Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1893)
- Date
- 1893-02-24
- Page
- Seite 95 (sequence 13)
- Language
- German
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95 Ob wohl der interessante Gast wie so Biele vorher verschwinden oder bleiben würde, um sich ihr vvrstellen zu lassen? Die kurze Viertelstunde, die noch bis Mitternacht fehlte, kam ihr unerträglich lang vor. Von Zeit zu Zeit lüftete sie ein wenig die zierliche rothseidene Larve, die das sanft gerundete Kinn Selnm's, den schlanken Ansatz des schneeweißen Halses frei ließ; ganz schwül und beengt war ihr! zu Muthe, denn sie konnte, so sehr sie auch die Blicke uinherschickte,! weder den König noch dessen Begleiterin entdecken, bis endlich, — : die elegante Standuhr die zwölfte Stunde schlug, das Signal zum 1 Demaskiren gegeben wurde und die weiblichen wie männlichen; Masken sich an die Gastgeber herandrängten, welche ihre» Gästen! mit freundlichem Beispiel vorangingen, indem sie winkten, ein Gleiches i zu thun. Selma hatte die Larve überhastig von dem glühende»! Antlitz abgestreift; so konnte sie besser sehen und ah — dicht hinter! ihrer Tante, dieselbe um Kopfeslänge überragend, stand der Perseri könig; auf seinen Arm gelehnt, Fra» Taube, — dieselbe Maske, welche Selma's Eifersucht erregte; — das lachende Gesicht auf ihr! Töchterchen geheftet, winkte sie ihrem Begleiter, sich zu demaskiren,! und — Selma's Herz klopfte stürmisch, ihre Augen schienen sich zu! erweitern, — das freundliche Gesicht des von ihr verschmähten Freiers, Moritz Leons, nickte ihr mit einem glücklichen Lächeln zu, ohne die kleine Enttäuschung, welche sich momentan in ihren lieblichen i Zügen wiederspiegelte, bemerken zu wollen. Als Selma, von Leon zur Abendtafel geführt, dem Speisesaal i zuschritt, gesellte sich ihre Mutter zu ihr und eine leichte Schelmerei sprach aus den Worten, die sie der errötheuden Tochter zuflüsterte: „Für einen gewöhnlichen Lieutenant bis Du zu schade, Du mußt einen König haben; hättest Du heute den Mann von Rahel Schick im Negligee anstatt in Uniform gesehen, Du hättest sie nicht um ihn beneidet!" Wie schlau es die kluge Mutter augestellt, um das Ziel ihrer Wünsche zu erreichen, erfuhr Selma wie ihr Vater erst ans der! Heimreise, die sie mit den Eltern und Leon als dessen Verlobte znrücklegte. Frau Taube hatte das hübsche Purimfest klug ausznuutzeu verstanden. Auf ihren Wunsch war Leon nach Pest gekommen, um sich unter der verführerischen Maske das Herz ihres Kindes zu erobern, denn daß Selma den schmucken Betverber in Wahrheit abweisen könne, erschien der cjuten, wie scharfsichtigen Frau unmöglich, und da sie der Jugend und Unerfahrenheit des Mädchens Rechnung trug, so hielt sie das kleine Versteckspiel für das einzig richtige Mittel, um Selma von ihren gar zu günstigen Vorurtheileu für die Söhne Mars zu heilen. Selma hat es nicht bereut, dem braven, tüchtigen, sie unendlich liebenden Mann angehört zu haben. Als Mutter blühender Kinder, von den Eltern und dem Gatten angebetet, führt sie ein angenehmes, geachtetes Dasein, und die Sehnsucht nach der großen Welt ist bisher noch nicht wieder in ihr anfgetaucht, weil sie sich inmitten ihrer Welt glücklich fühlt. Wenn Frau Taube das sorglose Glück ihrer