Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1893)
- Date
- 1893-03-10
- Page
- Seite 110 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227986-3227997--49588-3271161- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
110 Nie posthumen Briefe der Kaiserin Augusta und ihre Echtheit. Von Dr. S. Neumann. Geehrter Herr Redakteur! Was bedeutet in dem Briefe der Kaiserin Augusta au eine Frau v. Bonin die Stelle, welche von Zuuzens Uebertritt zum Christcnthum spricht?') Daß Sie jetzt solche! Frage an mich richte», hat mich nicht wenig überrascht; sind doch : bereits fast bolle drei Jahre verflossen, seitdem die „Tägliche! Rundschau" die posthumen Briefe der Kaiserin Augusta veröffentlicht! hat. Natürlich haben dieselben, und wohl nicht blos in Deutschland, das lebhafteste Interesse erregt. Aber an dem Streite der politischen Parteien, ob die Briefe echt oder gefälscht sind, sich zu betheiligen, dazu hat die Znnzstelle keinerlei Veranlassung gegeben. Hier zu Lande ist durch dieselbe Niemand in seinem Glauben au Zunzens Treue gegen das Judenthum berührt worden. Und auch heute würde mir ein Zeugnis; für Zunzens Treue als eine Entweihung seines Andenkens erscheinen. Mit diesem ausdrücklichen Vorbehalt will ich gern Ihre Anfrage beantworten, und ich hoffe, Sie werden sich mit mir freuen, wenn die Znnzstelle vielleicht dazu beitragen sollte, der Wahrheit zu ihrem Rechte zu verhelfen, gleichviel welcher Partei sie zu Gute kommen mag. Noch bis aus diesen Augenblick ist es strittig geblieben, ob die Briefe der Kaiserin echt oder gefälscht sind. Die vielleicht gewichtigste Autorität in dieser Frage, Professor Schräder in Jena, „gesteht zu?) daß im Falle der Fälschung dieselbe von einem außerordentlichen Geschick des Fälschers zeugen j würde" und „bis jetzt ist er weder von der Echtheit der Briefe vollkommen überzeugt, hat aber auch einen völlig triftigen Anhalt für die Unechtheit bis jetzt nicht ausfindig machen können." Der Brief der Kaiserin an Frau v. Bonin, aus dem Jahre 1882, ist gegen den Antisemitismus gerichtet. Die Kaiserin, welche sich dem bekannten „Strafurtheile ihres Sohnes, des Kronprinzen", über j den Antisemitismus anschließt, bedauert von ihrem religiösen und! kirchlichen Standpunkt ganz besonders, daß „der antisemitische Lärm! die Bekehrung der Juden verhindere". „Weiß doch die Kaiserin aus j ihrer Jugend, wie in den zwanziger und dreißiger Jahren, unter j einer mit Herderschen und Hegelschen Ideen erfüllten Weltanschauung, i sich viele angesehene Juden taufen ließen. Das Christenthum übte auf! alle intelligenten Bekenner der israelitischen Religion eine bezwingende Wirkung. Es bleiben mir die Stunden unvergeßlich, in denen ich mit Leopold Zunz religiöse Fragen besprach. Nicht viel fehlte, und er gab „„die große Grille seiner Seele a u f"." „Damit bezeichnete er seinen Entschluß, es Anderen nicht nachzuthun, die Christen geworden. Der Zug zum Christenthum war ein gewaltiger geworden." Zur thatsächlichen Erläuterung sei nun Folgendes bemerkt: 1. Den noch lebenden ältesten und vertrautesten Freunden Zunzens (unter denselben ein hochangesehenes Mitglied der Berliner Universität, das in Zunzens Hause von 1832 ab verkehrt hat) ist von einem Verkehr Zunzens bei Hose absolut nichts bekannt, eben so wenig, daß Zunz je mit irgend einem Mitgliede der königlichen Familie eine Unterredung oder Begegnung gehabt hätte. Und für dieses negative Ergebniß ist gewissermaßen auch die direkte, positive ') Dieser Brief ist die Antwort auf die von dein Redakteur des „Jewish Chronicle" ans London vor etwa 0 Wochen hierher gerichtete Frage über die Znnzstelle in dem Briefe der Kaiserin Augusta. -) O. Schräder, Professor in Jena, „Augusta, Herzogin zu Sachsen, die erste deutsche Kaiserin." Weimar 1890. S. 82 ff. Bestätigung vorhanden. Zunz hat in einem Tagebuch, überschriebeu „Das Buch Zunz, künftigen ehrlichen Leuten gewidmet", alle seine Erlebnisse, auch die kleinsten, insbesondere Begeguisse und Gespräche init Personen, Bekanntschaften rc. verzeichnet und kommeutirt. Von einer Begegnung mit der Kaiserin, oder Prinzessin Wilhelm, oder Prinzessin von Preußen, oder irgend einem Mitgliede der königlichen Familie steht kein Wort in dem „Buch Zunz". 