Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1893)
- Date
- 1893-03-10
- Page
- Seite 111 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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seinen Entschluß, es Anderen nicht nachzuthun, bezeichnete." — Dabei freilich hat er übersehen oder auch nicht gewußt, daß Znnzens Grille.! geboren erst im Jahre 1844, in der Jugenderinnerung der > Kaiserin einen gewaltigen Anachronismus bedeutet. Und wie die! ganze Zunzepisode, ist mit solchem Anachronismus and) ein Artikel j behaftet, den die „Tägliche Rundschau" zur Zeit verössentlicht hat um die Echtheit der Briefe 511 vcrtheidigen. Derselbe ist speziell der! Zunzepisode gewidmet, knüpft zufälligerweise (?) auch an Karpeles' - Geschichte der jüdischen Litteratur an und schöpft aus derselben. Die! sogenannten „Massentaufen", durch welche - nach einer übrige..s gänzlich uubegriindeten legende — die Berliner Gemeinde die Hälfte; ihrer Seelen verloren haben soll, beziehen sich auf die ersten dreißig Jahre nach dem Tode Mendelssohns, nicht aber auf die zwanziger und dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts, auf welche die Kaiserin hinweist. „Die bezwingende Wirkung des j Ehristenthums" in den zwanziger und dreißiger Jahren aus der! Jngenderinnernug der Kaiserin batte ihre Höhe bereits überschritten, j als die Prinzessin Wilhelm nach Berlin kam. Beginnt doch schon; im Anfange des dritten Jahrzehnts die Reaktion gegen den Ab-! fall, und dieselbe ist außer von Gabriel Rießer nicht am wenigsten! gerade von Leopold Znnz selbst hervorgernsen. Es darf nur hin- ' gewiesen werden auf seine (0011 der Eensnr konfiszirte) Borrede zn seinen berühmten „Gottesdienstlichen Vorträgen der Inden" und ebenso auf seine (1887 veröffentlichte) ba* Selbstbewußtsein der 'siiben wieder erweckende Schrift über die „Namen der Juden". Die Kaiserin Augnsta lebte noch als Prinzessin Augusta in Weimar, als genau in der Mitte der Zwanziger „viele andere Christen wurden", Znnz aber seine Treue gegen das Judenthnm bewährte, eben die von Heine als eine großmüthige Grille qnalifizirte Treue. Vergebens sucht man vor 1844 in der ganzen Litteratnr von und über Zunz die Grille, und nach 1844 ist wieder jede Spur von ihr verschwunden. Was aber in Znnzens Leben die Grille bedeutet, welche ihn von der Taufe abgehalten, was er gedacht und gefühlt zur Zeit, als er treu blieb, während die Alidern abfielen, das wissen wir am besten von ihm selbst ans einem Briefe an seinen Freund Wohlwill im Sommer 1824. Als die „Süiidfluth" and) den Verein für Kultur und Wisseiischast der Inden verschlungen hatte und er Viele „in die christliche Nothreligion" sich flüchten sieht, ..bleibt — nächst der Ergebung in das Gericht Gottes — die Beschäftignng mit dieser Wissenschaft sein Trost und Aiihalt." „Ich habe gethan, was zu thnn ich für meine Pflicht hielt. Weil ich gesehen, daß ich in der Wüste predige, habe ich aiifgehört zu predigen, doch nicht nm dem Inhalte meiner Worte treulos zu werden." önpionti snt.... „Nichts bleibt den Mitgliedern, als. treu sich selber, in ihrem beschränkten Kreise zu wirken und Gott das Weitere zu überlassen." — Das, geehrter Herr Redakteur, ist meine Antwort auf Ihre Anfrage wegen der Zunzstelle im Briefe der Kaiserin Augusta an Frau von Bonin. Ich habe meine Antwort nach bestem Wissen gegeben — ohne jede Rücksicht auf Personen oder Parteien. — Eine Fälschung, gleichviel ans welcher Absicht unternommen, wird gewiß am allerersten von den Verehrern der Kaiserin zurückgewiesen. Tie Verehrung für Znnz wird durch keinerlei Fälschung irgendwie berührt. Ob die Antisemiten sich freuen, wenn der Brief gegen den Antisemitismus als gefälscht erkannt würde, ist ganz und gar gleichgiltig. Die Inden sollen und nwllen für ihr Recht kein falsches Zengniß