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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-03-10 · Heft 10 (10.3.1893) · p. Seite 112

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 10 (10.3.1893)
Date
1893-03-10
Page
Seite 112 (sequence 6)
Language
German
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112 Die nächste Generation englischer Israeliten wird daher auch ganz anders für geordneten, geregelten und verständlichen Gottesdienst sorgen, als das bisher vielfach der Fall war. Kinder, die aus solchen Schulen hervorgehen, werden als Männer und Frauen sich nicht begnügen mit einem Schochet, der früher Hausircr irgendwo in Polen war und in England von dem Chief rabbi empfohlen, dann als Reverend, ehrwürdiger Kantor, Geistlicher und weiß Gott noch als was fungirte. Tie Zeit ist in manchen Städten jetzt schon gekommen, wo man anfängt einznsehcn, daß nicht der ganze Schiverpunkt des Judenthnms in der Schechita liegt, sondern daß Ehrlichkeit. Wahrheit, Moral, Menschen- und Gottesliebe die Quintessenz des Judenthnms sind. Bereits sehen wir junge in Jews College erzogene Geistliche dem Amte eines nach deutschen Begriffen erzogenen Rabbiners Ehre machen. Sie werden den christlichen Geistlichen gleichgestellt und bei öffentlichen Stadt- und Staatsangelegenheiten als Vertreter ihrer Gemeinden zugezogen. Die letzteren fühlen sich dann geehrt und das frühere despotische Gebühren des Parneß verwandelt sich in ei» freundschaftliches Berhältuiß, wie es zwischen Geistlichen und ihren Gemeindemitgliedern herrschen soll. Auch der Oberrabbiner in London, der bisher seinen Titel — lucus;i non luceinlo — gleich geführt, da er keine Rabbiner unter sich hatte, wird jetzt zu mehr tollegialischen Gesinnungen gedrängt. Natürlich „wie sich's christelt, so jndelt sich's"; ein jüdischer Oberbischof ist ein sehr plausibler Titel und so müssen auch unsere englischen Inden ein geistliches Oberhaupt haben. Es giebt aber in England zwei Erzbischöfe, den von Canterbnry und den von Port — und so müßten >vir hier eigentlich auch zwei Oberrabbiner Haben. Ob wir's noch so weit bringen werden, müssen wir der Zukunft überlassen. — Bon dem eben anfgestellten Sprüchwort zeugt auch das Gebahren des Dr. Adler, der kürzlich einen sehr talentvollen Geistlichen in hib irte, d. h. vereitelte, daß die Gemeinde, die ihm schon einen ehrenvollen „call'' oder Ruf geschickt hatte, ihn anstellte. Und warum, weil der Betreffende sich in einer seiner Predigten gegen die Wiedereinführung der blutigen Thieropfer in Jerusalem ausließ! In dem letzten Heft der „Jewisli Quarterly Review" wird dem Oberrabbiner daher gehörig heimgeleuchtet. Der Artikel ist von dem freisinnigen und begabten Sohne des Nestors der jüdischen Advokaten, von O. Simon, geschrieben und hat den Titel: „Autorität und Dogma". In einem Lande, wo junge Israeliten, denen das Herz auf dem rechten Fleck sitzt, ein solch warmes und reges Interesse für die idealen Güter des Judenthnms haben, da kann es nicht fehlen, daß das Judcnthum einer schöne» und großen Zukunft entgegengeht. U Nie?ah,ne Türkei. Die nationale Strömung, so gering wie sie an sich ist, hat der Sache der Kolonisation Palästinas großen Schaden zugefügt. Die zionistischen Quertreibereien haben an der maßgebenden Stelle eine Werthschätzung erfahren, die ihnen nicht im Entferntesten zukommt. Die angeblich begeistertsten Sachwalter der Bebauung Palästinas durch Inden mögen hieraus die Lehre ziehen, Maß zu halten in allen Dingen. Es war voraus zu sehen, daß der Sultan in seinem Hause nicht den Raum zu nationalen Gährungen gutwillig herzugeben geneigt sein werde. Eine bloße Kolonisation würde bei der Pforte kaum auf Widerspruch gestoßen sein, allein mit verschränkten Armen zuzusehen, wie so viel Zündstoff für Berlegenhciten sich in der eigenen Mitte ansammelt, hieße der Türkei zu viel zumuthen. Die zionistische