Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1893)
- Date
- 1893-03-10
- Page
- Seite 115 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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115 Lehren, welche bestimmt hat Jehova zwischen sich und den Söhnen Israels auf dem Berge Sinai durch die Hand Moses", schließt der zweite Abschnitt also: „Diese sind die Worte des Bündnisses, welches geboten hatte Jehova dem Moses zu schließen mit den Söhnen Israels im Lande Moab, außer dem Bunde, den er mit ihnen in Choreb geschlossen hatte". Man begreift, daß bei der Wichtigkeit des Vertrages, den Jehova mit dem Volke Israel geschlossen hat, auch entsprechende Segen- und Fluchformeln vorhanden sein miissen! Außer auf Verträgen finden sich solche Formeln auf Bauten und Denkmälern, welche die babylonischen und assyrischen Könige errichtet und gestiftet haben. Die Nachbildung einer solchen Formel nthält die Hadad-Stele von Sendschirli. Es darf nicht unerwähnt bleiben, daß die ersten Worte unserer! Anschrift, wie schon v. Lnschan bemerkt hat, ans einer Rasur stehen, -ollte hier eine frevelhafte Hand im Spiele gewesen sein? Der ganze Tenor der Inschrift wie einzelne Phrasen weisen auf assyrische Vorlagen hin, und es scheint mir kein Zweifel zu sein, daß >cr Verfasser dieser Inschrift assyrische Denkmäler gelesen und vertanden hat. Schon Sachau hat darauf hingewiese», daß der Stifter dieser Inschrift, Panammu, Sohn des Karat, auf dem Denkmal des u'akübel, Sohnes des Panammu, erwähnt wird. Dieser Umstand, awie die älteren Buchstabenformen berechtigen, die Abfassrmg der mschrift auf der Hadad-Statne in den Anfang des neunten Jahrumderts zu setzen. Es drängt sich nun die Frage von selbst ans, was für Volk im ohen Norden Syriens gelebt und was für Sprache dasselbe gesprochen abe. Halövy, der die Inschriften in Berlin prüfen konnte, hat eine üeressante Publikation darüber veröffentlicht und darin die Bermthung ausgesprochen, daß die Einwohner dieser Burg und dieses andes mit den Hetitern der Bibel und den Haiti der assyrischen »schriften identisch seien. Bis jetzt liegt meines Erachtens kein direkter -eweis für diese Behauptung vor. Was die Sprache der Denkmäler etrifft, so zeigt dieselbe merkwürdige dialektische Eigcnthiimlichkeiten. ltau theilt bekanntlich die nordsemitische Sprachgruppe in zwei Unter- 'theilnngen: die hebraeo-phömtische und die aramäische. Die chnraktestischcu Merkmale der beiden Gruppen, die bis jetzt als unverrückbar .gölten haben, sind hier in bunter Weise durcheinandergewürfelt, ad wir stehen vor einer Reihe von sprachlichen Räthseln, die erst wissenschaftlich gelöst werden müssen. Es ist hier nicht der Ort dazu. >ec sei nur betont, daß der aramäische Charakter der Sprache mir aßer Zweifel zu stehen scheint. Hierin stelle ich mich ans den Stand- »>kt Sachaus, wenn ich auch seiner Unterscheidung von altem und »gerem Aramaisch nicht zustimmen kann. Gerade aber die Eigeniigkeit der Sprache verleiht den Denkmälern von Sendschirli ihre he Bedeutung rmd einen unschätzbaren Werth. Ich habe schon oben daraus hingewiesen, daß die altsemitischen nschriften mit der ihnen entsprechenden Architektur in Sendschirli >e mittlere Periode historischer Entwicklung darstellen. "In eine noch lere Zeit reichen die Ueberrestc syrisch-kappadolischer Kunst, die mit aschrifteu in den noch nicht entzifferten sogenannten hetitischcn Hieroiphen bedeckt sind. Von wem letztere herrühren und aus welcher it sie stammen — darüber schweigt die Geschichte. Vielleicht bergen noch nicht äufgedeckte» Paläste von Sendschirli dieses Geheimnis;, Gleicht findet man bei weiteren Nachgrabungen einen neuen Stein m Rosette, eine zweisprachige