Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1893)
- Date
- 1893-02-24
- Page
- Seite 92 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227986-3227995--49552-3271123- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
92 nehurungeu, die Sie auf einem so uralten und von so vielen klugen schon beobachteten Gebiete noch zu machen wußten, allerdings noch nicht zu der Neberzeugung bekennen, daß die Sache sich wirklich so verhalte, wie Sie dieselbe darstellen. Aber die Methode, die Sie einschlagen, erscheint mir als die richtige, und das ist doch die Hauptsache. Sobald die erste Betrachtung abgedruckt sein wird, gebe ich Herrn Kletke den zweiten Theil; und wenn ich auch nicht Alles, was ich ans dem Herzen habe, werde sagen können, so werden Sie doch sehen, wie ein unbefangener Beurtheiler Ihr Werk aufsaßt. Meine eignen abweichenden Vermuthungen, die manchmal bei Prüfung der Schrift in nlir aufgestiegen sind, lasse ich dabei ganz aus dem Spiel, zum Theil weil sie mir selbst nicht genügend erschienen, zum Theil weil sie den Gang der freien Betrachtung nicht stören sollen. Sie haben wie bei mir, so gewiß bei vielen Andern nmnche Anschauungen, die sich eingelebt, aus den Fugen gehoben, und die mächtige "Anregung, die Sie 31t erneuter Behandlung gegeben, wird sicher zum Segen gereichen. Auf Widerspruch müssen Sie sich natürlich gefaßt manchen; aber Niemand wird Ihnen bestreiten können, daß Sie das hie Khoilus. hie saliii getroffen haben. Mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus bleibe ich Ihr aufrichtiger Verehrer Berlin, 30. Januar 1871. Dr. I. Ritter. * Verehrter Herr! Vor Allem wollen Sie meine herzvolle Gratulation zu Ihrer , Wiederherstellung freundlich entgegennehmeu. Dann habe ich Ihnen! einen Gruß von Freund Dr. Hirsch in Philadelphia (dem ehemaligen; Luxemburger Landesrabbiner) abzustatten. Erlauben Sie es, so will ich mir später einmal die Ehre nehmen. Sie zu besuchen. Vielleicht erinnern Sie sich noch meiner, nachdem ich jetzt vor zwölf Jahren, nachdem ich in Amsterdam das Vergnügen gehabt hatte, gesteinigt j zu werden, im hiesigen Neformtempel eine schlechte Predigt hielt, die gut : gemeint war, und die Sie aus Freundlichkeit das Schicksal hatten, zu! hören. Ich wurde dann als Reformprediger nach Amerika — Chicago ' — auf fünf Jahre berufen, wo ich sechs Jahre verblieben und kürzlich , nach hier zurückgekehrt bin. Was mich heute ganz besonders anstachelte. Sie mit diesen Zeilen; heimzusuchen, das sind Ihre neulichen, namentlich die heutigen Auseinj aÜbersetzungen über die Religionen und die Religion. Ich habe nicht > umhin könueli. Ihnen meine freudige Genugthuung darüber auszudrücken,! daß wir in diesen Punktell so wesentlich übereinstimmen, und die von! Ihnen gegebenen Grundzüge, der Hauptsache nach, die gleichen sind, auf - welche ich tm Jahre 1809 meine „Zeichen der Zeit" gegründet habe. Ich bitte Sie, mein ---- hier beigelegtes — „Vorwort" zum ersten j Hefte desselben sich gütigst ansehen zu mögen, und würde ich glücklich! sein, wenn Sie ein Amen auf mein Buruch schekawanti sagten, oder meinen!; in Amerika begonnenen Unternehmen, welches ich hier fortsetzen will, j gar die Ehre einer förderlichen Notiznahme schenken wollten. Mögen Sie in Güte zugeneigt sein. Ihrem Verehrer j Berlin, 20. Dezember 1872. Dr. Chronik, j U FEUILLETON Erlmrütrs Spiel. Eine Purimgeschichte von O. Bach. I. „Nit wahr, Baierl, wem, Du jetzt „ach Pest reist, »immst Du! mich mit? Tu hast es mir versprochen und ein Mann hält sein! Wort."