Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-03-10 · Heft 10 (10.3.1893) · p. Seite 119

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 10 (10.3.1893)
Date
1893-03-10
Page
Seite 119 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3224737-3227986-3227997--49597-3271170
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

119 «noch zu tenig zu rte Lehrm Fache, :rtheile». cu-, gal! Nädchen. das täggeweseu, iger Ecle», die a» die auch die ündringbzehntes jungen ch jeder chaffung mibuoll ht hätte, ii beselichl ihren was sic ge Fra» sei die : er cS, , gerade sanftes e, einen icht die einmal Achseln iann ich weilig." >lte, sich m nach nid für lingang grotzem »t, eine als ihn degras" gebung, achtern, i Kreise i, oder n dieser nschaft, cd viel {arten gespielt, getrunken und noch Allerlei getrieben, was nicht ^ehr edel ist. Seit einiger Zeit munkelte inan, Max habe sich, um es seinem zntlinus Guritz nachzuthun, auch eine Geliebte angeschafft, mit der r in Rudeni Haus halte. So war Anna Zelkis häusliches Glück beschciffen, als Dr. Kannskh nach S. kam. Seit dem ersten Besuche war er einige Aale als Arzt zu Hirsch gerufen worden, doch er hatte trotz der oiederholten Einladung des alten Mannes sonst keinen Besuch dort wieder gemacht. Ein schöner junger Arzt in gesicherter Lebensstellung ist überall ine begehrte Persönlichkeit, aber im kleinen Orte ist er geradezu der Nittelpunkt, um den sich Alles dreht. Kalinsky wurde viel in die sogenaiinte gute Gesellschaft eingeladen; mm gab ihm kleine Feste, die Töchter bemühten sich um ihn. Doch st oft gefallen zu wollen, das sicherste Mittel, zu mißfallen, und sie uißfielen ihm gründlich, diese Töchter. Das laute Reden, das Lachen hne Veranlassung, alle die Gespräche, die darum sich drehen, das >ebe Ich herauszustreichen, der Stadtklatsch, das war immer derselbe Ürei, an einem armseligen Geistesfeuer, wohin er kani, ausgewärmt md wieder aufgetischt; dieser Brei mundete ihm nicht, der Doktor ühlte sich, je länger je unbehaglicher i» der Umgebung; er sing an, nit sich selber unzufrieden zu werden. Es war an einem trüben Winternachmittage, der Schnee fegte nrch die Straßen und wirbelte in weißen Flocken vor den Fenstern, mb es alle Aussicht benahm. Verstimnit, müde von einem am übend vorher ausgestandenen Vergnügen in seinem Kreise, wußte kalinsky nichts mit sich anzufangen. Sei es, daß er, sich selber unbewußt, Vergleiche angesteüt hatte, der war Annas Bild seinem Geiste vorgeschwebt, er erinnerte sich lötzlich, daß Hirsch ihn so oft eingeladen hatte; er überlegte »och, eun er war schon da angelangt, sich zu fragen, was die Leute zu iiiem freundschaftlichen Verkehr im Hause des Juden sagen werden. Aber vor dem Gespenst der Langeweile, vor den Genüssen, die hu erwarteten, ivenn er seine Gesellschaft aufsnchen würde, träte» ille Bedenken zurück; er ging in das nahe Haus. Mit großer Herzlichkeit bewillkommten ihn Vater und Tochter, md ehe man sichs versah, war man in anregendem Gespräch, ohne as Material dem heimischen Boden entnommen zu haben; die Bücher, >ie herumlagen, gaben reichlichen Stoff. „Herr Doktor," sagte nach einiger Zeit Hirsch, „ehe sie ankamen, mtte meine Tochter ein Gedicht meines Lieblingsdichters gelesen; oenn Sie erlauben, liest sie nun den Schluß." Der Doktor bat darum, s zu thun, und es klang so schön, als Anna mit ihrer volltönenden stimme las: „Funken sprühten, Flmnmen wehte». Machten die Verfolger blind. Zum Befreier, zum Propheten Wuchs heran der Sklavin Kind." „Der Sklavin Kind", das ist unser Moses, und der Dichter, derbes geschrieben, ist unser L. A. Frankl. Sie müssen wissen, und oaruin soll ich es Ihnen auch »icht gestehen, Herr Doktor, ivenn der erühmte Autor ein Jude ist, ists Freude und Stolz zugleich, die mein Herz empfindet, und was mir diesen Autor noch näher dringt, md seine unsterblichen Verdienste um die unglücklichen