Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1893)
- Date
- 1893-03-03
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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Der Talmud fordere den Juden auf, er möge quasi anderen Menschen Schaden verursachen. Die jüdische Religion passe nicht in den Rahmen der heutigen Gesellschaft und Derjenigen, welche sich nicht zu einer solchen jüdischen Konfession bekennen, i seien so Wenige, daß es nicht der Mühe werth wäre, für dieselben ein > allgemeines Gesetz zu schaffen. Als Ausnahme sei die Eivilehe für die; ^uden zu schaffen, aber auch hiervon hoffe er wenig bezüglich der Amaleamirung." Die Widerlegung solcher falschen und gehässigen Angaben pl versuchen, ist überflüssig. Seine Talmudkmntnisse stehen ja noch tief unter dem Niveau der bekannten Talmudfälscher. Antisemiten, slovakische und rumänische Nationalisten sind bis nun Anhänger und Vorkämpfer der Bestrebungen des Klerus. Ungarn zu unterwählen, den religiösen Trieben zu untergraben, kann nicht gelingen, denn die „liberale" Saat 'hießt überall hoch auf, selbst dort, wo die klerikale Agitation den Volks- ) oben gepflügt hat. j Budapest, 15. Februar. Die „Pester Chewra Kadischa" j 'eierte heute im Tempel in der Tabakgasse ihr Stiftungsfest. Aus diesem Anlasse war das glänzend beleuchtete Gotteshaus von den Mitgliedern; derselben dicht gefüllt. Nach einem einleitenden Choral hielt der gelehrte Prediger Dr. M. Kapserling die Festrede, in der er die j ' rennendste Frage unserer Zeit: die Frage des Besitzes, den Unterschied; wischen Reich und Arm erörterte und dem Präses Moritz Wahrmann und Isidor Loeb einen warmen Nachruf widmete. Der Feier folgte der; ,loin Kippur Kolan"-Gottesdienst. — Durch das heute früh erfolgte Ableben Eleüzär Szüntc'»'s, des Direktors der Pester israelitischen Knabenj »hule, ist in der Reihe der hervorragenden Pädagogen, namentlich aber j : er kleinen Gruppe vorzüglicher jüdischer Schulmänner Ungarns, eine > mpfindliche Lücke entstanden. Die namhaften Verdienste, die er sich um Ae Gestaltung der unter seiner Leitung gestandenen Schule zu einer Rusteranstalt, ferner als langjähriger Präsident des israelitischen Laudesvehrervereins u. s. w. erworben hat, sichern dem nunmehr Heimgeangenen ein ehrenvolles Andenken. — Mehrere jüdische Schriftsteller i! ielten Sonntag eine Sitzung, bei welcher die Modalitäten der Gründung! um ungarischen jüdischen G emeindebibliotheken besprochen! u'urden. Diese Bewegung wurde mit großer Begeisterung begrüßt und An größeres Komitee gebildet, dessen Aufgabe es fern wird, die Aus- Ahrnng dieser Frage zu ermöglichen. OO Budapest, 23.Februar. Der „Pesti Ibringt folgende j Neuigkeit: Das Studium des Talmuds ist in unserer Fortschrittszeit, > Ae den Antisemitismus gezeitigt, besonders im Schwung, und so glauben j -vir, daß der Fall, der jüngst in einer Gemeinde vorkam, nicht nur den; chlreichen wirklichen und angeblichen Talmudgelehrten eine willkommene j Auß zu knacken geben wird, sondern auch bei dem großen Publikum; Alteresse findet Der heikle Kasus ist folgender: Der Auroger Ein- | oohner, Bernhard Lampel war vor Kurzem daselbst gestorben. Auf!! einem Sterbebette hat er seinen jungen Bruder gebeten, seine Frau, die! ach seinem Tode als junge Wittwe gewiß eine noch sehr begehrens-! u'ürdige Rose Hebrons sein würde, zum Altar zu führen. Und richtig j urlobte sich Paul Lampe! mit seiner Schwägerin. Letzterer erschien vor um dortigen Rabbiner, Wilhelm Friedmann, der zu ihm salbungsvoll *!prach: „Mein lieber Sohn, der Talmud verbietet die Heirath zwischen ' -em jüngern Bruder und der Schwägerin!" Das junge Liebespaar ließ 'ich aber dadurch nicht abschrecken und holte die Gutachten anderer Rabbiner ein, und richtig fand sich einer — der weise Rabbi von Lugos —! ur denselben nach ihrem Geschmacke interpretirte. Die jungen Leute! oürfen also heirathen, aber nicht als Liebesleute, sondern mußten feier- 'ich erklären, daß sie ihre Verbindung lediglich zur Erhaltung des Atammes eingehen. So verlangt es der weise Talmud oder doch der —! weise Rabbi von Lugos." Der „Pesti Napl.A fügt hinzu, daß die! Trauung der Rabbiner von Lugos vollziehen werde!? 