Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-03-03 · Heft 9 (3.3.1893) · p. Seite 100

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 9 (3.3.1893)
Date
1893-03-03
Page
Seite 100 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227986-3227996--49569-3271141
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

erscheint das Weib als Mutter, als Pflegerin und Hüterin ihrer Kinder, in der Sarge für deren gesunde körperliche Entwicklung, wie für die Erziehung der geistigen und sittlichen Anlagen derselben zu nützlichen, guten Gliedern der menschlichen Gesellschaft. Das Leben des Weibes wurzelt int Hause, in der Familie!" Und besonders das Leben des jüdischen Weibes! Ihr Haus ist ihre Welt, ihr Königreich! In unserer Zeit, wo auf die geistige Ausbildung unserer jungen Mädchen so viel Sorgfalt pcrlvendet wird, sollte in erster Reihe das Gebäude der wissenschaftlichen Ausbildung auf dem Fundament der religiösen Erziehung anfgerichtet werden; ob wir uns noch streng an alle Formeln und Gebräuche unserer heiligen Glaubenslehre halten oder nicht, eine jede israelitische Frau und Mutter sollte, müßte bedacht sein, in das junge Herz ihrer Tochter tiefe, wahre Frömmigkeit zu pflanzen; ein Weib ohne iunigfestes, unerschütterliches Gottvertrauen wird nie ein echtes, rechtes Weib sein. Ebenso gewöhne inan von frühester Jugend die junge Tochter, Pietät gegen das Alter zu beobachten und Nächstenliebe zu üben. In einer Unterhaltung mit Madame de Campan, der Vorsteheriir des berühinten Erziehungshanses für Töchter zu St. Ehr, sagte Napoleon I. einst: „Lassen Sie es Ihre höchste Aufgabe sein, Ihre Zöglinge zu Müttern zu erziehen!" Einen so hohen Werth legte er auf die Erziehting des Heranwachsenden weiblichen Geschlechtes. Alle Eltern und namentlich alle jüdischen Eltern sind bemüht, ihre Töchter viel lernen zu lassen, »nd nüt Recht, denn die Ausbildung, die wir unseren Kindern angedeihen lassen, ist die beste Mitgift, die wir ihnen für ihr Leben geben können; jedoch vorerst sollte das wichtigste Ziel im Auge behalten und nicht verdrängt iverden, in nnsern Töchtern alle die Tugenden ausznbilden, welche für de» natürlichen Beruf des Weibes, Mutter und Erzieherin des Menschengeschlechts zu werden, so nothwendig sind. Alle Eltern, und namentlich alle jüdische» Eltern, streben, ihre Töchter zu verheiratheu, und vernachlässigen doch so oft »nd vielfach die ivürdige Vorbereitung zu einer pflichtgetrenen Hausfrau und Mutter; nur ein kleiner Theil unserer junge» Mädchen hat überhaupt eine Ahnung von den Pflichten, die mit dem Eintritt in die Ehe ihrer warten. Tic Eltern machen sich oft einer großen Unterlassungssünde schuldig, für welche die jungen Mädchen nicht verantwortlich gemacht werden dürfe»; statt daß die junge Tochter der Mutter da? Leben bequem mache, wird aus übergroßer Zärtlichkeit dem jungen Mädchen unserer Tage jeder Stein aus dem Wege geräumt; die geistige Ausbildung nimmt auch gar zu viel Zeit in Anspruch; ist mit sechzehn Jahren die Töchterschule absolvirt, dann folgen die verschiedenen Unlerrichtsstunden zur Vervollkommnung der Sprache, Musik, Litteralur und Kunstgeschichte, und das Ziel der Wünsche und Träume der jungen Mädchen ist: „möglichst früh einen möglichst reichen Mann in bevorzugter Lebensstellung zu heirathen und von allen Freundinnen beneidet zu werden." Tie Eltern begehen auch ztmächst das große Unrecht, dem Hang zur Putz- und Vergnügungssucht der Töchter nicht energisch genug eutgegenzutreten; ja. sie nnterstützeu denselben noch, kleiden sie nach der neuesten Mode, können es kaum erwarten, sie in Gesellschaften n»d Bälle, in Theater und Konzerte zu führen, intd die sich dadurch oft über die vorhandenen Mittel steigernden Ausgaben wurden schon oft das erste Glied einer Kette von Verwirrung, welche Schuld »nd Elend über eine Familie brachte. Wahrlich, inan ivürde den jüdischen Frauen und Müttern seltener