Blinden," etzte Hirsch seufzend hinzu. Das Gespräch schien eine traurige Wendung nehmen zu wollen, oarmn fiel Anna schnell ein: „Sie, Herr Doktor müssen vor Allem 'eine,t Hypokrates und die moderne Medizin lese», das schlägt in ähr Fach, vielleicht erhöht es auch in Ihren Augen den Werth des Dichters, wenn ich Ihnen sage, daß Lenau und Grün ihm innig befreundet gewesen." So kam man auch auf diese Dichter, Anna holte ihre Werke und las ein und das andere herrliche Gedicht; ihre Augen glühten, die Wangen ivaren höher geröthet, sie sah wunderschön aus in ihrer Begeisterung. Kalinsky Hütte nicht zu sagen gewußt, ob das, was er hörte, oder was er sah, ihn niehr entzückte; vielleicht wußte er es auch nicht. Anna aber bezog dies Entzücken, das man ihm so gut ansehcu konnte, auf die Dichtkunst, und der Doktor stieg dadurch sehr in ihrer Werlhschätzung. Ein Mensch, der das Schöne so tief empfindet, daß »um es ihm deutlich vom Gesicht lesen kann, muß gut und edel sein. Er trat ihr dadurch geistig um Vieles näher. Wie spät eS unterdeß geworden sei. merkte man erst, als die Uhr zwölf schlug, der Doktor stand auf und sein längeres Bleiben wie entschuldigend sagte er: es sei ihm hier noch nie die Zeit so rasch verflogen, so augenehi» habe er noch keinen Abend im Städtchen verbracht. Er reichte Beiden die Hand und bat um die Erlaubnis;, bald ivieder kommen zu dürfen. Er kam bald, kam oft; die Atmosphäre hier wirkte anregend, erfrischend; man fand die ineisten litterarischen Erzeugnisse namhafter Autoren, die besten Zeitungen, dann Pflegte Hirsch zu sagen: „Ich kann nicht viel ausgehn, ich kann nicht reisen, so ists nur Echolung und Erguicknng, wenn ich Ausflüge mache ms Zauberland, das gottbegnadete Menschen in ihrer Phantasie erschaffen, und wo ich, der Stimme meines Kindes folgend, am liebsten verweile." Trotz Altersverschiedenheit, trotz Religionsunterschiedes hatte sich ein herzliches, freundschaftliches Verhültniß unter diesen Menschen heransgebildet. Es geschieht oft, obschon es ebenso unvernünftig wie ungerecht ist, daß man das Mißfallen oder den Haß, den eine einzige Person erregt, die Gesammtheit, die Nationalität entgelten läßt. So hört man z. B. oft auf Reisen Leute, die mit ihrem Urtheile bei der Hand sind, Rumänien, Ungarn rohe Länder, ungebildete Nationen nennen, weil vielleicht ein ungebildeter, roher Rumäne oder Ungar ihnen die Koupeethür unsanft vor der N'ase zugeschlagen hatte. In seltenerem Falle, in vermindertem Maße überträgt inan aber auch Wohlgefallen und Achtung, die man für wenige Personen empfindet, auf den ganzen Kreis, auf die ganze Umgebung, der sie angehören: So ward dem Doktor durch seine Freundschaft, durch seine Achtung für die eine jüdische Familie die ganze jüdische Geineinde werth. Er wurde herzlicher gegen Alle, kam Allen mit gewinnender Freundlichkeit entgegen. Sie waren wieder dankbar für solches Entgegenkommen, verehrten und liebten ihn und fühlten sich Alle dadurch ungemein geehrt, daß er ein jüdisches Haus so anszeichuete; denn der Doktor machte kein Geheimniß aus seiner Bewnnderuug, die in den Augen Anderer noch an Bedeutinig gewann, indem er stets in ehrerbietigstem Ton von Hirsch und Anna sprach, So ging eine Weile Alles sehr gut, aber es sollte nicht von langer Dauer sein. Als der Sommer nahte, die Tage hell und freundlich wurden, der Himmel in klarer Bläue leuchtete, sollte für Anna der Horizont sich verdüstern. Es war am Freitag Nachmittag, die Leute beeilten sich mit der Arbeit, die Kunden in den Läden wurden rascher bedient, in den Komptoirs die Briefe schneller geschrieben, die letzten Posten flugs eingetragen und die Bücher zugeklappt. Auf der Straße rasselten die Kleinen mit einem Pferde bespannten Wagerlu, sogenannte Karugas, auf dem holprigen Pflaster, sie hielte» bald vor diesem, bald vor jenem Hanse, die Insassen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.