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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-03-03 · Heft 9 (3.3.1893) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 9 (3.3.1893)
Date
1893-03-03
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 Gottesdienst, Begräbniß und dergleichen der mittelalterliche Schlendrian ganz und gar und wurde diesem cutd) nicht die unbedeutendste Konzession abgerungeu Hält man nun diese beiden kontrastirenden Thatsachen zusammen, so muß man dessen iune werden, daß der Grund des Letzteren nicht etwa in übertriebener Orthodoxie oder Mangel an ästhetischem Gefühl, sondern im Gegentheile, im Jndisferentismus zu suchen ist. In engem Zusammenhänge damit steht auch der Umstand, daß wie mir der Veteran der hebräischen Litteratur klagte, die Kenntniß des Hebräischen hier selten geworden ist. Und hierin lnuß ich geradezu schon ein Sinken des Niveaus der geistigen Bildung im Vergleich zu den vierziger Jahren erblicken, wo die Kenntniß des Hebräischen hier allgemein verbreitet war, und es sogar Manche gab, die als Litteraten darin ercellirten. Allerdings wird das inzwischen hier errichtete Gymnasium von einem Theile der jüdischen Jugend besucht; allein ein Ersatz für das Hebräische ist hierin nicht zu finden. Amerika. * New-?)ork, im Februar. Ein niedliches Stückchen Judenhetze leistet sich die Berliner „Post", indem sie folgenden Brief ihres Londoner Korrespondenten abdruckt: „Mr. P helps, der letzte Woche mit der „Etruria" von Newyork hier ankam, machte gelegentlich einer Konversation an Bord des Schiffes über den Mc' Kinley-Tarif einige Bemerkungen, welche zur Zeit von weiterem Interesse sein dürften. Er sagte: Wenn man sich erinnert, daß zum Beispiel noch vor 20, ja 10 Jahren auf dem Broadway in Newyork die Läden sämmtlich noch alte, gute amerikanische Firmen trugen, und man heute den Broadway entlang wandelt, und neben Heymann einen Stein, neben einem Juden einen anderen Juden findet, so fragt man nach dem Grunde dieser Erscheinung. Die Sache ist einfach diese: Die jüdischen Geschäftsleute haben die Mängel des alten Zollverfahrens schmählich ausgebeutet dadurch, daß sie die importirten Waaren weit unter deren Werth deklarirten und so immense Zolldefraudationen begingen, bei denen sie so viel profitirten, daß es ihnen leicht gelang, alle Konkurrenz zu überwältigen und sich an die Stelle der reellen Geschäftsleute zu setzen. Mag man nun auch über den neuen Tarif denken wie man will, er hat wenigstens das eine Gute, daß er den Zolldefraudationen ein Ende gemacht hat. Der MckKinley - Tarif habe die Zolleinnahmen der Vereinigten Staaten um 50 Millionen Dollars pro Jahr erhöht. Dazu bemerkt der fromme „Reichsbote" triumphirend: „Also dem Schwindel der amerikanischen Juden haben wir die Mc'Kinley-Bill wenn nicht allein, so doch mit zu verdanken!" Es ist nicht leicht möglich, in so wenigen Zeilen mehr Unsinn und Unwahrheiten zusammen zu drängen, als dies in der obigen Korrespondenz geschieht. Unter dem „Mr. Phelps" kann doch nur der gegenwärtige amerikanische Gesandte in Berlin oder der frühere amerikanische Gesandte in London gemeint fein. Nun befindet sich aber Ersterer seit Wochen im Süden und Letzterer wird erst dieser Tage mit dem Dampfer „La Normandie" aus Newyork nach Paris reisen, um an den Berathungen der Behringsmeer-Konferenz Theil zu nehmen. Außerdem würde keiner von Beiden sich in der angegebenen Weise aussprechen. Der Gewährsmann der „Post" verwechselt ferner die Zoll-Verwaltungs-Bill des Herr Mc'Kinley mit dem Zoll- Tarif desselben: erstere sollte bekanntlich den Zoll-Defraudationen, welche, beiläufig bemerkt, sehr vielen christlichen Firmen nachgewiesen worden sind, ein Ende machen, während letzterer angeblich zum Schutze der amerikanischen Industrie bestimmt ist. Die Einnahmen aus den Zöllen sind denn auch nicht um 50 Mill. gestiegen, sondern fast ebenso viel gesunken. Ob die „Post" wohl ihren Lesern den wahren Sachverhalt mittheilen wird? Von Nah und Fern. — Das Moritz G ottliebsche Gemälde „Betende Juden" wurde im Versteigerungstermin bei Rudolf Lepke am Donnerstag nicht zuge> schlagen, weil die Gebote nicht genügten. Dagegen gelang es zwei Stunden später, dieses Bild zu verkaufen. Es ist in den Besitz des Herrn Generalkonsuls Raphael Eisenmann übergegangen. — Der antisemitische Kandidat Paasch erhielt bei der am 17. d. M. im Wahlkreise Berent- Dirschau - Pr. Stargard stattgehabten Reichstagswahl 1610 Stimmen. Gewählt wurde der Pole v. Kalkstein mit 14,155 Stimmen. — In der Nacht von Sonntag