! DaS junge, sehr niedliche Mädchen, welches diese Worte gesprochen, i lehnte dabei den schwarzlockigen Kopf an die Schulter des vielleicht fünfzigjährigen Mannes und die glänzenden braune» Augen sahen! so bittend zu dem Vater empor, daß es ihm nicht möglich war, eine! ablehnende Antwort zu gebe», obwohl er mit seiner Gatlin Fradel j überein gekommen war, Sclina nicht mit nach der ungarischen Haupt-! stadt zu nehmen, ehe sie nicht den Wunsch der Eltern, sich mit de», Nachbar, Herrn Moritz Leon, der ein sehr gangbares Eisengeschäft, nebst Haus und Hof besaß, zu verlobe», erfüllt hatte. „Noch gehe ich doch gar nicht nach Pest," cntgegnete Herr Abraham Taube ausweichend. „Kommt Zeit, kommt Rath! Jetzt aber, Selmaleben, laß' mich arbeiten. Der Kopf schwirrt mir, so viei Hab ich zu rechnen, und dabei darfst Du mir nicht noch mit Deine» Thorheiten kommen." Mit einer schmollende» Miene, die dem kaum nclinzehnjährige» blühenden Mädchen allerliebst stand, richtete sich Selma in ihrer ganzen Höhe, was allerdings nicht allzu viel bedeutete, auf, und ein leiser Trotz lag auf den vollen, frischen Lippen, als sie hastig meinte „Baterl — Du sprichst jetzt uit die Wahrheit. Gestern hast Tu zur Mrittcr gesagt, daß Du noch diese Woche nach Pest gehst — und - Du nimmst mich mit — ich weiß. Du nimmst nrich mit," wiederholte sie schelmisch, indem sie einen raschen Kuß auf die bärtigen Lippen des Vaters drückte, ehe sie das Zimmer verließ, in welchem Herr Abraham Taube ziemlich verstimmt zurückblieb. Es war ja wahr, er hatte seiner einzigen Tochter das Versprechen gegeben, sie sollte auch einmal etwas Anderes sehen und kennen lernen als das kleine, ungarische Landstädtchen unweit Temesvars, in dem Selma geboren unb erzogen worden war — allein wenn er an dir daraus entstehenden Folgen dachte, wurde ihm ganz unheimlich zu Muthe. „Wenn Du Selmaleben nach Pest mitnimmst — wen» sie dort die vielen hübschen, eleganten Herren, besonders die vom Militär wird sehen — wird sie sich den Geschmack verderben nnd wir Rahel Schick und Rosel Bettpflaum nur einen Lieutenant heirathen wollen, Gott soll uns davor bewahren, unser liebes, becheintes Kind an so einen feinen Musje zu geben, der nicht das Mädchen, sondern die Mitgift als Hauptsache betrachtet. Hast Du aber dazu Lust, gut so nimm sie mit, — willst Du aber, daß der brave, prächtige Moritz Leon unser Schwiegersohn wird, dann lasse sie zu Haus. Bein; Reisen komnit für ein junges Mädchen nix Gutes heraus," so hattc seine Fran ihn gewarnt. Die Reise nach Pest war aber eine Nothwendigkeit für Herrn Taube, und er hatte seiner Tochter in der That versprochen, sie mitzunehmen. — Was war zu machen? Das gegebene Versprechen zu halten, erschien ihm nach reiflicher Ueberlegung ebenso schwer, wie es zu brechen — denn er konnte dein kleinen Trotzkvpf, seiner Einzigen, die bei aller kindlichen Zärtlichken nnd Bescheidenheit an dem festhielt, was sie für recht und gut hielt Bisher hatte Selma weder Zuneigung noch Abneigung gegen den ihr von den Eltern bestimmten Mann gezeigt. Von den fünf jüdischen jungen Männern, welche in Detta lebten und als Heirathskandidaten auftreten konnten, war Leon immerhin noch der stattlichste, aber auf die Dettaer Herren war ja die Web nicht gebaut und ein so hübsches und reiches, junges Mädchen, wie Taubes Selma war, hatte nicht nöthig, zeitlebens in einem Landstädtchen, wie Detta ist, zu wohnen. Sie hatte es sich nun einmal fest vorgenommen, erst noch andere Männer zu betrachten, ehe sie sich den Wünschen ihrer Eltern fügte. Moritz Leon blieb ihr gewiß; davon überzeugte sie der Spiegel, der ihr lachendes Gesichtchen, mit den blitzenden schwarzen Augen, di> perlweißen Zähne, die Grübchen in den blühenden Wangen wiedergab. Und so gewiß, wie ihr der recht achtbare, bisher aber noch uninteressante Freier war, so gewiß erschien ihr auch die Reise nach der Hauptstadt, wenngleich weder Vater noch Mutter etwas davon wissen wollten. Sie hatte recht.