüdischen Ackerbauschule zu Odessa, Herr H. Bertenson, hat ebenfalls die Einladung erhalten, das Amt eines Oberagronomen in den Kolonien zu übernehmen. Er begiebt sich nunmehr mit Herrn Feinberg und den Auswanderern nach Paris, wo eine Berathung über die weitere Organisation des Kolonisationswerkes stattfinden soll. n. Moskau, 3. März. Wie die „Moskowskija Wedomosti" hören, werden binnen Kurzem im Staatsrath Vorschläge zur Verhandlung kommen über die Abschaffung der jüdischen, vermeintlich existirenden „Kahale", d. h. nicht sanktionirte Gemeindeverbände, auf deren staatsgefährliche Tendenzen die antisemitische Presse sowie die Regierung nicht müde werden, hinzuweisen. Die Kommission zur Lösung der Judenfrage, unter dem Vorsitz des Ministergehilsen von Plehwe, hat sich an sämmtliche Gouverneurs mit der Bitte gewandt, ihre Gutachten über die jüdischen Geheimbünde einzusenden. Alle Gouverneurs haben sich dahin geäußert, daß die Abschaffung dieser vermeintlichen Geheimbünde eine Staatsnothwendigkeit ist, wobei die Gutachten des ehemaligen Generalgouverneurs von Wilna, Kochanow, und des Gouverneurs von Livland, Sinowjew, ganz besonders antisemitisch gefärbt waren. Man muß geradezu staunen über die Sinnlosigkeit der Beschuldigungen. Wer irgendwie das jüdische Leben in Rußland kennt, weiß, daß derartige Geheimbünde oder Kahale, wie sie von antisemitischer Seite genannt werden, nichr mehr existiren. Sie waren vorhanden, nicht geheim, sondern vor Aller Allgen und von der Regierung sanktionirt, so lange die allgemeine Wehrpflicht in Rußland nicht eingeführt war lind die jiidische Gemeinde für die gestimmten Mitglieder bei der Militäraushebung haftete. Mit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht haben die Gemeindeverbände aufgehört zu existiren. Ihr Fortbestand und ihre Gefährlichkeit ist eine Legende, welche von einein getauften Juden Brafmann vor rnehreren Jahren aufgebracht worden ist. Türkei. * Jerusalem. An: 15. Schebat fand die feierliche Installation des neuen Chach am Baschi Rabbi Jacob Saul Eliashar in der großen Synagoge „Kahal Gadol" statt. Die Synagoge war von einer großen Menschenmenge dicht besetzt, unter welcher alle Klaffen der jüdischen Bevölkerung, aber auch Tiirken vertreten waren. An der Spitze der letzteren sah man den Dragoman des Gouverneurs Baschadah Effendi. Beim Eintritt iit die Synagoge wurde Rabbi Eliashar zum Stirnsitz geleitet, wo der Deputirte Rabbi Nissin Baruch ihm die lleuen Kleider anlegte, welche einem alten Brauche entsprechend die Gemeinde jedem Oberrabbiner widmet, und die Mitra auf das Haupt setzte Hierauf hielt der Oberrabbiner eilte Ansprache, welche einen guten Eindruck ulachte. Ter Chasan recitirte sodann das Gebet für den Sultan Abdul Hamid II. und machte dem Gouverneur von Jerusalem Jbraham Haki Pascha und dem Chacham Baschi ein Mischeberach. Die Schüler der Lemel-Schule sangen den 24. Psalm und Jigdal, womit die Feier schloß. Von Nah und Fern. “ Im Alter von 77 Jahren entschlief am 5. März Herr M. Gottschalk Lewy, einer der Führer der orthodoxen Partei innerhalb der Berliner Judenschaft. Ter Verstorbene erfreute sich durch seinen Biedersinll und seine Wohlthätigkeit in weiten Kreisen hoher Achtung. — Der in Untersuchungshaft genommene Ingenieur Paasch ist Mittwoch Nachmittag auf Beschluß des Landgerichts aus der Haft entlassen worden. — Dem Professor an der Universität Breslau, Augenarzt Dr. Herrmann Cohn, bekannt wegell seiner Verdienste um die Schulhygiene, ist vom Nakionalerziehungsralh in Chicago die Ehreuvizepräsidenten schaft des anläßlich der Weltausstellung stattfindendeu pädagogischen Weltkongresses angeboten worden. — Im Verein für jüdische Geschichte und Litteratur in Köln, hielt Montag, den 27. Februar, Herr Dr. Apfel einen Vortrag über „Die Entwickelungsgeschichte der jüdischen Ackerball j Kolonien in Palästina." — Die Aufstellung eines katholischen Anti semiten als Reichstags-Kandidaten im Dortmunder Wahlkreise in der Person des Schneidermeisters Franz Möller (Dortmund) ist eine der neitestetl Errungenschaften der Antisemiten. Wenn ihnen nur die Parteileitung des Centrums oder die Wählerschaft des Kreisen nicht etwas Wasser in den Wein ihrer Begeisterung gießen. — Rabbiner Wittelshöfer in Floß feiert demnächst ein dreifaches Fest. Den 80. Geburtstag, die goldene Hochzeit und beit Erinnerungstag 50jähriger Amtsthätigkeit. — Anläßlich des Geburtstages Sr. M. deo Königs von Württemberg sind u. A. folgende Stuttgarter Israeliten ausgezeichnet worden: Oberkirchenvorsteher Neumann durch Verleihung des Ritterkreuzes 1. Klasse des Friedrichs-Ordens, der Arzt Dr. Leopold Steiner durch Ernennung zum Sanitätsrath und der Cigarrenhändler S. Weller durch Ernennung zum Hoflieferanten. — In Konstanz hat sich ein Antisemiten verein gebildet; um für denselben Propaganda zu machen, hat man eine Anzahl dortiger hervorragender Personen genannt, welche Mitglieder des Vereins geworden seien. Nunmehr haben diese Persönlichkeiten sich öffentlich dagegen verwahrt und gerichtliche 54läge wegen Mißbrauchs ihres Namens eingereicht. — Wie uns aus Wien berichtet wird, hat sich der Kaiser von Oesterreich einem hohen Staatsbeamten gegenüber sehr anerkennend über das Wirken und die Begabung des Oberrabbiners Dr. Adolf Jellinek aus gesprochen, eine Nachricht, die die zahlreichen Verehrer des gefeierten Redners sicher mit Genugthuung erfüllen wird. Die Mehrheit der Konunission des Schweizer Nationalrathes, bestehend aus fünf Mitgliedern, beantragt, das Volksbegehren betreffend das S ch ä ch 0 verbot in folgender Fassung zur Abstimmung zu bringen: „Der Bund wird über das Verfahren beim Schlachten der Thiere sowie überhaupt im Interesse des Thierschutzes gesetzgeberffch vorgehen." Die Minderheit, bestehend aus vier Mitgliedern, will zu Händen des Volkes die Verwer fung des Jnitiativbegehrens beantragen. — Der frühere Verwalter der „Rep. frane.", Denayrouze, der beit ehemaligen Minister Raynal und Josef Re i nach beschuldigt hatte, mit der „Rep. frane." an verschiedenen Finanzunternehmungen Erpressung geübt zu haben, wurde von den Geschworenen in Bordeaux der Verleumdung schuldig befunden und zu drei Monaten Gefängniß verurtheilt. Die „Cocarde", dieseineAngriffe veröffentlichte, hat 100 Frs. Buße und 5000 Frs Entschädigung zu bezahlen. -- Das Organ Drumonts, die Pariser Zeitung „Libre Parolen wurde wegen Verleumdung des Großrabbiners von Vesoul zu 100 Francs Geldstrafe, 400 Francs Entschädigung und Einschaltung des Urtheils in sechs Zeitungen verurtheilt. — Die italienische Judenheit hol durch den am 3. Februar erfolgten Tod des Baron Joseph Treves de Bonfils in Venedig einen schweren Verlust erlitten. — Baro i Hirsch empfing in voriger Woche in Piccadilly 15 russisch-jüdische Aus wanderer, welche als Pioniere nach Argentinien gehen, um dort die Ar siedlung von '440 jüdischen Familien aus Bessarabien vorzubereiter. Die Deputation wurde von Herrn David Feinberg, dem Generalbevolo mächtigen des Barons Hirsch, begleitet. — Die Londoner Judenheit b klagt den Tod des Reverend B. H. Ascher, der am jüngsten Freitag im Alter von 82 Jahren gestorben ist. — Der türkische Sultan Hut dem früheren Botschafter der Vereinigten Staaten von Nordamerika, Herrn S. Straus, den Osmanje Orden I. Klasse mit Brillanten ve - liehen und ihm die hohe Auszeichnung durch ein sehr ehrenvolles Handschreiben zur Kenntniß gebracht. — Unter den Werken englischer Dichterinnen, welche auf der Chicagoer Kolumbus-Ausstellung g feiert werden sollen, befinden sich diejenigen von zwei Jüdinnen, die in England große Verbreitung gewonnen haben, untz zwar Grace Aguilars schöner historischer Roman „The Last Days of Bruce“ und „Reubcn Sachs" von der so jung verstorbenen Amy Levy, die infolge ihre-? frühzeitigen Todes ihre ausgezeichneten Talente nicht ganz entfalten, die Erwartungen nicht erfüllen konnte, welche ihr berühmtes Erstlingswerk erweckte. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.

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