Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1893)
- Date
- 1893-02-24
- Page
- Seite 88 (sequence 6)
- Language
- German
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88 Wegen, mit dcr Geschichte der Erziehung uöthig, weil der Religionsunterricht die Krone aller Erziehungsmittel ist und dem Lehrer eine schwere Last anfbürdet. Herr B. erwähnte gar nicht die Methode und Praris. Er will die Pädagogik um zwei Drittel kürzen. Wie fängt er das nur an? Herr B. erwähnte den Orbis pictns des Eomenins als »nuütz für den Knltnsbeainten. Ich habe eine andere Ansicht. Bon Ainos Eomenins ist auch ,,U»ui» necessarium“; dieses Wcrkchen zu lesen, empfehle ich jedem Kultusbeamten. Wir verlangen für unfern Lehrberuf mehr Licht, mehr Liebe, mehr treue» Eifer! Auch mir wollen homiletische und musikalische Ausbildung! ja mir verlangen sogar viel mehr hebräische Kenntnis;, als ein tvenig Ehaje-odem und Raschi. Aber mir wollen keine Religionsphilosophen werde». Das überlassen wir den akademisch gebildeten Rabbinern. Herr B. will Erwachsene, die dem neuen Dogma huldige», überzeugen. Das ivird er nicht trotz seiner Philosophie und Dialektik. Wir «vollen auch keine Schächter sein. Das ist nicht unser Ideal! Warum sollen nun gar die vielproduzirenden Lehrerseminare in Knltnsbcamtenbildnngsstütten nmgewcmdelt werden? Um die Hülste vermindert sollten sie werden, damit sie besser snndirt würden. Ich war erst Knltnsbcamter, bin jetzt Bolksschnllehrer. Bin ich im» mehr oder weniger? Angenommen, Herr B. hätte in einer von ihm geivünschten Bildungsstätte seiner Berufsbildung erworben; ivürde er diesem Berufe treu bleiben, wenn er später Lust und Fähigkeit fühlte, Elementarlehrer zu sein? Lasse» wir die Seminarien in ihrer jetzigen Gestaltung. Helfen wir nur mit, daß dcr Kursus vierjährig werde und daß de» Anstalten die Mittel reichlich znfließe». Dann ist uns, den Knltnsbeaniten, und auch de» Gemeinde» geholfen. d Äus dem Getietsschahe des Judenthums. Bon Regicrungsrath Dr. D. H. Mayer in Karlsruhe. Es ist ein Bedürsniß des inenschlichcn Herzens, sich in Beziehung zu setzen zu dem Uebersiimlichen, Ewigen, zu Gott. Rach der Lehre des Jndenthums soll zwar das ganze Leben und Wirken des Menschen ein ununterbrochener Gottesdienst sein. Der religiöse Sinn verlangt jedoch nach besonderen Formen für seine Bethütigung, und er findet dieselben theils in sinnbildlichen Handlungen — den religiösen Bräuchen, Eeremvnien —, theils in wörtlichen Anrufungen Gottes — den Gebeten. lieber Werth und Bedeutung der ersteren haben wir »ns an anderer Stelle verbreitet.') Wir zeigten, wie die meisten religiösen Bräuche des Jndenthums, ihrer Zweckbestimmung nach und richtig anfgefaßt, in hervorragendem Maße geeignet sind, den Menschengeist vom Gemeine» und Alltäglichen weg ans das Hohe, Ideale, Ewige zu lenken und dadurch wahrhaft religiöse Bildung und sittliche Bervollkommnuiig zu fördern. Ten gleichen Maßstab der ethischen Ersprießlichkeit müssen wir auch bei Bcurtheilung des Wertstes der Gebete anlegen. Die Geringschätzung derselben, welcher wir in weiten Kreisen begegnen, erklärt sich zumeist ans der grob materialistischen Auffassung, als liege der Institution des Gebets der Gedanke zu Grunde, durch die bloße Verrichtung desselben der Gottheit eine Art Opferdienst zu erweisen, ihr Wohlgefallen zu erringen oder gar bestimmend ans ihr Walten einznwirken. Diese Auffassung ist nicht diejenige des lautern Judenthuins. Darüber, wie dieses die Bedeutung des Gebets