1; Lemberg, 20. Februar. Der neugewählte Präsident der Baron v irsch-Stiftung, dessen Wahl von der hiesigen Bevölkerung mit Freuden begrüßt wurde, hat nachstehendes Rundschreiben au die galizischen Exekutiv-Komitees gerichtet: „Bon dem Kuratorium der Baron Hirsch- Tlistung in der Sitzung vom 21. d. Ri. zur Leitung der Geschäfte in das Präsidium berufen, hege ich die zuversichtliche Erwartung, daß mein Bestreben, das schöne Werk der Stiftung im Sinne des Stifters einer gedeihlichen Entwicklung entgegeuzuführeu, von Ihnen nach Kräften gefördert werden wird. Wenn alle zur Mitwirkung berufenen Faktoren ernst und streng die ihnen zugewiesene Aufgabe erfüllen, wenn — woran ich nicht zweifle — Kuratorium und Erekutiv-Komitee von einem einmüthigeri, nur nach dem Ziele gerichteten Streben beseelt sind, dann muß und wird unser Wirken von dem erhofften Erfolge gekrönt werden. Ein Programm brauche ich Ihnen nicht erst zu entwickeln, es ist Ihnen aus der Periode bekannt, in welcher die Allianz mit ungleich geringeren Mitteln, aber dafür unter um so größeren Schwierigkeiten das Kulturwerk in Galizien begonnen und, ich darf wohl sagen, mit Glück verfolgt, es ist ja dasselbe Programm, welches auch Herr Baron Hirsch nach gründlicher Prüfung der von der Allianz eingeleiteten galizischen Aktion für seine Stiftung aceeptirt hat. Unsere Aufgabe ist keine leichte, es gilt, ein Erziehungswerk zu verrichten, die Heranwachsende israelitische Jugend zum Heile des Landes durch die Schule der gesunden Arbeit zuzuführen und sie zu wackeren Staatsbürgern heranzubilden. Dazu ist vor Allem Liebe und Geduld, Milde und Nachsicht, Ausdauer und Friedfertigkeit erforderlich. Mit diesen Eigenschaften ausgerüstet, lassen Sie uns getrost an die Arbeit gehen Unter diesem Zeichen begrüße ich Sie, meine geehrten Herren Mitarbeiter, als alte Bekannte und bitte Sie, den Ausdruck meiner vorzüglichen Hochachtung zu genehmigen. Der Präsident der Baron Hirsch-Stiftung David Ritter von Gutmann." Rußland. * Petersburg, 24. Februar. Dem „Regieruugsbot." zufolge hat der Minister des Innern bei den ihm unterstellten Behörden die gesetzlichen Bestimmungen in Erinnerung gebracht, nach denen die jüdische Sekte der Karaiten nicht denjenigen Rechtsbeschränkungeu unterliegt, die hinsichtlich der übrigen Juden festgesetzt sind. — „Daily Telegraph" will wissen, daß die russische Negierung gegen Ende des Jahres alle Juden aus Esthland, mit Ausnahme solcher, die einen akademischen Grad besitzen, ausweisen werde. — Aus Riga wird geschrieben: Auf Grund eines hier eiugetroffenen ministeriellen Befehls sollen aus der Zahl der Rigaschen Juden diejenigen innerhalb vier Monaten ausgewiesen werden, die nach dem bestehendem Gesetze hier keine Wohnberechtiguug besitzen, jedoch auf Grund früherer ministerieller Vorschriften vom Jahre 1881 und 1884 Hierselbst leben durften. Den Hausbesitzern unter den auszuweisenden Juden ist eine Frist bis zum l. November bewilligt worden; bis zu diesem Termine müssen sie ihr Grundeigeuthum verkauft und die Stadt verlassen haben. X Petersburg, 10. Februar. Bei der Einführung der neuen Paßbücher in Rußland, welche als eine große, das ganze Paßwesen Rußlands betreffende Reform angesehen wird, sind die Juden entwürdigenden Beschränkungen unterworfen. Juden, Zigeunern, gefährlichen Sektireru, Verbrechern und unter Polizeiaufsicht stehenden Personen werden keine Paßbücher verabfolgt, sondern ein auf kurze Dauer ausgestellter Paß, welcher ihre Freizügigkeit hemmen soll. Während die Pässe der Verbrecher mit Vermerken über ihre Vorstrafen und ihre Ausführung versehen sein werden, erhalten die Israeliten einen Paß mit dem Vermerk: „Jude, der nicht das Recht des Aufenthalts im ganzen Reiche hat". Diese moralische Erniedrigung hat überall große Bestürzung hervorgerufeu. Illach der Entziehung des Rechts, ander städtischen Verwaltung und den Wahlen für das Magistrat theilzunehmeu, ist diese neue Verordnung die härteste Beschränkung für die Juden in der letzten Zeit. Brody, 10. Februar. Wer seine Vaterstadt nach langer Abwesenheit wieder aufsucht, der fühlt sich zu Vergleichen zwischen Einst und Jetzt aufgefordert. In solchem Falle befinde ich mich derzeit der alten Stadt Brody gegenüber, die ich als junger Mensch verließ und in deren Mauern ich nun, nach Deeennien, als Gast wieder weile. Ein Fortschritt in dieser meist von Glaubensgenossen bewohnten Stadt ist insofern zu konstatiren, als man gegenwärtig weit mehr als vormals europäisch Gekleideten in der Straße begegnet, und auch öfter als früher Deutsch — freilich nicht ohne Beimengung von Jargon - zu hören bekommt. Mit dieser individuellen Fortgeschrittenheit kontraftirt aber in höchst auffälliger Weise ein ganz merkwürdiges Einerlei und eine erstaunliche Unbeweglichkeit in all dem, wodurch die Kultusgemeinde, als solche, zum Ausdruck gelangt. So herrscht denn im