2. Was auch weitere biographische Forschung über die Kaiserin' und über Zuuz immer »och an das Tageslicht fördern mag, - hente schon ist sicher, daß die Kaiserin in ihren Gesprächen mit Zun: von „der großen Grille seiner Seele" nichts gehört hat. Iß doch diese Griste in der That nichts als eine Lesefrucht aus Heine die in dem Briefe an Frau v. Bonin freilich absichtlich präparirt oder durch Mißverständnis; verdorben erscheint. In seinen „Denkworten über Ludwig Marcus" (geschrieben 1844 in Paris) erwähnt Heine auch „des vortresf lichen Zunz, der in einer schwankenden Ilebergangsperiode immer die nnerschütterlichste Iluwandelbarkeit offenbarte und trotz seines Scharfsinns, seiner Skeptik und seiner Gelehrsamkeit dennoch treu blieb dem gegebenen Worte, der großmüthigen Grille seiner Seele." Zwanzig Jahre waren vergangen, seitdem der „Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden" (welcher von Zunz, Gans und Moser gegründet war, und dem auch Ludwig Marcus und Heine selbst angehört hatten) Schiffbruch erlitten hatte. Wie scharf er mul die egoistische Fahnenflucht von Gans, der an der Spitze des Vereins gestanden, geißelt, — für Zunzens Treue hat Heine, der seine eigen, Taufe bald verleugnet, oder ignorirt, auch gar irouisirt, keine ander, Erklärung als Großmuth, und diese qnalifizirt er, vielleicht zu seiner eigenen Entlastung, eben als Grille! Man sieht, in dem Briefe an Frau v. Bonin figurirt ein vor Heine über Zunz im Jahre 1844 abgegebenes Urtheil als ein Ausspruch Zunzens über sich selbst, und dazu als ein ihm sei langen Jahren geläufiges Dictum! Hat dieses Quiproquo di Verwandlung der großmüthigen Grille in die große Grill, verschuldet? Konnte doch Zuuz selbst unmöglich von seiner eigene! Großmuth sprechen! Aber klingt nicht auch die „große Grille" aus Zunzens eignem Munde noch absonderlich und unnatürlich genug, un den Verdacht bewußter Absicht bei ihrer Erfindung auszuschließen: „Die große Grille seiner Seele" hat in der That einen anderer: Ursprung, der freilich nicht rühmlicher ist und nichts weniger als ihre Echtheit legitimirt. Wie und was Heine 1844 geschrieben d. h. großmüthige Grille seiner Seele und zwar ohne Anführungszeichen, — genau so ist in allen Heine-Ausgaben ohne Ausnahm, und insbesondere auch in der kritischen Heine-Ausgabe von Karpeles zu lesen. Die „große Grille seiner Seele" (und zwar mit Anführungszeichen) entstammt eben nicht einmal der primären Quelle sie ist vielmehr das — obenein noch mißdeutete — Plagiat eines unglücklichen Schreib- oder Gedankenfehlers in Karpeles' „Geschichl der jüdischen Litteratur" (Berlin 1886!). Dort heißt cs (S. 1107 von Zunz: „er ist in der Zeit der allgemeinen Fahnenflucht „der großen Grille seiner Seele" treu geblieben". Durch die Au führungszeichen ist der Abschreiber angeführt und verführt worden Er hat „die große Grille seiner Seele" für Zuuzens eigene Wort, genommen und dieselben dahin interpretirt, daß „Zunz selbst dami! >) Unmittelbar nach Veröffentlichung der Briefe an Frau v. Schöning und an Frau v. Bonin ist in der „Norddeutschen Allgenieinen Zeitung" die Echtheit der Briefe bezweifelt worden, weil an maßgebender Stell, briefliche Beziehungen zwischen der Kaiserin Augusta und den bezeichnet«- Persönlichkeiten unbekannt seien. Auch Professor Schräder bestätigt, daß derartige Zweifel an allen maßgebenden Stellen bestehen.