Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1893)
- Date
- 1893-03-10
- Page
- Seite 118 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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118 „Mein Wissen will ich in Ihren Dienst stellen, Herr Hirsch, und soweit ich es vermag, werde ich Helsen, ui» Ihren Zustand erträglich zu machen," Anna ward gerührt von diesen so herzlich gesprochenen Worten, sie reichte dem Doktor dankend die Hand, auch Hirsch dankte. Auf die Fragen des Arztes nach Befinden, »ach der bisherigen Behandlung, fing Hirsch zu erzählen an; schilderte seine Krankheit, die Reisen, die er im Anfänge dahin und dorthin unternommen, wie Alles nichts genützt habe, bis er nun, wie er hinzufügte, eine Last sei für sein einziges geliebtes Kind. „Vater, das darfst Du nicht sagen, Ich wäre unglücklich, wenn ich glauben müßte, daß Dn wirklich so denkst," unterbrach die Tochter. Hirsch strich ihr begütigend über den Scheitel. Nach Art alter Leute zog Hirsch das Gespräch in die Länge, von einem Gegenstand bald auf den andern übergehend, Betrachtungen über Bergangenheit und Gegenlvart, über Nahes und Fernes ankuüpfend. Er war viel gereist, hatte viel gesehen und viel gelernt; so sprach er auch sehr gut, und da er jetzt sehr selten dazu kam, mit Freunden zu verkehren, freute er sich umsomehr, wenn er Gelegenheit hatte, sich auszusprecheu, er ließ sich jetzt deshalb etwas zu sehrgehen. — Ter Doktor ward staunend gewahr, daß er einen Mann von reichem Wissen vor sich habe, dessen Unterhaltung ihn interessirte; er hatte nicht erwartet, in einem jüdischen Hause einen solchen Vater, eine solche Tochter zu finden. Anna, die den Doktor ansah, während der Vater sprach, mißdeutete den Ausdruck in seinen Mienen; sie befürchtete, es sei die Ungeduld, was sich so abspiegelte, und sagte deshalb entschuldigend: „Mein Vater ist so glücklich, einen Menschen, der aus der großen Welt kommt, zu hören, seine Nähe zu fühlen, daß er ganz vergißt, wie wenig Anspruch mit auf Ihre Zeit haben, Herr Doktor." Hirsch, dadurch aufmerksam geworden, entschuldigte sich nun, indem er noch hinzusügte. „Sie sehen, Herr Doktor, und ich fühle es auch, daß ich nicht nur Medizin brauche; schon die Unterhaltung mit Ihnen hat mir wohlgetha». Ihre Praxis wird Ihnen oft Zeit lassen und unser Ort bietet gar nichts; wenn Sie also einem alten Manne eine Freude machen wollen, kommen Sie dann manchmal ans ein Stündchen zu »ns; ich hoffe, es soll auch für Sie nicht ganz zu langweilig sein: nur haben manch' gutes Buch, das hilft darüber hinweg, wir Zwei sind immer zu Hause." „Sie meinen also, meine Unterhaltung wäre int Stande, auf Ihren Zustand heilsamer ciuzuwirken als meine Rezeptes" sagte lachend der Arzt und fuhr fort: „Nu», ich will trachte», diese Kraft zu erproben; ein gewiffeuhafter Arzt darf nichts unversucht lassen, indeß danke ich Ihnen jedenfalls für Ihre gütige Einladung." Wie alte Bekannte trennte mau sich. Anna war eine gute, gebildete Erziehung zu Theil geworden; das ist im kleinen Orte viel schwerer, als man sich denkt. Die meisten Eltern glauben am besten für ihre Tochter zu sorgen, ivenn sie aus Wien eine Erzieherin kommen lasse», und zwar verlangen sie gleich ein Universalgenie, für Litteratnr, Sprachen, Musik, um so für eine verhältnißmüßig geringe Ansgabe recht viel cinzukaufen. — Tie mit diesem Aufträge Betraute» sagen sich aber, wenn es sich in» ein kleines Städtchen in der Bukowina oder Galizien handelt: „Für die da unten ist jede gut genug, die nur von einer gutmüthigen Dame, bei der sie als Bonne gewesen, in dem crtheilten Zeugnisse mit dem vielversprechenden Titel „Lehrerin" bedacht worden." So kommt meist irgend eine littcrarische Marketenderin