Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1893)
- Date
- 1893-02-24
- Page
- Seite 93 (sequence 11)
- Language
- German
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Die Reise mußte vor sich gehen, aber wer vermag fid) das j Erstaunen von Bater lind Tochter auszumalen, als Mama Taube! erklärte, sie habe fid) entschlossen, mit nach Pest zu reisen, unr ihre „Mispoche" nad) langer, langer Zeit einmal Wiedersehen und ihr Selmachen behüten und beschützen zu können. „Ein Mann ist kein Schutz für ein schönes junges Mädchen," erklärte sie ihrem Gatten, der vor Verwunderung und Bewunderung ganz erstarrt ersd)ien, „auch der beste und klügste nid)t. Dn gehst Deinen Gesd)üftcn nad) und weißt daun viel, was linterdcssen passirt. Es wird aud) einmal ohne mich gehen. Spaß! Kein Mcnsd) ist unentbehrlich, und lvenn die jungen Leute im Geschäft einmal weniger gut essen werden, fällt der Himmel auch) nod) nicht ein. Also abgemacht! Wir, id) und Selma, begleiten Did), und lvenn id) dabei bin, kommt sie nicht dazu, einen verdrehteil Gedankeil zu fassen." Gesagt, gethan! Die Vorbereitungen zur Reise wurden getroffen und die sauersüße Miene, welche Herr Moritz Leon dabei zeigte, lvid) einem freundlicheren Ausdruck, nachdem er eine intime Unterredung mit Frau Taubeles gehabt hatte. Die Verwandten der Familie Tailbc lvohnten im schönsten Theile der alten Magharenstadt unweit der berühmten Kettenbrücke, über lvelche man beguem uack) der Schwcsterstadt Ofen gelangt. Sie machten ein großes Haus aus und nahmen die Dettaer wohlhabenden und stattlick) aussehenden Verwandten gern als Gäste in ihrem Quartier auf. Daß sowohl Selma wie deren Mutter den Großstädtern in ihren Bemühungen, durch nichts die Landbewohner zu verrathen, ein lvenig komisch erschienen und den gesellschastlick) sehr routinirten Cousinen Stoff zum Lack)en gaben, ahnten sie nicht. Mutter und Todzter fühlten sich auf den belebten Straßen, inmitten der verschiedenen Volksstümme, die sich auf dem Quai, in den bald winkligen, bald modern gebauten Straßen und Gassen heruintlimmelten, so recht in ihrem Elemente, und die lebensprühenden klugen Augen Selma's schweiften entzückt von den luxuriös ausgestatteten Schaufenstere zu den flanirenden Herren und geputzten Dainen hin, in dem Bewußtsein, jung und glücklich genug zu sein, um Alles, was sich den trunkenen Blicken bot, ohne Skrupel voll und ganz zu genießen; denn noch war sie frei, ganz frei! Frau Taube fand and) Vergnügen an dem bunteil Leben und Treiben der Hauptstadt, aber wenn ein paar allzu feurige Blicke ans ein paar Männeraugen die zarte, dabei volle Gestalt ihrer Tochter trafen, und Selma hocherröthend, doch aber sichtbar befriedigt von dem Eindruck, den sie auf die Vorübergehenden inack)te, die Augen niederschlug, um sie inöglichst schnell wieder uinhersä)weifen zu lassen, dann aber wurde ihr doch etwas bänglich dabei zu Muthe, und das Versprechen, welches sie Herrn Moritz Leon gegeben, ersck)ien ihr ein wenig gewagt. Da? Unglück wollte es, daß sich eine der Cousinen mit einem k. k. Oberlieutenant verlobt hatte, — in Oesterreich-Ungarn giebt es bekanntlich viele jüdische Offiziere, — und wir dürfen es nick)t leugnen, Selma fand den ihr vorgestellten jungen Mann in seiner weißen, enganliegendeii Uniform mit dem rothen Kragen, auf dem zwei goldene Sternchen den Rang als Oberlieutenant bezeichilete», ganz reizend und sprach dies auch zuin Entsetzen ihrer Mutter sehr offen ans, ja erklärte frank und frei, daß es ihr nicht einmal mehr im Traume cinfallen würde, fick) mit Moritz Leon auf elvig zu verbinden, nm mit ihm in dem Landstädtchen versauern zu müssen. Frau Taube lächelte spöttisck) bei den Worten ihres hübschen Töchterleins, allein die Röthc, lvclck)e dabei ihre nock) vollen Wangen färbte, erschien sehr bedenklich, ebenso