versteht, ver- ') Altgein. Zeitung des Jndenthums, Jahrgang 18m, Nr. 23 u. 2» «auch als Sonderabdruck erschienen). breitet hellstrahlendes Licht dcr bekannte Programmatische Satz, tni; Motto unserer höchsten Festtage: iirinn m ns puro rpn nbsm nnwni „Umtchv. Gebet und Wohlthun helfen über das Böse des Verhängnisses hinweg" — sie können zwar das schlimme Geschick selbst nicht abwenden. benehmen ihm aber den Stachel. Also nicht die Wirkung auf ®i*tt ist beim Gebete das Wesentliche, sondern die Wirkung auf d u Menschen selbst. Ihn soll es erheben, ihn soll es erbauen, ihn st!! i es vor Allem zu edlen, gottgefälligen Entschließungen und Handlung n! aneifern. Wenn es in solcher Weise zur Erziehung und Verven! kommnung des Menschen beiträgt, also ihn seiner göttlichen Bestimmung j näher führt, dann, aber auch nur dann, ist das Gebet wahrer ima | wirklicher Gottesdienst. Wie steht es nun aber mit den Gebetsformeln, welche d^! Judenthum ausgebildet hat, wenn wir uns auf den ebenbezeichne! n | Standpunkt stellen? Können die zum Theil Jahrtausende, in d l i Mehrzahl aber immerhin Jahrhunderte alten hebräischen Gebete, n k; sie unser Gebetbuch (Siddur) aufweist, vor den geläuterten A^ I schauungen der Jetztzeit noch bestehen, können sie unter den gegtil : früher so wesentlich geänderten Verhältnissen dem religiösen Bedürfn | noch genügen? Mau ist in fortschrittlichen Kreisen vielfach allzu g; neigt, diese Frage schlechtweg mit Nein zu beantworten. Wie soll'.e es auch anders sein bei dem immer mehr schwindenden Verständn n; des hebräischen Textes? Der Religionsunterricht kommt, wenn r! sich überhaupt auf das Hebräische erstreckt, über ein blos mechanisch : Uebersetzeu meist nicht hinaus und die den Gebetbüchern zuweilen! beigedruckten deutschen Uebersetzungen werden, wenige löbliche Am! nahmen abgerechnet, weder dem Geist der hebräischen, noch d i i deutschen Sprache gerecht und wirken darum eher abschrecke.-d als anziehend. Es will uns deshalb als eine nicht überflüssige Aufgabe erscheinen, an einigen Beispielen aus der Zahl gerade der alltäglichen Gebete n I zeigen, daß unser Gebetbuch als eine wahre Schatzkammer Mist! religiösen Geistes sich darstellt, in welcher eine Fülle edelster, erhabenst! j Gedanken, echten, allgemein giltigen, keinem Wechsel der Zeitü j unterworfenen religiösen Empfindens in plastischem, volksthtstnlicheni! Gepräge niedergelegt ist. Gleich der au der Spitze der täglichen Gebetordnung stehen x Hymnus auf Gott, den ewig Thronenden, den Schöpfer, Erhall i und Regierer der Welt, bringt die Grundanschauungen des Jude« j thuins über das Verhältnis; zwischen Gott, dem Menschen und d l! Natur in großen, markigen Zügen zum Ausdruck. Derselbe lau! i j in der Übertragung (nach Michael Sachs) wie folgt: O Herr der Welt, der Du geschaltet, i Eh' noch ein Wesen ward gestaltet! j 'Als auf Dein Wort das 'All erstand. Da wardst als König Du erkannt, j Und wenn zerfällt das Weltenganze, Du herrschest fort in hehrem Glanze. Du warst und bist seit Ewigkeit! Und Du wirst sein in Herrlichkeit. Du Eimg-Einz'ger ohne Zweiten, > Dir stellet Keiner sich zur Seiten! Ohn' End' und Anfang ist Dein Walten, D'rin Macht und Hoheit sich entfalten, j Ja, Du bist Gott, niein Hort, mein Retter,! In Drang und Roth, in Sturm und Wetter;! Di: meine Zuflucht, mein Panier, i Mein Kelch, mein Theil — ruf' ich zu Dir. In Deine Hand ich stets befehle, Schlaf' ich und wach' ich, meine Seele, Und meinen Leib vertrau' ich Dir:! Ich fürchte nichts, Gott ist mit mir!