Bewegung, soweit sie mit nationalschillerndcn Seifenblasen um sich warf, ist auf einen Grad gekommen, der sie der Beachtung kaum mehr werth macht, und wenn man trotzdem am „Goldenen l Horn" gegen solche Luftgebilde mit so drakonische» Maßregel» vor geht, so müssen nicht geringe Kräfte ihre Hebel zu Ungunsten der Juden in Bewegung gesetzt haben. Das aber zeugt von der jugendlichen Unbesonnenheit dieser „national"-jüdischen Färbung, daß sic die feindseligen Mißdeutungen, deren diese Bestrebungen in volle»! Maße unterliegen, nicht in Betracht zog. Aber auch noch nach einer andern Hinsicht ist die sultanischr Maßregel sehr lehrreich. Seinerzeit wurden für und wider Palästina Lanzen gebrochen und ein recht ernster Meinungsaustausch fand auch in diesem Blatte statt. Zu den Gegnern einer Masseneinwandernug gehörte auch ich damals und habe besonders auf die unsichern Rechts Verhältnisse und die absolutistischen Zufälligkeiten hingewiesen, die siel, in der Beschränkung der Juden sehr leicht gefallen können. Man unterließ von der gegnerischen Auffaffung nicht, dem Sultan und ber Türkei Weihrauch für die paritätische Behandlung der Juden zu volle» Schalen zu spenden. Nun ist es wahr, der jetzige Sultan ist eii milder und humaner Fürst, der die Sonne der Gerechtigkeit auf allseine Unterthanen, solveit es von ihm abhängt, in möglichst gleich müßiger Weise strahle» läßt. Und trotz dieser Milde und Unbe fangenheit ist es möglich, ein Gesetz von solcher Härte zu erlasse» ein Gesetz, das die Juden unter eine verhängnißvolle Ausnahme stellt Der Jude soll in Palästina und Syrien — der Ausschluß and; des letzteren Landes zeigt, gegen wen die Spitze gerichtet ist — kein Hans und keinen Grund erwerben dürfen. Wodurch unterscheide! die Türkei sich noch von Rußland, wenn man es über sich gewinnt den Juden diese elementarsten Rechte einfach zu nehmen? Wenn das unter dem toleranten Szepter des leutseligen Abdul Hamid geschehen darf, >vas mag erst von einem weniger tolerante» Sultan zu erwarten sein? Man sieht, daß die persönlichen Unterschiede zweier Herrscher selx wenig bedeuten, wenn das Regierungssystem beiden gemeinsam ist die zahme Türkei mit ihrem menschlich denkenden Fürsten und dabarbarische Rußland mit seiner orthodoxen Regierung, beide be gegnen sich, ivenn es ihnen ersprießlich dünkt, in denselben Aus nahmegesetzen gegen die Juden. Ganz erklärlich; die Wurzel, au. der die beiderseitige Bedrückung ihre Kraft schöpft, liegt in der auto kratischen Richtung des Regiernngssystenis. Die persönliche Liebens Würdigkeit der Herrscher wird von diesen absoluten Maximen voll ständig eingeengt, wenn es nöthig erscheint. Gegen eine langsame und besonnene Besiedelung Palästina durch die Juden ließ sich nichts sagen, die schwärmerische Reklanu die man aber von gewissen Seiten damit trieb, hat den Bogen z» straff gespannt, und die Folge davon ist das iiumer gewaltthätiger Eingreifen der Türkei in den Gang der Entwickelung. Zuerst wurde» nur der Einwanderung Hemmschuhe angelegt, als aber dies nicht ans znreichen schien, wandte man Maßregeln an, die des jetzigen Rußland würdig sind. Man komme nicht mit Vergleichen, wie Amerika; das frei. Auierika thue dasselbe, wie man gewiß darauf behaupten wird. Zlvischen der Einschränkung des Zustromes und Versagung bu selbstverständlichsten bürgerlichen Rechte ist ein himmelweiter Unter schied. Die jüngsten Maßnahmen haben nicht für eine Ueberleituu eines jüdischen Volksstromes nach Palästina gesprochen; im Gegen! theil zeigen sie, wessen man sich unter Umständen von der duldsamen j Türkei zu versehe» hat. Ter Emigration ist vorläufig ein Ziel geset», aber selbst wenn die Grenzen geöffnet werden sollten, darf der Zuflwi nur ein träger und spärlicher sein, sollen ihm nicht allerlei schroffe Klippen nnd Felsen entgegentrete». R. Tri» ..» *

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