wie das Blitzen der grauen Augen, als sic auf Selma's Rede in sehr geharnischtem Tone erwiedcrtc: „Ick) möchte Dir gönnen, so einen Mann zu heirathen, wie Rahel Sck)icks Lienicnant ist. Du verdienst keinen Besseren. Ich gönne ihn Dir, Deiner Dummheit llnd klndankbarkeit halber. Gott soll Dich aber dock) vor dem Schicksal Deiner beiden lieben Freuudiiinen behüten, kinglücklick) sind sie geworden alle Beide, llnd Florchen? Ra, ick) prophezeie ihr aud) >lick)t allzu viel Gutes voll der Ehe mit dem flotte» jungen Herrn, dein nichts mehr heilig ist; »ickst die Kille, nick)t die Mispoche, und der so von oben herab vom lieben Herrgott sprick)t lind grade so thut, als Hütte er die Welt crsd)affcu. Geh mir weg mit solch' geziertem Laffen. Uebrigcns Dir mib mir gesagt, was Moritz Leon schöner ist als Florchens Bräutigam. Zieh dem Herrn Oberlieutenant die Uniform ans und Leon den bunten Rock an, wir wollen sehen, wer Dir besser gefällt. Dn lachst? Lache! Tu brauck)st gar nicht erst mit mir darüber zu streiten," schloß üe ihre Standrede, als sie bemerkte, wie kampfbereit Selma deii hübschen Kopf cinporhob. „Du lvillst Bioritz Leon nicht heirathen i Gut, so heirathe ihn nick)t; daß Dn uns aber keinen solchen Springinsfeld ins Haus bringst, wie Rahel Schicks Mann, der Dick) sä)on und) vier Wochen satt hat und immer so über Dick) weg sicht, als wärst Du Luft, — das gelobe ich Dir. So, und nun wird nicht weiter davon gesprock)en." Selma hütete fick) and), von Neuem auf das verfehmte Thema zurückzukomineu, ihr Entschluß stand ja felsenfest, und da man, wie der Dichter sagt, nie sanfter ist, als wenn inan in seinen Entsd)lüssen fest ist, so bezauberte auch das junge Mädchen Alle, die mit ihm in Berührung kamen, durd) Liebenswürdigkeit und Aunilith. Vater lind Mutter freuten fid) der Erfolge ihres schönen Kindes. Der Erstere sing bereits an, größere Hofsiuliigen auf Selma's Zukunft zu setzen, als Leon, den er bisher als zukünftigen Schwiegersohn betrachtet hatte, je erfüllen konnte. — Sie war wirklich zu sckiade für die kleinlichen Verhältniffe in Detta; sie konnte i» Pest eine glänzende Partie machen und die große Dame spielen! Anders dachte die Mutter, die einen tieferen Blick in das äußcrlick) so vornehin und reich erscheinende Haus der Verwandten geworfen hatte, wie sie fick) auch genau über die Verhältnisse der, Selma befreundeten jungen Hausfranen unterrichtet hatte. Hier wie dort sah es in Wahrheit recht trübe aus. Die großen Ausgaben, welche mit dem luxuriös geführten Haushalt verknüpft waren, die reiche Mitgift, welche der Verlobte Flora's beansprudzte, führten zu finanziellen Schwierigkeiten, von denen die Welt keine Ahnung hatte, lvelche aber Frau Hirsckiel ihrer Schwester Fradel Taube unter Thrünen anvertraute. „Es ist nick)t Alles Gold, lvas glänzt," schloß sie ihre Erzählung, der Fra» Taube zweifelnd gelauscht, denn daß der ganze Luxus, der die nahen Verwandten umgab, nicht berechtigt lvar, daß inan, um glänzend auftreten zu können, Schulden machen und eine Tochter an einen Mann verheirathen könne, der an die Kasse seines Schwiegervaters übertrieben hohe Ansprüche stellte, ohne dafür etwas Anderes als seine elegante Persönlichkeit und eine beträchtliche Zahl Sd)illden in die Wagschaale werfen zu können, ging über den geistigen Horizont der Frau Taube. Je mehr sie die großstädtisdicn Verhältnisse und die großstüdtisd)en Ehen kennen lernte, nm desto mehr befestigte fick) der Entschluß, ihr holdes Kind vor den Einflüsscii zu bewahren, lueldje das Leben dort auszuübeu vermag, wie ihr der Gedanke innner lieber »vurde, in dem braven, hübschen, zwar nicht eleganten, doch charaktervollen Manu den Gatten Selma's sehen zu dürfen. Gerade das, lvas sie als das größte Erdenglück mit vollem Rechte betrachtete, konnte und wollte Moritz Leon Selma gewähren