anrnfen. Meine Antwort soll nichts sein, als eine durchaus thatsächliche Aufklärung über die bisher unbeachtet gebliebene Zunzepisode und wenn durch Ihre Anfrage in der, weitere Kreise interessirenden Frage die Wahrheit zu ihrem Rechte kommen sollte, so; dürfen wir uns im Geiste Znnzens darüber freuen. j Die „Tägliche Rundschau" hat erklärt, daß in den Briefen der Kaiserin nur 3 Veränderungen vorgenommen seien, die sich auf zwei Kommata und ein Semikolon beziehen. Im Uebrigen habe sie nicht die Echtheit zu beweisen, sondern der Beweis der Fälschung müsse erbracht werden. Ist die Zunzepisode echt oder gefälscht? Die Antwort auf diese Frage und damit zugleich auch das Urtheil über die Echtheit der Briefe der Kaiserin Augusta sei berufeneren und kompetenteren Männern anheimgestellt! U Brief ans England. Von Rabbiner Tr. Strauß in Bradford. Auch wir im freien England hatten kürzlich eine Jndendebatte im Parlament. Aber wie verschieden von der in Berlin. Nicht ein einziger der englischen Abgeordneten wagte es, Ausdrücke zu gebrauchen, wie sie die Herren Stöcker, Wackerbarth (der Name allein schon ist amüsant und erinnert einen ans Mittelalter) und andere ihrer Gesinnungsgenossen im Munde führen. Es handelte sich nm die Einwandernng der russischen Juden, und ein Theil der Konservativen, die zugleich Schutzzöllner sind, meinten, daß jene Einwanderer eine zu große Konkurrenz für englische Arbeiter wären. Allein Gladstone und mehrere der freisinnigen sowie auch einige der jüdischen Abgeordneten, hauptsächlich Sir Julian Goldsmid, der immer schlagfertig ist, traten für die Eimvanderer muthig ein und die Abstimmung ergab auch ein glänzendes Resultat für Freiheit und Toleranz. Goldsmid wies nach, daß die Juden durchaus kein Nachtheil für England seien. Bei der Gelegenheit erfuhr man auch, daß jetzt circa 130,000 Juden in England wohnen. Daß aber doch ein wachsames Auge auf gewisse Einwanderer, die zu den „Schnorrern" gehören, gerichtet werden müsse, das erkennen auch die englischen Inden. -- Auch im Norden Englands, wie Hnll, Leeds, Bradford. Manchester, werden wir von einer erklecklichen Anzahl derartiger Schmarotzer belästigt. Wenn sie nur wenigstens die Sprache ordentlich erlernen ivollten und ihre Kinder in geordnete Schulen und Religionsklassen schickten, dann wäre noch etwas ans ihnen zu machen! Aber es wird doch besser von Jahr zu Jahr. Seitdem Schulzwang hier zu Lande eingeführt, seit der Bradsorder Abgeordnete, der selige W. E. Förster. Schulämtern die Macht gab, nach den Kindern zu sehen und die Eltern zn zwingen, daß sie ihre Kinder zur Schule schicken, sehen wir große, praktische Schulgebäude, gefüllt mit Zöglingen, allenthalben errichtet. Während früher Schulgeld bezahlt werden mußte, so sind die Schulen, d. h. Elementarschulen, jetzt frei und geradezu überfüllt. Die Elementarschulen höheren Grades, unseren deutschen Realschulen entsprechend, werden von besser sitnirten Eltern meist den zopfigen Grammarsd)nlen vorgezogen. Es giebt auch einige größere jüdische Schulen, wie in London, Liverpool, Leeds und Manchester, die unter einem Schulamte stehen, und die Kinder jüdischer Eltern bekommen darin eine vortreffliche Erziehung. Ihr Korrespondent war kürzlich in Liverpool und auf Einladung besuchte er die jüdische Schule dort. Der Hauptlehrer ersuchte ihn, die Kinder ein wenig zu prüfen, was auch geschah. Es war ein wahres Vergnügen zn hören, wie Kinder polnischer Eltern englisch lasen und deklamirten, wie sie hebräische Gebete ins Englische übersetzten und dabei ein gutes Verständniß für hebräische Grammatik zeigten. 3oo von den 700 Kindern, die die Schule besuchen, wurden jeden Tag unentgeltlich gespeist, und es war rührend zn hören, wie eines von den Kindern das kurze Tischgebet zuerst hebräisch, dann englisch vortrng.