Inschrift, die uns die dunklen Hieroaphen erschließen wird. Das Orient-Komitee in Berlin, welches ^gezeichnete Gelehrte, wie Bastian, Dillinan, Enting, v. Kaufmann, weis, Sachau, Schräder und Birchow, und kapitalskräftige Förderer der Wiffenschaft, wie Bleichröder, Siemens und Andere, vereinigt, und an dessen Spitze der frühere Untcrrichtsminister Herr v. Goßlcr steht, hat die Ehrenpflicht, nicht auf halbem Wege stehen zu bleiben und die Ausgrabungen in Sendschirli zu Ende zu führen. Wie sich das Unternehine» des Wohlwollens des greisen Kaisers Wilhelms 1. und der warmen Theilnahnie des Kaisers Friedrich erfreute, so werden auch der jetzige Kaiser und seine Regierung die Interessen des Orient- Komitees fördern, der Wissenschaft zum Nutzen und Deutschland zum Ruhme. Die Berichte über die Ausgrabungen in Sendschirli erscheinen als ein Theil der Mitthcilungen aus den orientalischen Sammlungen der königlichen Museen in Berlin, die großen Statuen und Inschriften bilden jetzt die Zierde derselben. Es ist daher im Interesse der Wissenschaft gelegen und eine Art Pietät gegen die Stifter der Denkmäler, daß die in den Museen aufbewahrten Kostbarkeiten, um im Stile der Inschriften zu sprechen, nicht „an einen dunklen Ort" gestellt werden. Sie sind der Verwaltung der ägyptischen Abtheiluug unterstellt, wie so oft im Alterthume die Pharaonen Vorder-Asien unterjochten. Hoffen wir, daß mit den neuen großen Arquisitionen auch die ägyptische Abgeschlossenheit weichen wird. 9 Are biblischen Schrifterklärungen eines Kaisers. Bon Dr. Nathan Grün in Prag. Eine Zeit mächtiger Bewegung, großer, folgenreicher Erscheinungen, der verschiedenartigsten Bestrebungen, der mannigfachsten Richtungen und Strömungen will ich meinen Lesern heute vorführen. Diese Zeit ist das 13. Jahrhundert, welches von den Geschichtsforschern das Jahrhundert der Gegensätze, der Widersprüche, der auf- und uiederfluthenden, einander heftig bekämpfenden Meinungen genannt wird. Zwei Persönlichkeiten sind es, die diesem Zeitalter das Gepräge anfdrückeu, welche die mit unversöhnlicher Hartnäckigkeit sich widerstrebenden Gcistesströmungen repräsentiren; diese zwei Persönlichkeiten sind: Papst Jnnoceuz 111. und Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen. Auf der einen Seite sehen wir das Papstthum zu dem höchsten Gipfel der Machtfüfle sich erheben, welche auch das Reich allen geistigen Strebens und Schaffens unter seine Botmäßigkeit zu bringen trachtet; auf der anderen Seite sucht der freie Gedanke, die wissenschaftliche Forschung, das Sichlvslösen von kirchlicher Bevormundung Boden zu gewinnen. Doch wie es stets beim ersten Hervortreten »euer Geisteserscheinungen der Fall ist, so sind auch hier die Gegensätze noch vielfach ineinander verschlungen, die Widersprüche noch nicht von einander losgelöst. Der Prozeß der Zersetzung hat wohl begonnen, noch aber mangelt es an Klarheit, das Licht hat sich noch nicht gezeigt, blos ein Dänuncrschein kündigt au, daß die Nacht allmälig vor dem anbrecheuden Tage zurückwciche. In einer solchen Zeit der Dämmerung, wo das Licht der starren Finsterniß die Herrschaft zu entreißen sucht, brechen oft die Mächte der Dunkelheit mit verdoppelter Gewalt hervor, raffen sie alle ihre Kräfte zusammen, um sich in ihrer Furchtbarkeit zu behaupte», und nur durch das Hervortreten schwacher, schüchterner Vorboten einer anderen Geistesrichtung giebt sich kund, daß eine llmwälzung im Reiche der Ideen vor sich gehe, welche der Welt eine Neugestaltung zu geben bestimmt ist. Diese einleitenden Gedanken müssen wir festhaltcn, um die geschichtlichen Erscheinungen, welche uns in meinem heutigen Vortrage beschäftigen werde», begreifen und würdigen zu können.