Kinder mit dem Scheinglück der Pester Verwandten und Freundinnen Selma's vergleicht, so reibt sie sich vergnügt die vollen Hände in dein Bewußtsein, daß sic cs ihr und ihrer Energie zu danken haben. d Gebet. Von Salomo ibn Gabirol. Deutsch von Dr. S. Apolant. Ich suche Dich im Morgengrau'n, Ich rufe Dich beim Abendglüh'n, Erheb' die Hände mit Bertrau'n Zu Dir, zu dem Gedanken zieh'n; Es sehnet sich das Herz nach Dir, Es schmachtet, hoffet auf Erbarmen Und betet an der Gnadenthür So heiß und innig gleich dem Armen. Dich hat kein sterblich' Aug' geschaut, Dich fassen nicht des Hinunels Weiten, Doch ist ein Thron Dir auferbant Im Menschengeist für alle Zeiten. Dort ringt das Herz, das fromm erglüht, Um Deine Größe zll ergründell, Bis von der Lippe schwebt das Lied, Um Deines Nanlens Ruhm zll kündeil. So send' ich auf nun mein Gebet, Will dailkell, Lob und Preis Dir singen, So lange mich Tein Hauch durchweht Uild regt ill mir der Seele Schwingen! U Sprechfaat. Berlin, IN. Februar 18NN. Sehr geehrter Herr Redakteur! Es freut mich, daß ein Kenner der Verhältnisse, wie Dr. Kmfferling, die Angaben des Antisemitenspiegels über die Zahl der Juden in Spanien und Portugal einer Berichtigung unterzogen hat. Es wäre zu wünschen, daß der Spiegel in ähnlicher Weise viele Mitarbeiter fände, um dessen Angaben theils zu berichtigen, wo Jrrthi'nner vorhanden sind, theils zu ergänzen. Die Zahlen des Antisemitenspiegels sind übrigens, wie ausdrücklich angegeben ist, der Hübnerschen statistischen Tabelle entnommen, die im Großen unb Ganzen zur Zeit jedenfalls als die verhältnißmäßig zuverlässigste Duelle für statistische Angaben gilt. Ganz zuverlässige Allgaben über die Zahl der Juden dürften wohl nur für Deutschland und Oesterreich-Ungarn vorhanden sein, anderwärts liegt die Statistik im Argen oder sie nimmt auf die Konfession nicht Rücksicht. Auch dies hebt der Antisemitenspiegel schon hervor. Wenn dessen Allgaben über die Zahl der Juden in Portugal und Spanien daher lurch den interessanten Angabell des Herrn Dr. Kavserling auch thatsächlich llicht richtig erscheinen, so sind sie doch jedenfalls mit der erforderlichen Sorgfalt gemacht. Für die Juden in Portugal ist durch ein Fragezeichen dort noch besonders betont, daß die Angaben der Hübnerschen Tabelle nicht zllverlässig scheinen. ' Mit ergebener Hochachtung D r. H e i n r i ch M e i) e r E o h n. ¥ Sehr geehrter Herr Redakteur! In der zweiten Hälfte des Aufsatzes „Die Stellung der jüdischen Wissenschaft im sozialen Leben des Judenthums" hat der Verfasser, Herr I. Singer, auf für die Wissenschaft des Judenthums hochwichtige Institute hingewiesen. Ich möchte hierzu noch einige Bemerkungen machell, die, wie ich annehme, die Leser Ihres geschätzten Blattes interessiren dürften unb für deren Veröffentlichung im Sprechsaal ich Ihnen dankbar wäre. Bei der Begründung des Punktes, die Gründung hebräischer Buchdruckereien, kommt Herr Singer, der wohl den Lesern dieses Blattes durch seine beabsichtigte Herausgabe einer Encyclopädie des Judenthums rühmlichst bekannt ist, darauf zu sprechen, daß es nur wenige jüdische oder christliche Verleger gäbe, welche, gallz abgesehen von der Honorarfrage, im Staude oder gewillt seien, für größere jüdische Litteraturwerke