Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1893)
- Date
- 1893-03-10
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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77. Jahrgang. Ur. 10. Allgemeine Serlin, 10. Mär; 1803. eitung des Audenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhanoel, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Vtedacteur: Gustav .Narpeies. Begründet von Rabbiner &*• fuiumg Philippson-Sonn Verlags-Wrpedition: Lertin, Jerusaiemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Neoaktion und Expedition sind an die Adresse Verlag der „Ällgem. Zeitung des Iudeuthums". Berlin 8W.. Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Nudolf Mosse, Berlin. Jllhttlt'. Leitartikel: Jüdische Lehrerinnen. — Die pvslhumen Briefe der Aaiserin Angusta nnd ihre Echtheit. Bon Dr. S. Reumann. — Brief ans England. Von Dr. Straub. — Die zahme Türkei. Von B. Trb . . g. — Ansarabungen in Sendscbirli. Von Prof.Dr. Dav. Heinrich Müller (Schluß). Die biblischen Schristerklärungen eines Kaisers. Bon Dr. Nathan Grün.— Feuilleton: Kleinsladkleben. Erzählung von Ernestine Streliskv. (Forts.) — ittcrarische Mittheilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Posen. Ztrelno, Jnowrazlaw, Aus dem Kreise Bromberg, Breslau. Gleiwiß, Hirschberg. Stargard, Hannover. Szabadka. Petersburg. Atoskan. Jerusalem. — Bon Nah und Fern. Jüdische Lehrerinnen. Berlin, 7. Mürz. Die Klage über die schlechte Stellung der jüdischen Lehrerinnen ist nicht neu, die trostlose Schilderung ihrer schlechten Aussichten ist ui letzter Zeit oft unternomincn worden. Dagegen ist ein nicht iiiinder wichtiger Umstand, der mit jenen Klagen in engerem Zuiamlnenhang steht, noch wenig berücksichtigt worden, nämlich die Ausbildung der jüdischen Lehrerin für ihren Berns. Wahrend wir gegenwärtig in Deutschland so oiele jüdische Lehrerseminare haben, daß wiederholt der Ruf nach Anfhebllng iniger derselben ertönte — ob mit Recht oder nicht, können >nr in diesem Augenblick nicht entscheiden — besitzen wir kein inziges jüdisches Lehrerinnen-Seminar, weder in Deutschland noch in Oesterreich! Damit ist Alles gesagt. Und unsere Leser werden nicht erwarten, aß wir die dringliche Nothwendigkeit der Errichtung eines solchen Uistituts in ausführlicher Weise motiviren. Die Sache spricht aber iir sich selbst. Und die Forderung, einmal ans die Tagesordnung csetzt, darf nicht mehr von derselben verschwinden, bis sie in wiirlger und zweckentsprechender Weise erfüllt ist. Denn der Klage über die Stellung llnd die Aussichten der üdischen Lehrerin steht die nicht minder berechtigte Klage über die mangelhafte Ausbildung derselben gegenüber. Und der Causalnexus nt nicht schwer herauszufinden. Gleichwohl widmen sich alljährlich Hunderte von Mädchen diesem schwierigen Berufe. Wo erhalten diese uun ihre Vorbildung? Diese Frage ist nicht schwer zu beantworten. :‘ienn sie ihr Examen an den allgemeinen Lehrerinnenseminarcn ab- > clegt Habei: und gar keine andere Stellung erhalten können, dann üichen sie die spärlichen Reste des ehemaligen Religionsschulunterrichts wieder aufzusrischcn oder durch Lektüre, hie nnd da auch durch Privatmiterricht zu ergänzen. Das ist in den meisten Fällen Alles. Und doch ist die Nachfrage »ach jüdischen Lehrerinnen an Gemeinde- und städtischen Schulen eine ziemlich große. Auch Privatlöchterschulen bedürfen sehr oft solcher Lehrerinnen. Es ist also sehr erklärlich, das; wir ein großes und berechtigtes Interesse daran haben müssen, deren Vorbildung zu regeln »nd z» leiten. Ein jüdisches Lehrerinnenseminar für Deutschland ist! daher eine nnabiveisbare Nothwendigkeit, ein dringendes Bedürfnis;; für unsere Zeit! i Wir glauben kaum, daß gegen diese Forderung von irgend einer Seite ein berechtigter Einwand wird erhoben werden können. Handelt! es sich ja für uns mn nichts weniger als ein separatistisches Gelüste,! sondern wir wünschen und verlangen die Begründung eines Instituts,! in dein junge Mädchen für den Berns der jüdischen Lehrerin, also in der Religion, Geschichte nnd Litteratnr des Jndenthums, aus- - gebildet werden. Ist aber einmal die Nothwendigkeit, ja Dringlichkeit dieser Forderung anerkannt, dann wird es nicht schwer werden, ihre Erfüllung anzustreben nnd zu erreichen. Am besten würde sich eine solche Anstalt an ein schon bestehendes und anerkanntes Lehrerseminar; anschließe», das ja über die entsprechenden pädagogischen Kräfte und Mittel verfügt nnd höchstens noch einer Ergänzung durch weibliche Lehrkräfte bedürfte. Und zweifellos wäre Berlin der geeignetste Ort : in Deutschland für eine derartige Anstalt. Der Borstand unserer Gemeinde würde sich aber ein großes Verdienst um die deutsche Judenheit erwerben, wenn er dieser Frage - näher treten und die Begründung eines jüdischen Lehrerinnenseminars i» die Hand nehmen wollte. An geistigen und materiellen Mitteln! kann es hierbei, wo ein allgeweines Interesse auf dem Spiele steht, j nicht fehlen. Ja, die jüdische Gemeinde Berlin hat eine historische! Verpflichtung auch dieser Frage gegenüber. Von Berlin sind die i ersten Anregungen zur Begründung eines jüdischen Lehrerseminars im Anfang dieses Jahrhunderts ausgegangen; so ist es natürlich, daß j man zunächst von Berlin auch die Begründung einer Anstalt erwartet, die uns jüdische Erzieherinnen ausbildet, welche mit gediegener allgei meiner Bildung auch religiösen Sinn und jüdisches Wissen verbinden i »nd so znin Segen werden für die Generation der Zukunft. Man klagt gegenwärtig soviel nnd leider mit voller Berechtigung über die mangelhafte religiöse Erziehung unserer Mädchen. Das Schwinden des frommen Sinnes, der einst Israels Frauen vor Allen: zierte, ist! die selbstverständliche Folge. Und hieran schließen sich viele Hebel, | über die wir klagen, ohne eine Abhilfe dafür zu wissen. In einer! lesenswerthen Schrift hat jüngst Professor Kanfinann für die religiöse Erziehung der jüdischen Mädchen einige sehr beherzigmswerthe Anregungen gegeben. Die wichtigste Forderung aber, die auch er mit warmen Worten ausspricht, ist die einer Bildungsanstalt für jüdische j Lehrerinnen. Erst dann, wenn wir ein solches Institut besitzen, wenn! wir tüchtige Lehrerinnen haben, werden wir auch gut erzogene! Schülerinnen erhalte». Möge diese Anregung nicht »»gehört verhallen! U