auf Montag wurden die Häuser verschiedener in Neuß wohnenden Israeliten mit Mennige beschmiert. Bis jetzt ist es leider noch nicht gelungen, die Verüber des Bubenstreiches ausfindig zu nmchen. — Der Vorstand der Altonaer Jsraelitengemeinde präsenlirte für die Oberrabbinerwahl die Rabbiner Dr. Cohn aus Basel, Dr. Deutsch aus Burgpreppach in Baiern und Dr. Schiffer aus Karlsruhe, drei entschieden orthodoxe Rabbiner. — Das Reichsgericht verwarf die Revision des Redakteurs Winkel von dem in Elberfeld erscheinenden Antisemitenblatt „Rhein. Wacht". Winkel war wegen eines am 4. November v. I. über den Prozeß Buschhoff erschienenen Artikeln wegen Beleidigung des Ersten Staatsanwalts Baumgard, des Landgerichtsraths Brixius und des Richterkollegiums in Cleve zu drei Monaten Gefängniß verurtheilt worden. - Dr Erwin Bauer, Redakteur der antisemitischen „Neuen Deutschen Zeitung" wurde rom Leipziger Schöffengericht zu 100 Mark Geldstrafe verurtheilt, weiter in Nr. 187 des vorigen Jahrgangs genannten Blattes von einem israelitischen Pferdehändler S. behauptet hatte, daß derselbe schon eine längere Freiheits strafe verbüßt habe, während derselbe thatsächlichvollkommen unbescholten ist. — Rabbiner Gunzen Hauser in Mergentheim, welcher am 18. d. Mt§. einem Leichenbegängnisse anwohnte, siel während der Rede des Stadlpfarrers Stochdorph im Wartesaal vom Schlage gerührt nieder und war nach wenigen Minuten eine Leiche. — In Wien ließen Deutsch' national-antisemitische Studenten im Hörsaal des Professors Toldl eine Adresse umlaufen, worin den Düsseldorfer Abgeordneten der Dank für die Verweigerung der Aufstellung des Heinedenkmals ausgedrückt wird. Die Adresse enthält zahlreiche Beschimpfungen Heines. — Die Grundsteinlegung des polnischen Tempels in Wien wird am 5. März stall finden. — Ein offizieller Bericht über die Schulkinder in London ergab das Resultat, daß die jüdischen Kinder durchschnittlich gesünder sind als englische oder irische; schlecht genährt sind nur halb so viel als die letzteren; schwachsinnig sind unter ihnen 3 pCt. weniger; dagegen sind die jüdischen Knaben mehr als die übrigen zu Nervenkrankheiten disponirt. — Am 21. d. starb in Neuilly bei Paris der Maler Henri Schle sing er im achtzigsten Lebensjahre. Zu Frankfurt a. M. geboren, bildete sich Schlesinger an der Wiener Akademie und in Paris aus. Er malte mit trefflicher Technik schöne Mädchen-Porträts sowie humoristische und ernste Genrebilder. Am bekanntesten sind: „Die letzte Sitzung der Charlotte Corday vor dem Maler Haller", „Die fünf Sinne", „Verlorene Mühe", „Der Taubenschlag" u. a. — In Paris hat sich in Folge der russischen Judenausweisungen die Zahl der russisch-jüdischen Studirenden derartig vermehrt, daß bereits eine „Association des etudiant' israelite russes“ sich gebildet hat. — Ein von den antisemitischem Deputirlen Rumäniens unterstütztes Amendement zum Gewerbegeseu will die „Fremden" von den staatlichen Gewerbeschulen fernhalten. — Dem „Standard" zufolge sind in Odessa ausgedehnte Vorbereitungen! für die Auswanderung der Juden aus Süd-Rnßland nach Englau) im Gange. 900 sind vergangene Woche abgereist, und mehr als 20 ' werden in den nächsten 14 Tagen aufbrechen — Unter den jüngst aus Amerika zurückgekehrten Personen befanden sich nur 143 Personen aus dem vom Baron Hirsch in Argentinien gegründeten Kolonien. Dieselben wllrden auf Kosten des Komitees für die russischen Israeliten theils uao, Nord-Amerika oder England, theils nach der alten Heimath befördert. -- Am 19. Februar starb zu Las Palmas (Gran Canaria) nach langen! Leiden in jugendlichem Alter Ludwig Breslau, ordentlicher Professor an der II. Scuola superiore di coinmercio zu Bari, der Bruder bt'3 Professor H. Breßlau in Straßburg i. Elf. — Der Bericht der Verwalter der jüdischen V in eland-Kolo nie in den Vereinigten Staaten iü soeben veröffentlicht worden. Diese Pionier-Kolonie ist im Begriff, eine sehr große, blühende Niederlassung russischer Juden, welche mit den nöthigen Mitteln versehen sind und große Pachten angekauft haben, zu werden. Auf Wunsch der Kolonisten werden jetzt die nöthigen Baulich fetten mit Maschinen zur Anfertigung von Kleidungsstücken hergerichtel. Eine öffentliche Schule ist gebaut worden, welche von 250 Kindern tusucht wird. Die Zahl der Kolonisten besteht aus 296 verheiratheteu Männern und Frauen, sowie aus 46 unverheiratheten Arbeitern (beiderlei Geschlechts) und 496 Kindern. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauch Witz in Berlin.

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