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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-03-10 · Heft 10 (10.3.1893) · p. Seite 116

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 10 (10.3.1893)
Date
1893-03-10
Page
Seite 116 (sequence 10)
Language
German
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116 I. Zunächst wollen wir unser Augenmerk aus die äußere Lage der Juden im 13. Jahrhundert richten. Bis zum 13. Jahrhundert nehmen wir gerade bei den Oberhäuptern der Kirche, bei den Päpsten, eine gewiste Duldung den Juden gegenüber wahr. Alexander III. (1159—1181) gebot, die Juden zu schonen „pro sola humanitate“ ausreinerMenschlichkeit; Clemens III. (1187—1191) wollte die heiligen Pflichten der Humanität den Juden gegenüber nicht gelten lasten, doch sollten sie geduldet werden, und zwar blos „ex mera gratia et misercordiaaus reiner Gnade und Barmherzigkeit. (Güdemann, Gesch. d. Erz. 11. 86.) Papst Jnnoeenz 111. aber brachte auf den Stuhl Petri ganz andere Grundsätze; nicht Humanität, nicht einmal Gnade und Barmherzigkeit sollte gegenüber den Juden zur Anwendung kommen, an die Stelle der Duldung, welcher die Juden sich bisher zu erfreuen hatten, sollte eine shstemntische Berfolgung treten. Diesem Grundsätze gemäß erließ er eine ganze Reihe Gesetze zu ihrer Bedrückung, bedrohte Könige und Fürsten, welche irgend eine Gunstbezeugung den Juden gewährten, mit dem Banne, und die vom vierten lnteranischen Concil (1215) angeordneten „Judenabzeichen" hatten diesen Papst zum Urheber. Dieses barbarische Gesetz war eine tiefe Erniedrigung für die Juden; sie sollten fortan durch ihre Kleidung das Kainszeichen der Ausschließung aus dein Kreise der Völker an sich tragen. lieber die Beweggründe, welche Jnnoeenz 111. zu seinem Barbarismus gegen die Juden veranlaßt haben, giebt es verschiedene Meinungen. Da dieser Papst ausgezeichnete persönliche Eigenschaften besaß, glaubt M. Güdemann die Ueberhaudnahme der Ketzerei zur Zeit Jnnoeenz 111. als Ursache seines gehässigen Vorgehens gegen die Juden anzunehmen. Einige dieser häretischen Sekten nämlich hatten eine judaisirende Richtung; ein zeitgenössischer Bericht klagt darüber, daß Fürsten und Stadtrichter die häretische Doktrin von den Juden, die sie zu ihreir Freunden und Vertranten zählen, lernen. Jnnoeenz mochte daher die Juden als die Förderer der christlichen Ketzerei angesehen haben, und er ließ deshalb nebst den strengen Maßregeln gegen die Häretiker auch den Jriden das Schwergewicht seines Zornes fühlen. (Güdemann il>. 92). Diese Annahme würde den Papst wohl nicht reinwaschen, aber doch halbwegs wegen seines Judenhasses entschuldigen; allein sie erweist sich dadurch als hinfällig, daß bei den einzelnen judeufeindlichen Erlassen immer Motive, welche als Rechtfertigung dienen sollen, angeführt werden. Hätte Jnnoeenz nur die leiseste Spur eines Verdachtes gehabt, daß die Juden irgendwie der Ketzerei bei den Christen Vorschub leisten, so würde er seine Feindseligkeiten gegen sie nicht erst durch hohle und nichtige Rechtfertigungen zu beschönigen gesucht haben; er wäre offen mit dieser schweren Anklage gegen sic aufgetreten, diese Anklage wäre eine fürchterliche Waffe in seiner Hand gewesen, um gegen die Juden mit aller Härte der Glaubensverfolgung vorzugehen. Nein, Jnnoeenz hatte durchaus keinen Grund, die Juden als die Urheber des Brandes, welcher zu seiner Zeit innerhalb der Kirche in hellen Flammen auflodertc, zu verdächtigen, sein Haß gegen sie entsprang ganz anderen Motiven. Er hatte, angetrieben von übermäßiger Herrschsucht, die ganze Erde seinem Machtspruche unterworfen, die mächtigsten Fürsten mußten sich vor ihm beugen, alle europäischen Völker horchten in unterwürfiger Demuth auf sein Wort, so daß er sich auf der vierten Laterau-Shuode mit Recht eine Sonne, deren Strahlen Alles belebt, nennen konnte. Dieser Sonne mit ihren Alles belebenden Strahlen jedoch konnten die Juden sich nicht zuwenden, denn ihre Sonne ist ihre Religion, ihr geheiligter Gottesglaube; die Juden waren die Einzigen, denen der Papst nicht seinen absoluten Willen diktiren