Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1893)
- Date
- 1893-03-03
- Page
- Seite 103 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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103 Wir können unsere liturgische Blumenlcse nicht würdiger schließen als mit dem voranstehenden Gcbetstücke. Ihrem vollen Werthe nach der mag dieselbe freilich nur der des Hebräischen Kundige zu schätzen. Der deutschen Uebertragung mangeln nothwendig die Ursprünglichkeit der Gedanken, die frische Klangfarbe und der Vollgehalt des Ausdrucks, wodurch sich der Urtext auszeichnet. Aber immerhin dürfte anch der der hebräischen Sprache Unkundige aus unserer Darstellung eine einiger- »mßen zutreffende Anschauung davon gewinnen können, in welchem Maße die erhabenen religiösen und sittlichen Ideen, die vor Jahrlauseuden von Israels Propheten zuerst verkündet worden waren, Gemeingut des ganzen Volkes geworden sind, da sie in seinen täglichen Gebeten so mächtigen und innigen Widerhall fanden. Alle Noth und alle Trübsal in den vielen Jahrhunderten der leiblichen und geistigen Bedrängniß vermochten diesen hohen Gedankenflug nicht zu hemmen. An jedem Tage bestärkte sich Israel von Neuem in seinen Hoffnungen auf eine bessere, lichtere Zukunft durch seine Gebete, welche es überallhin in die Zerstreuung mitnahm. Nicht hoch genug kann deshalb die aufrichtende, läuternde und versittlichende Wirkung derselben angeschlagen werden. Auch heute noch kennt die civilisirte Menschheit keim höheres Ziel als die Verwirklichung jener erhabenen Ideale der Menschenverbrüderung und des ewigen Weltfriedens auf dem Grunde vervollkommneter Erkenntniß und Sittlichkeit. Ja gerade in der Gegenwart scheinen diese Ideen immer festere Wurzeln zu schlagen, immer weitere Volkskreise zu durchdringen und einen neuen Aufschwung menschlicher Gesittung vorzubereiten. Nicht nur jeder einsichtige Lude, sondern überhaupt jeder Menschenfreund muß daher wünschen, das; die jüdische Gemeinschaft die geistigen Schätze, welche sie in ihrer uralten Gebetsainmlung besitzt, zum allgemeinen Besten dauernd Hochhalte. O Ausgrabungen in Sendschirli?) Von Professor Dr. Dav. Heinrich Müller in Wien. I. Seit mehreren Jahren ist es im engen Kreise von Fachgenossen eine bekannte Thatsache. daß in Nord-Syrien eine neue Stätte von Alterthümern entdeckt worden ist. Schon im Herbste des Jahres 1889 stand ich im Berliner Museum bewundernd vor der gewaltigen Statue Asurhaddon's und dem Bruchstücke eines sehr alterthümlichen Denkmals mit einer großen Inschrift in altsemitischen Buchstaben. Diese Denkmäler, sagte man uns, stammen aus Sendschirli, einem unscheinbaren Kurdendorf im nordwestlichen Syrien am Fuße des Amanus-Gebirges in der großen Ebene des zwischen diesem und dem sturd-Dagh, etwa 37 Grad 6 Minuten nördlicher Breite und 30 Grad 41 Minuten östlicher Länge von Grecinvich und gegen '>30 Meter über der See gelegen. Die Ausgrabungen daselbst wären auf Kosten des Orient-Komitees, das sich zum Zwecke der Erforschung Border-Asiens gebildet hatte, unternommen und von dem berühmten Entdecker des Altars von Pergamon, Direktor Dr. Humann, und Dr. Felix v. Luschan geleitet worden. Um Weihnachten 1890 trafen in Wien ein Dr. Felix v. Luschan and Architekt Koldewey aus Berlin und Professor Euting aus Straßburg, welche in> Aufträge desselben Komitees, mit allen Hilfsmitteln ausgerüstet, eine zweite Expedition nach Sendschirli anzutreten im ') Ausgrabungen in Sendschirli. I. Einleitung und Inschriften Mit einer Karte und acht Tafel». Berlin, Spemann 1893. (Mittheilnngen aus den orientalischen Sammlungen der königlichen Museen zu Berlin). — Nachdruck verboten. Begriffe waren. Die Ausgrabungen wurden diesmal (von Januar bis Juli) in großem Stile fortgesetzt. Aus sachlichen Gründen