Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1893)
- Date
- 1893-02-24
- Page
- Seite 90 (sequence 8)
- Language
- German
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90 Ham an auf dem Scheiterhaufen. Von vr. jur. O. Francken in Aachen. Purim, das Fest der Freude, es ist ein schlagender Beweis für die glänzende Befähigung des jüdischen Stammes, fremde Elemente aufzunehmcn und sie mit eigner Sitte und Gewohnheit schöpferisch dergestalt zu verschmelzen, daß ihr fremder Ursprung nur dem Forscheräuge sich offenbart. All das Posscuwesen und der Mummenschanz, mit welchen, bis zu unseren Tagen auch in deutschen Landen Purim gefeiert zu werden pflegte, ist wohl zrnn größten Theil unter der lachenden Sonne Italiens entstanden, inmitten eines zu Frohsinn und Humor allzeit geneigten, glücklichen Bolkes. Purim wurde nieist unmittelbar vor der Zeit begangen, aus welcher der Kirche strenges Fastcngebot jedwede Freude verbannte, in den Tagen, in welchen der ernste Gedanke an das „Kirne vale“ im Einzelnen sowohl >vie i» der ganzen Ration noch einmal die Lebenslust aufchäumcu machte. Ausgelassenheit und Freude war die Parole im christliche» wie jüdischen Lager. Es kann uns daher nicht wundern, wenn die Juden, italienischem Bolkscharakter sich assimilirend, Purim zu einer Art jüdischen Faschings gestaltete». Jede Seite des berühmte», witzsprühenden Purimtraktatcs von Kalonymos giebl hierfür klassischen Beweis. Aber auch spezifisch-jüdische Purimceremoniecn kannten die mittelalterlich italienischen Juden. Eine solche kann cs nur gewesen sein, wen», wie Kalonymos berichtet?) die Juden unter Trompetengeschmettcr und Posauuenstoßen eine aus einem erhöhten Postamente stehende Puppe, die Hainau vorstellen sollte, umjubelteu und alsdann feierlich auf einem Scheiterhaufen verbrannte». Welch ein Gegensatz zu der Lage der Juden in andern Ländern! Während dort bereits die lodernden Flamnien der Scheiterhaufen um jüdische Opfer züngelten, konnten die vom Schicksal mehr begünstigten Juden Italiens öffentlich, im Fastnachtsschcrze Hainau, freilich nur in etligie, vcrbreiincn. Wie aber mag Haman vom Galgen auf den Scheiterhaufen gekommen sei»? Das ist die Frage, ivelcher diese Zeilen nähertreten sollen. Daß die Bcrbrennuug Hamans nicht eine Nachahmung mittelalterlicher Verbrennungsprozesse gewesen sein kann, geht deutlich aus dem llmstaiid hervor, daß uns die eigenthümliche Sitte bereits aus dem gaonäischcn Zeitalter von den orientalischen Juden berichtet wirb?) Im Orient aber, im Geltungsgebiete des römischen Rechts wkiügstens, war die Strafe der vivicreumtk» zwar nicht unbekannt, doch iinmerhin selten. Einen Anhalt für die Lösung der Frage nach der Eutstehung der genannten Cercmonie giebt uns, so auffallend es auch auf den ersten Blick scheinen mag, das corpus iuris civilis, der Talmud der Juristen. Ein in den dritten Theil desselben, den codex Jnsliiminiis, aufgenommkiies Dekret des oströmischen Kaisers Theodosius ] I. vom Jahre 412 (o. 11 de Judaeis el Caclicolis 1, l') lautet, „Judaeos (juodani i'estivitatis suae solleinni Aman ad poenae quondain recordationem ineendere et sanctae crucis adsiinulahun speciem in contemptu C.liristianae iidei sacrilega mente exurerc provineiarmn rectoras prnliibeant: ne locis suis Iidei uostrac sigmun innnisceanl, sed vitus snos citra conteniptmn Christin nar legis reiineanl aniissuri sine dubio perniissa liaelenus, nisi alt illicilis temperaverini.“ Tic Juden sollen also bei einem Feste einen Haman zur Eriimeruug au eine erlittene Strafe und zugleich ein Kreuz in Miß- E Giidema»», Geschichte des Erziehungswesens n. s. w. 1884 S. 211. -) Low, Die Lebensalter S. 2!