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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-02-24 · Heft 8 (24.2.1893) · p. Seite 94

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 8 (24.2.1893)
Date
1893-02-24
Page
Seite 94 (sequence 12)
Language
German
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94 — und nun sollte diese gute Partie vielleicht durch die Reise nach I Pest verloren gehen? Ihre sonst so kluge Selma ließ sich durch das j thörichtc Beispiel thörichter Mädchen dazu verlocken, einem Scheinglück nachzujagen, um ein wahres Glück dafür hinzugeben? Nimmermehr! Den dringenden Bitten der Verwandten, den Schmeichelworten! Selma's war es gelungen, Herrn und Frau Taube dazu zu bewegen, ihren Aufenthalt in Pest bis über das Purimfest anszudehiicn. Man huldigte dort noch der hübschen jüdischen Sitte, das Fest der holden Esther durch Maskeraden zu feiern, und auch bei Hirschels sollte ein Hausball stattfinden. Mit welch' fieberhafter Freude und Erwartung Selma dem Ballabend — der zweite Purimabend war dafür bestimmt — entgegensah, werden sich besonders meine jungen Leserinnen vorstellen . können. | Sie hatte die kleidsame Tracht einer Orientalin gewählt und als sie die schöne und elegante Toilette auprobirte und sich in! dem großen Spiegel des Ankleidezimmer betrachtete, da blitzten j die dunklen Augen halb schelmisch, halb trinmphirend auf, denn sie sah sich bereits inmitten des schönen, zum Ball eingerichteten, geräumigen Gesellschaftszimmers, am Arme eines stotten Offiziers ' durch die Reihen fliegen, und unwillkürlich schlugen die in zierliche» Sandalen ruhenden Füßchen den Takt eines Czardas au, welchen sie am Abend vorher von einer Zigeunerkapelle hatte; spielen hören.! Das Purimfest gestattet ja auch etwas fernerstehenden Bekannten, uneingeladen ans den veranstalteten Festlichkeiten zu erscheinen, und 1 da man dadurch die Zahl der Gäste nicht vorher genau normiren! kann, so mußten die Vorbereitungen dazu anders wie sonst ge-! troffen werden. Schon Tage vorher wurde im Hirschelschen Hanse gebraten, ge-! schmort, gebacken. Mürbe Kuchche» und Mohnstriezel, fleischige! Kräppchen und Backhühner, Puten und gepökelte Zungen häuften sich j ans den schön gemalten Servicen auf, und die Batterien Weinflaschen, welche auf der „Kredenz" und neben ihr ausgestellt wurden, bewiesen, daß Frau Hirschcl einen richtigen Begriff von dem Appetit der eingeladenen, wie nicht eiugeladenen Gäste hatte. So kam der ersehnte Abend heran und fand in den hell erleuchteten Räume» des Hirschelschen Hauses eine zahlreiche Gesellschaft! versammelt, die sich durch geschmackvolle, elegante Maskenkostüme j anszcichnete.! Selbst Frau Taube hatte sich ein Kostüm zusammcngestellt, in welchem sie weder ihr Gatte noch ihre Tochter erkannten, als sie; am Arme eines sehr stattlichen Mannes, welcher die reiche, kostbare! mit Brillanten gezierte Getvandung des persischen Königs Ahasverns j angelegt hatte, in dem Tanzsaal erschien. j Selma suchte ihre Mutter vergebens; sie konnte sie unter dein! Gewühl der Masken nicht entdecken. Ihr war inmitten der große», j ihr jetzt ganz fremd erscheinenden Gesellschaft recht unbehaglich zu! Muthe; sie hatte noch nie einen Maskenball mitgemacht, daher noch! keinen Begriff von der Maskenfreiheit, und scheu und schüchtern zog j sie sich in den äußersten Winkel des Saales zurück, nachdem ihr ein! sehr kühn auftretender Rittersmann, das trauliche Wörtchen „Du"; gebrauchend, ein paar galante Worte zngerannt, die ihr das Blut ' in die Wangen trieben. Ach, und dabei kam ihr die Sprache des; Mannes so bekannt vor, sie wußte nicht genau, wo und wann sie dieses etwas schnarrende Organ gehört, wem die dürftige, überschlankc