das Prädikat „protzenhaft" beilege», würden sie mehr bedacht sei», ihre jungen Töchter einfach, bescheiden und genügsam zu erziehen. Wenn trär unsere Balluiid Gesellschastssäle betreten, so sieht cs oft aus, als wären wir auf einer Jagd, auf einem Eroberungszug der Töchter und leider auch der Mütter, nach Männern! Wie manche liebreizende, kaum erblühte Mädchenknospe wird in unseren Tagen an einen Mann verkauft, der ihr ein sorgloses Leben, Toiletten, Luxus und Vergnügen bieten kann, aber ein Schwächling an Körper und Geist ist! Wehe der armen jungen Frau, wenn Herz und Verstand erwachen! Die tiefe Religiosität, die anerzogene Pietät, das hohe Anstands- und Sittlichkeitsgefühl, das stark entwickelte Pflichtgefühl werden stets der Talisman der Töchter Israels bleiben, welcher sie vor Verirriuigen schützt, aber die Elterir sollten vorsichtiger bei der Wahl der Gatten für ihre Töchter sein. Eine vornehme Engländerin hat jüngst über die Erziehung der jungen Mädchen der besseren, bevorzugteren Gesellschaftsklassen in England ein Buch geschrieben, und wenngleich dieselbe stark übertreibt. das Buch enthält doch sehr viel Wahres, was auch für unsere besseren jüdischen Geselkschastsklassen zutrifft; hier wie dort steht oft obenan der Wunsch nach einer möglichst reichen Heirath. Talente und Fähigkeiten besonderer Art sind Geschenke der gütigen Vorsehung, die nicht alle Mädchen besitzen können, aber alle können und müssen zu pflichtgetreiien Frauen und Mütter» erzogen werden. Unsere Mütter uitd Großmütter hatten weit weniger Wissen als wir, aber sie halte» Kopf und Herz auf dem rechten Flecke; dies sollte in erster Reihe bei jeder Frau der Fall sein; gewiß, mail kann nie genug lernen, allein im praktischen Leben kommt nicht immer das dem Gedächtniffe eingeprägte Wissen zur Geltung, sondern die Art und Weise, wie wir es verwerthen! Was »»fern Töchtern Noth thut, ist, daß sie Alles, was sic lernen, gründlicher, weniger oberflächlich lernen, daß der Wille und der Charakter richtig eingeleitet und entwickelt, ausgebildet und gestählt werde; daß von den jungen Mädchen Proben von Willensstärke und Charakterfestigkeit gefordert werden! Dies ist viel wichtiger als alle Bücherweisheit. „Ueber Alles die Pflicht"! sollte und müßte der Wahlspruch jeder echten und rechten Frau sein; den eilte jede Mutter ihrer Tochter vor Augen führen müßte! Eine Frau kann durch Fleiß, Anspruchslosigkeit und Pflichttreue sehr viel zum Wohlstände ihres Hauses beitragen, und die jüdische Frau ist ja zumeist „escliet clmjil“, das Biederweib, welcher man diese Tugenden uneingeschränkt zumeist uachrühmen kan»; Unverstand, Lässigkeit, mangelhaftes Pflichtgefühl vermögen den Wohlstand des Hauses zu erschüttern, zu untergraben, eine fleißige Frau ist ein Segen für ihren Mann, für ihre Familie; die kleine Nadel in der Hand einer Frau wirkt Wtmder, gestaltend, erhaltend. Maria Theresia, selbst eine musterhafte Gattin, Hausfrau und Mutter, schreibt an ihre Tochter, Maria Christina, Herzogin von Sachsen-Teschen, in dem berühmten Briefe über die Pflichten einer Frau: „Bei einer verheiratheten Frau ist Alles von Wichtigkeit, nichts ist geringfügig; Ordnung in der Tageseintheiluug und im Haiishaltc ist die Seele eines ruhigen und glücklichen Lebens." Statt den Schwerpunkt bei der Müdchenerziehung auf die häusliche Erziehung zu legen, verwendet mail heutzutage so viel Gel d und Zeit auf die Ausbildung mittelmäßiger Talente; scheint man ganz aus den Augen verloren, vergessen zu haben, daß über der Ausbildung von Talenten und Fähigkeiten die Ausbildung des Gemitthes stehen müsse. Was wir der Zeit zur Last lege», liegt in uns; wir sind niiznfrieden mit dem, was wir besitzen, tragen Verlangen nach dem, was uns unerreichbar. Egoismus und Eitelkeit herrschen, oft wird Ruhe, Friede und Glück der Familie, des Hauses dcui Schein geopfert.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.