>n, 423. achtlnig der christlichen Religion verbrannt haben. So ist dev, Kaiser, wie aus dem Dekrete zu entnehmen, sicher von judenfeindlichee Seite berichtet worden. Und nun erläßt der judenfreundlichc Theodosins II., derselbe, welcher die Juden am Sabbath von den. Erscheinen vor Gericht entband (c. 13 C. li. t.) und seine ganz, Macht zum Schutze jüdischen Eigenthums, insbesondere der Synagogen einzusetzen versprach (c. 14 C. b. t.). jenes Dekret, aus dessen Mildc bezeugender Fassung ivohl zu entnehmen ist, daß der Kaiser selbst nicht recht an die seinen Gegenstand bildenden Verdächtigunge» glauben mochte. Daß das kaiserliche Verbot, fernerhin im jüdische» Kultus das Zeichen des Kreuzes zu verwenden, aber ebenso gegen standslos war wie jene Berdächtigungen, ergiebt sich von selbst. Denn was hätte das Zeichen des Kreuzes bei der Purimfeier bedeuten solle»! Der Wortlaut des Dekretes spricht schon für die Wahrscheinlichkeit, daß lediglich ein wissentliches oder unwissentliches Mißverständniß aus Seiten derer vorlag. welche deni Kaiser Bericht über Purim er statteten. Die Juden sollen um „crucis adsimulatam speciem' verbrannt habe». Welche Form aber wäre der des Kreuzes, wie es gebräuchlich war, ähnlicher als die eines Galgens? Die Lösung der Frage dürfte gegeben sei». Die Juden stellten vermuthlich bei, Untergang Hamans schauspielerisch dar. Sie verfertigten eine Ha manpuppe und hängten sie an den Galgen, wie es von Haman im Buch Esther berichtet wird. Dann aber zur Schlußfeier des Festes entzündeten sie als Freudenfeuer den aufgerichteten Galgen. innößN mia nrrn (Esther 8,16.) Ist diese Vermuthung richtig, dann ist die weitere Entwicklung klar. Infolge der ungünstigen Auslegung, zu welcher der Gebrauch des Galgens führte, vermied man nach Erlaß des Dekretes, ferner einen solchen zu errichten. Der Galgen fiel, aber es blieb und verbreitete sich die Ceremonie der Verbrennung Hamans. Jahrhunderte schon sind die Scheiterhaufen, mtf welchen Haman puppen braniiten, erloschen. Aber der Gedanke, zu deffen Verherrlichung sic entzündet wurden, der Gedanke des Pucimfestes, lebt weiter. Ein jedes Geschlecht hat seinen Haman. Haman ist nur ein Name, ein Schattenbild, dem jedes Zeitalter besonders Leben und Farbe verleiht. lind so erklärt es sich, daß die Verheißung des Buches Esther über das Purimfest sich erfüllt: „Und diese Tage werden gefeiert in jedem Geschlechte, in jede, Familie, in jeder Stadt; sie werden nicht untergehen inmitten der Juden, und ihr Gedächtnis; wird nicht enden bei ihren Nachkommen/ U Aus dem Nachlaße A. Bernsteins. IV. Es folgen zunächst zwei Briefe von Leopold Znnz an Aron Bernstein folgenden Inhalts: Sehr geehrter Herr! Besten Dank für Brief und Buch, die ich vor welligen Tagen er hallen. In bem letzten sind Standpunkt rmd Geschoß gut; wenn der Schütze nicht jedesmal trifft, so ist das welliger feine Schuld als die des geschichtlichen Nebels. Bereits i. I. 1859 habe ich in weinen Vorträger, über jüdische Wissenschaft die Zeit vor der davidischen Epoche für mythisch erklärt, und einer meiner damaligen Zuhörer hat vor Schreck hierüber sich entfernt und weiter nicht Theil genommen. Ich habe kursorisch Ihr Buch durchgelesen und über den Scharfblick, der aus der Mythe die da hinter liegende Geschichte herausfindet, mich oft gefreut. Lassen Sie Orthodoxen sammt Ochsen bei Seite; auch ich erkenne in den Personen der Genesis — vielleicht Nimrod ausgenommen — keine historischeil Existenzen, llnb hiermit für heute genug von Ihrem hochachtllngsvoll ergebenen Berlin, 23. Januar 1871. Zu nz°