j Gestalt angehörte, die in dem altdeutschen Ritterkostüm einen kläg-! liehen Eindruck machte; erst als sie seine, sich vertraulich auf ihren Arm stützende Hand entrüstet weggcschleudert und um nicht mehr zu i hören, was der kecke Mund ihr zuflüsterte, die Hände vor die Ohren pressend, davon eilte, erkannte sie an dem spöttischen, heisern Lachen, das ihrer Schüchternheit galt, den Gatteir Rahel Schicks, der sehrgenau lvissen mußte, daß cs nicht seine Gattin war, welche den ersten Walzer mit ihm getanzt. Brr, — heute sah der sonst so fesche Offizier gar nicht hübsch aus und sein Wesen ekelte das unschuldsvolle Mädchen förmlich an. Es gelang ihr nur mit Mühe, den widerlichen Eindruck, den sie empfangen zu verwischen; wieder und immer wieder suchten ihre Augen die Mutter, ohne sic zu finden, denn diese promenirte langsam am Arme ihres schmucken, überaus vornehm erscheinenden Begleiters im stiebenzimmer ans und ab; er-lauschte gespannt den Worten, die sie ihm zuflüsterte, ehe er, ihrem Winke folgend, sich mit einer kurzen Verneigung von ihr empfahl, um den Ballsaal und Selma aufznsuchen. Bald hatte er sie erreicht, die sich, als er mit einer tiefen Verbeugung, aber wortlos um einen Tanz bat, unschlüssig erhob. doch aber, bei dem ersten Takte der lustigen Polka, den Arm in den seinen legte, um gleich darauf, leicht wie eine Libelle, von den starken Armen ihres Tänzers fest getragen, durch den Saal zu fliegen. Hei, das tvar ein Vergnügen! Anfangs schüchtern, dann mythiger und freier, wagte sic es, sich den Fremden näher zu betrachten. Das Gesicht konnte sie unter der seidenen Larve nicht erkennen, aber ein paar treue kluge schwarze Augen blitzten hervor und ruhten mit einem zärtlichen Ausdruck auf ihrer Gestalt. Ach, und wie er tanzte! Wer konnte sich nur unter dem eleganten, für die ganze kräftige Männerscheinung so trefflich passenden Anzuge verbergen? Es mußte unbedingt ein flotter, schneidiger Offizier sein, — ein echter, feuriger Magyar! Während sie von seinem Arm umfangen, von einem bisher noch nie empfundenen Glück durchfluthet, sich ein wenig fester an ihn schmiegte und wohl unbewußt, den leisen innigen Druck seiner Hand ein ganz klein wenig erwiederte, da tauchte der heiße Wunsch in ihr auf, ihn von Angesicht zu Angesicht z>l sehen, seine Stimme zu hören, — immer so wie jetzt bei ihm sein zu können, — den sanften Druck seiner Hand zu spüren. Als er nach Beendigung des Tanzes sie an ihren Platz geleitete, als er mit einer ehrerbietigen Verneigung von ihr schied, — als sie seine Gestalt hinter der schweren Portiere verschwinden, — dann aber wieder an der Seite jener reich mit Schmuck beladenen Maske auftauchen sah, die ihr zu Anfang ausgefallen und mit der er sich in ein, wie es Selma schien, sehr interessantes Gespräch vertieft hatte, da stieg es heiß in ihr auf; am liebsten wäre sie dem so glücklich erscheinenden Paare durch den ganzen Saal nachgestürzt, um es auseinander zu reißen, um sich selbst an Stelle der nach ihrem Geschmack viel zu aufgeputzten Dame zu setzen. Wohl tanzte sie noch mit Andern, aber erst als kurz vor Mitternacht der Fremde wieder vor sie hintrat, um einen Tanz zu erbitten, athmete sie wieder fröhlich mif. „Könnten Sie mich lieb haben?" Ter fremde König hatte cs ganz leise gefragt, — so leise, daß die Stimme, ein wenig verschleiert, ihr ganz fremd erschien, — allein in der Innigkeit, mit der er die Frage an sie gerichtet, lag eine so feurige Beredtsamkeit, daß sie nicht umhin konnte, ganz leise mit dem Köpfchen zu nicke». O, und nun mußte bald der Moment kommen, wo die De- »laskirnug begann. Mit fieberhafter Erwartung sah sie dem Augenblick entgegen.

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