tonnte, das bedrückte seinen Ehrgeiz, das vermochte er in seiner Herrschsucht nicht zu ertragen, und um auch die Juden seine Machtfülle fühlen zu lassen, suchte sie Jnnoeenz durch harte, unmenschliche Gesetze schwer zu treffen. An den Schriftvers: „Nach diesen Begebenheiten erhob der König den Haman" (Esther 3,1) knüpften die alten Lehrer die Betrachtung, daß der Allgütige, bevor das Unheil für Israel anbricht, früher schon Heilung bereitet hat, und dieser Ausspruch bewährt sich in jeder Epoche der Geschichte des israelitischen Volkes. Papst Jnnoeenz III. trat als ein mit höchster Macht ausgerüsteter Haman gegen die Juden auf, und ihm gegenüber erhob sich ein nicht minder mächtiger Mann, der sich den Juden zuwandte, und namentlich der Wissenschaft de-: Judenthums und jüdischen Gelehrten hohe Werthschätzung cntgegcnbrachte; dieser mächtige Mann war Kaiser Friedrich 11. von Hohenstaufen. Kaiser Friedrich zeichnete sich durch ausgezeichnete Geistesanlagen aus; hochgesinnt, tapfer und freisinnig, besaß er ausgebreitete Kenntnisse und Liebe für Kunst und Wissenschaft; er verstand sämmtliche Sprachen seiner Unterthanen, die griechische, lateinische, deutsche, italienische, französische nnd arabische Sprache hatte er sich eigen gemacht; war ein tiefer Kenner der Naturgeschichte, seine Bearbeitung des Thierlebens, namentlich über die innere Struktur der Vögel, wird von dem großen Polhhistor Alexander von Humboldt rühmend her vorgehobeu (Kosmos II, 284), und was gewiß eine seltene Erscheinung war, auch jüdisch-theologischen Fragen wandte er seine Aufmerksamkeii zu. Das Studium jüdisch - theologischer und jüdisch - philosophische! Werke war im 13. Jahrhundert bei christlichen Gelehrten wohl nicht: Seltenes, die zwei bedeutendsteil Kirchenlehrer Albertus magnns und Thomas von Aquino haben bei ihren Forschungen sehr oft die Werke der großen jüdischen Denker Jbn Gabirol, Ilm Daud und Maünonide: zu Rathe gezogen; neuere Untersuchungen lieferten sogar das Er gebniß, daß diese beiden Scholastiker sich, ohne es offen und ehrlick cinzugestehen, jüdisches Geisteseigenthum angeeignet haben, sie schmähtei: die jüdischen Weisen, denen sie ihre besten Gedanken zu Verdankei hatten. Dem Studium der jüdischen Schriften von Seiten christliche Gelehrten im 13. Jahrhundert ist also keine große Bedeutung beizu legen; daß aber der großmächtige Herrscher auf dem Kaiserthrone daß Friedrich II. es nicht für zu gering erachtet, sein reiches Wisse: auch durch die Forschungen jüdischer Gelehrten zu vermehren, wa von ganz anderem Belange, denn dadurch trat das jüdische Wissen aus der engen Gelehrtenstube, es wurde in die Nähe des kaiserliche!. Thrones gezogeii, es wurde hoffähig. Das lebhafte Interesse de Kaisers für das jüdische Schriftthum hatte den wohlthütigsten Einfluß die hohe Verehrung, welche die Inden für dasselbe hegten, wurde da durch noch gesteigert, denn es ist einmal unsere Schwache, von da wir noch in unserer Zeit nicht frei sind, unsere eigenen Geistesschäl erst dann ganz und voll zu würdigen, wenn sie beifällige Anerkenumi - auch in nichtjüdischen Kreisen erhalten; das Lob eines Nichtjudc l selbst von untergeordneter Stellung wiegt oft schwerer, als die Zn stimmung des tüchtigsten und berufensten jüdischen Fachmannes. T Anerkennung der Forschungen jüdischer Gelehrten von Seiten da- Kaiscrs Friedrich hatte aber eine noch erhöhte Bedeutung, sie ist ü einer Zeit, wo durch die barbarischen Gesetze der gehässigen Au: schließnng des Papstes Jnnoeenz III. die Juden tief gebeugt und c; -- niedrigt wurden, als eine rettende und erlösende That zu betrachten. Die Vorliebe Friedrichs für jüdisches Wissen veranlaßte ihn, in > jüdischen Gelehrten in wissenschaftlichen Verkehr zu tteten, er zog ja' an seinen Hof, pflegte mit ihnen persönlichen, vertrauten Umgan-i und setzte ihnen sogar ein Jähresgehalt aus. Der Verkehr des ersten nnd mächtigsten Herrschers der Christenhca mit den Juden, lediglich zu dem Zwecke der Förderung der Wissenschaft, ivar ein Akt hoher Anerkennung dc-2 jüdischen Geistes, der

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