wurde Stillschweigen über die Resultate der Untersuchungen beobachtet und ein Schleier des Geheimnisses über die eigenartige Schatzgräberei gebreitet. Daß auch eine dritte Expedition (von Oktober 1890 bis April 1891) ausgeführt worden war, ist mir erst jetzt bekannt worden. In Fachkreisen war man auf die Ergebnisse dieser Ausgrabungen, der ersten von Deutschland unternommenen, sehr gespannt, und die einzelnen durchsickernden Nachrichten erhöhten nur die Begierde, endlich den Schleier gelüftet zu sehen, der die neuen Entdeckungen hüllte. Nun liegt das erste Heft des Berichtes vor, und dieses enthält des Neuen und Merkwürdigen so viel und eröffnet so eigenartige Perspektiven in die älteste Geschichte, daß es Pflicht und Vergnügen zugleich ist, die öffentliche Aufmerksamkeit darauf zu lenken. In einer äußerst anregenden lind lehrreichen Einleitung schildert Herr v. Luschan die wesentlichen Resultate der Ausgrabungen, die nach und nach durch Aeröffentlichlmg der ausführlichen Berichte, der schönen Reliefs und der zahlreichen Pläne verlebendigt werden sollen. Der Schutthügel von Sendschirli, der nun zum Theil aufgedeckt ist, bildet durchaus keine vereinzelte Erscheinung. Im ganzen Gebiete des Orontes, in der Thalebene des Melas und weiter bis zum hohen TauruS und am oberen Euphrat bedecken derlei Hügel den Boden. Es sind nicht natürliche Erhöhungen, sondern Trümmer alter Burgen und Städte, die unter den Ruinen noch lleberreste des alten Lebens und der alten Herrlichkeit bergen, wie die Schutthüget Assyriens und lvie die des Schliemann'scheu Troja. Die Erfahrungen, die v. Luschan bei den Ausgrabungen in Sendschirli auf analytischem Wege gesammelt, machen es ihm möglich, eine genetische Beschreibung solcher Hügel zu entwerfen. Man sieht förmlich aus der Ebene an einer, Stelle, wo ein Fels hervorragte und eine Quelle frisches Wasser spendete, eine Hütte sich erheben, um die sich andere reihen und ein Dorf bilden. Ein Brand vernichtet das Dorf und auf den Trümmern desselben entsteht das neue, bester' und solider gebaute, um bei dem nächsten Feuerbrande mit desto reicherem Schutt den Boden zu bedecken. Wo einst eine Hütte aus Flechtwerk gestanden, erwächst mit der Zeit durch Wechselfälle des Schicksals eine starke Burg, von festen, massiven Mauern umgeben, bis auch diese der feindlichen Gewalt erliegen, um nicht wieder zu erstehen. Solche Trümmerhaufen, von den Kurden Tepe, von den Arabern Teil genannt, bedecken den Boden. Daß solche Schutthügel mit einem bestimmten Bewußtsein geschaffen worden sind, beweist am besten die in den Inschriften der assyrischen und babylonischen Könige bei Zerstörung von feindlichen Städten wiederkehrende Phrase: „Zu Schutthaufen (Tilu) und Ackerfeld verwandelte ich sie." Ein solcher Schutthaufen ist Sendschirli, das seit 1883, da cs von Puchsteiu und Luschan gesehen worden, als Ruiueiistättc auf der Kiepertschen Spezialkarte eingetragen erscheint. In den 15 Arbeitswochen der ersten Expedition mit durchschnittlich 80 Arbeitern täglich blieb die Erdbewegung etwa auf den sechzigsten Theil der ganzen Schuttmasse beschränkt, wogegen in den folgenden zwei Expeditionen in 13 Arbeitswochen mit durchschnittlich 143 Arbeitern täglich die Summe der Erdbewegung fast die Hälfte der gesammten Masse des Hügels erreichte — ein Resultat, das hauptsächlich der Verwendung der schmalspurigen Eisenbahnen zur Entfernung des Schuttes und der Verlegung der Arbeitszeit aus den trockenen, aber perniziösen Sommermonaten in die kalten und feuchten, aber gesünderen Monate des Winters und Frühjahres zuzuschreiben ist. „Die Freilegung des großen Burgthores mit vierzig Reliefdarstellungeu, der Nachweis eines gleichfalls mit alterthümlichen Reliefs geschmückten Außenthores, der Fund einer großen assyrischen Stele