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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-03-03 · Heft 9 (3.3.1893) · p. Seite 106

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 9 (3.3.1893)
Date
1893-03-03
Page
Seite 106 (sequence 12)
Language
German
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- FEUILLETON -Zs-- Kleiiistadtirben. Erzählung von Ernestine Streit8ki>. Die jüdische Gemeinde in dem kleinen Städtchen S. zählte etwa zweitausend Seelen; ihr höchster Ehrgeiz bestand darin, es in Allem der große» Gemeinde in der benachbarten Hauptstadt Z. »achznthnn. — Wenn von der Synagoge des Städtchens gesprochen wurde, dann hieß cs: „sie haben ja auch in Z. keine schönere ', von dem Ehasan: „als ob die in Z. solchen Ehasan hätten"; und daß ihr Rabbiner weit und breit der im Talinnd bewandertste sei, das unterlag nun gar keinem Zweifel! „Sogar die von Z., wenn sie etwas ganz besonders SchtvereS haben, tvenn sie nicht aus nnd ein wissen und sich die Köpfe umsonst zerbrochen haben, kommen sie zu unserem stieb Löb, daß er ihnen den Bers in der Bibel oder einen Paragraphen ans dem Schnlchan-Aruch klar nnd bündig auslegen und erkläre» soll." „In, wir haben aber auch lange gespart nnd uns genug Mühe gegeben, bis wir cs soweit gebracht haben in unserer Gemeinde." „Gott soll »ns auch noch so einen gukcit Doktor zuschicken wie Salsko in Z.," setzten die guten Leute dann immer noch hinzu. Selbstverständlich waren es ja mir Wenige, die sich um das Gemeindewcsen verdient gemacht, aber der Stolz auf die Errungenschaften erfüllte Alke ausnahmslos. — Dieser Stolz entsprang vielleicht ans dein Bewußtsein jedes Einzelnen, auch er habe sein Schcrflcin beigctragcn. Bei Alleii beliebt im Orte ivar die Familie Brüll; ivas dem Haupte der Familie, Hcrzel, seine Beliebtheit verschaffte, wäre schwer zu sagen gewesen. Er zeichnete sich vor Anderen nur diirch eine gewisse Sorglosigkeit und gntmüthige Heiterkeit des Charakters ans. Diese Eigenschaften neidete man ihm nicht, denn cs war ja leicht zu entdecken, daß sic nicht besonders günstigen Verhältnissen entsprangen. Den ganzen Tag hatte Brüll vollauf zu thun; das heißt, er that eigentlich nichts, aber wer ihn sah, wer ihn hörte, hätte meinen können, es gäbe keinen beschäftigtern Menschen weit und breit. Herzel ging nicht, er lief stets, er sprach ilicht, sondern hastete in größter Eile die Worte ab; dabei gestikulirte er mit den Händen und verzog den Mund zu einer Grimasse, daß es aussah, als ob er von einem Krampf befallen worden sei. Er fühlte sich jedoch sehr wohl in seiner Haut und i» seinem geschäftigen Nichtsthnn. Wie der Wind, der das Mühlrad in Bewegung setzt, nicht gerade deshalb weht, aber der Mühle doch Nutzen bringt, so wirkte Herzels Reden und Laufen, ohne irgend welche Absichtlichkeit seinerseits, beivcgend, treibend auf die geselligen Zustände des kleine» Städtchens, das er mit Gesprächsstoff versorgte. Jitel, Herzels Frau, mochte ungefähr fnnfnnddreißlg Jahre zählen, mit Schönheit war sie von der Natur nicht bedacht worden; eine wohlgebaute kräftige Gestalt ivar Alles, was sie von äußern Vorzügen besaß, aber als hätte Mutter Natur das an Jitel begangene j Unrecht wieder ausgleichen wollen, — denn Frauen nicht schön zu , schaffen, ist stets ein Unrecht der Natur — ward sie mit einem , iiber das gewöhnliche Maß hinausgehenden Verstand ansgestattet. Jur Gegensatz zu ihrem Manne, in Gang und Gebehrde, in Allem, was sie that, ruhigen vornehmen Weseirs, sprach sie auch gemessen, jedes Wort abwägend, man hörte ihr unwillkürlich still zu, als wollte inan die Worte zählen, die so langsam bedächtig ausgesprochen wurden. - Ans Jitel lastete das Geschäft, die Erziehung der Kinder, sic ivar aber auch ihrer Aufgabe gewachsen. — Am! frühen Morgen besorgte sie