angefähre», die mehr Fusel als Spiritus in ihrem Fäßcheu führt. In manchen Familien gelingt es solcher Dame, sich dennoch zu behaupten, die Erziehnngsresultate sind aber auch darnach. Hirsch hatte es vorgezogeu, für viel Geld anscheinend wenig zu kaufen, aber sein Kind stand sich dabei sehr gut. Tüchtige bewährte Lehrkräfte aus den Knabenschulen wurden von ihm gewonnen, um im Fache, das jeder lehrte, seiner Anna im Hause Unterricht zu ertheilen. Sie lernte sehr gern und gut, als sie siebzehn Jahre alt war, galt Fräulein Hirsch für ein wohlerzogenes, gut unterrichtetes Mädchen. Die Verheirathung der Tochter noch zu erleben waren das tägliche Gebet und der innige Wunsch der kränkelnden Mutter gewesen, auch der Vater, damals in noch schwebender Angst vor völliger Erblindung, theilte diesen Wunsch und konnte es kaum erwarten, dir Tochter in das Alter treten zu sehen, welches gestattet hätte, an die Verwirklichung dieser Wünsche zu denken. Die Lehrer gingen »och aus und ein und schon kamen auch die Schadchonim, diese unvereidigten Makler Hymens; sie redeten eindringlich, priesen die Vorzüge eines vorgeschlagenen Kandidaten. — Es ist da nun einmal nicht anders; ehe Anna ihr siebzehntes Jahr vollendet, war sie mit Max Zelkis, einem hübschen jungen Manne von achtundzwanzig Jahren, der das Leben nach jeder Richtung hin schon kannte, — verlobt. Jitel hatte der kranken Mutter die Sorge für die Beschaffung der Aussteuer abgcnommen, und die Hochzeit wurde bald freudvoll und leidvoll gefeiert. Als ob die Kraft der Leidenden nur bis dahin ausgcreicht hätte, starb die Mutter bald darauf mit dem ihre letzten Stunden beseligenden Bewußtsein, — ihr Kind sei glücklich. Doch Anna war nicht glücklich geworden. Sie liebte wohl ihre» Manu, oder glaubte ihn zu lieben, aber was sie geträumt, was sic von einem Glücke in der Ehe gehofft, erfüllte sich nicht. In der ersten Zeit war Max Zelkis auf seine schöne junge Frau stolz gewesen; es schmeichelte ihm, wenn man sagte, Anna sei die Schönste in der Stadt; denn nur auf ihre Schönheit war er cs, ihre andern Eigenschaften, beachtete er nicht, und merkwürdig, gerade ihre Zärtlichkeit, ihr Eingehen auf alle seine Wünsche, ihr sanftes Wesen, alles dies stieß ihn eher ab, als daß es vermocht hätte, eine» Charakter wie Max zu fesseln. Ihre Ansichten waren nicht die seinigen, wofür Anna schwärmte, dafür konnte er sich nicht einmal erwärmen; er pflegte bei solchen Gelegenheiten mitleidig die Achsel» zu zucken und blasirt hmznzusetzen: „Es thut mir leid, mein Kind, zu solch' idealer Höhe kann ich mich nun einmal nicht aufschwinge», mir ist das Alles höchst langweilig." Es ist kein Wunder, daß Anna sich schließlich verletzt fühlte, sich allmählich ihrerseits von ihrem Manne zurückzog und nun noch inniger ihrem Vater anschloß, bei dem sie stets Verständnis; fand für Alles, was sie erfüllte. Znr weiteren Entfremdung der Gatten trug auch der Umgang bei, den Max pflegte. Er betrieb den Getrcidehandel in großem Maßstabe, wurde sogar im Städtchen ver Gctreidegraf genannt, eine Benennung, die er iibrigens nicht ausstehen konnte, denn als ihn einmal der größte Restaurateur des Ortes, Löbel, „Herr Getreidegraf" titulirte, schrie er ihn ganz wüthend an: „Sie Lokschenfürst." Zelkis hatte also viel zu thun auf den Gütern in der Umgebung, er verkehrte fast ausschließlich mit den Eigenthümern oder Pächter». Eitel, wie Max war, schmeichelte cs ihm, dem Juden, in diese Kreise hcrangezogen zu werden, welche meist aus Edelleutcn bestehen, oder wo Edelleute tägliche Gäste sind; er veredelte sich aber nicht in dieser Gesellschaft. Die Langciveile des Landlebens begünstigte manche Leidenschaft, rechtfertigte manchen Verstoß gegen die gute Sitte; da wird viel