ihr Haus, dann sah inan sie, sorgfältig gekleidet, in ihrKomptoir gehen, wo sie mit einem Konimis arbeitete Wenn Herzel, nm — von seiner für die Familie so ersprießlichen Thätigkeit auszurnhen — ab nnd zu gelaufen kam, blickte ihn seine Frari lächelnd an und fragte: „'.1(111! Herzelleben, was giebt cs Neues?" Die Art, wie sie auch ihr Familienleben trotz Allem zu einem glücklichen zu gestalten wußte, trug ihr die Bewunderung ihrer Mitbürger ein, beim Jitel wurde von Juden und Nichtjuden verehrt; wo es galt zu rathen, zu helfen, überall war es Jitel, und Alle kamen zu ihr, und sie fand für Jeden das Beste. Sie war nun einmal das Stadtgenie. Was in der großen Stadt für die Gcsammtheit keine Bedentnng hat, dessen inan kaum erwähnt, ist für den kleinen Ort ein Ereignis;; handelt es sich um einen Zuivachs für die Gesellschaft, wird mir irgend eine angeheirathete Base einer im Städtchen gut gestellten wohlhabenden Persönlichkeit erwartet, — denn Armuth schließt auch da von der Gesellschaft aus — so werden Wochen vorher der etwaige Nutzen oder Schaden, den das fremde Element möglicherweise fii> die Beziehungen in den Familien mit sich bringen könnte, erörtert „ob die Schwestern oder Brüder dann auch noch zusammciihalten ivürdcn, wenn die neue Verwandte kommt, ob sie nicht störend, trennend unter die Freundinnen treten würde, oder ob sie sich viel leicht gar cinbilden wird, daß ihre Erziehung in der großen Stadl ihr das Recht gebe, auf die Kleinstädter herabzusehen!" „Na, dann wollen wir ihr aber schon zeigen, daß wir in unserer Sohle mehr Verstand haben, als sie in ihrem Kopfe; wir haben zwar nicht unsere Prüfling gemacht, aber wir hatten gottlob eine Erzieherin ans Wien, eine examinirte Lehrerin." — Nichts konnte lächerlicher sein, als die Leute sich so in Zorn hineinredcn zu hören über eingebildete Zurücksetzungen von einer Person, die sie nichi kannten, die keiner von ihnen je gesehen hatte, und welche wahr scheinlich eher mit dem guten Vorsatze kam, es Allen recht zu mache» um unter ihnen heimisch zu werden. Welche Bedeutung für alle Kreise in der kleinen Stadt inußlc dann erst die Ankunft eines neuen Arztes haben! Monatelang waren die Gemüther in Aufregung gewesen, — ein Arzt ist doch kein gewöhnlicher Mensch! Ein Arzt ist ein Wesen, da- Tod und Leben in Händen hält. Den Menschen in großen Städten ist ihr körperliches Wohl auck nicht gleichgiltig, aber sie wissen selten von den — außer iu ihrem Hause — unglücklich verlaufenden Kuren ihres Arztes, sie küinmern sich auch nicht darum und wenn sie's erfahren, dann rechnen sie mii anderen Faktoren. — Die Leute im kleinen Orte kennen aber jeden Fall der ärztlichen Praxis, man könnte sagen, sie besehen jede-: Rezept, sie wissen, wann er da oder dort gewesen, und ob er glciclgeht, wenn er gerufen wird. — Eine glückliche Kur nnd sie erhebe» ihn zum Gott, einige unglückliche Kuren, und Alle wenden sich von ihm ab; sie bringen lieber schwere Opfer und berufen den Arzt an-: einer anderen Stadt. Die Leute erkundigen sich deshalb erst sehr genau, suchen lange ehe ein Arzt engagirt wird. Auf die Praxis hin allein entschließ: sich kein bedeutender Arzt — obwohl er noch kaum einen Begrisi haben dürfte, wie schwer cs ihm manchnial da gemacht wird, — in einen kleinem Orte sich niederzulassen. Eine Subvention aus Staatsmitteln, gewöhnlich auch ein ansehnlicher Beitrag der jüdischen Ge meinde bilden außer dem, was die Praxis bringt, das feste Gehal! — so war es wenigstens früher der Fall. Dem Arzte, der diesmal nach S. toinmen sollte, ging der Riu bedcntknden niedizinische» Wissens und großer persönlicher Lieben? Würdigkeit voran. Er »H Euch? ' cinandci Hinkunft breitet l Se Doktor scmer v groß ui „E gute Al ivorden Kranken „G jagten! 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