Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1893)
- Date
- 1893-02-17
- Page
- Seite 83 (sequence 13)
- Language
- German
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83 Als Jakob wieder herunter gekommen war, betrachtete er seine schöne Schwester mit sichtlichem Wohlgefallen, bald aber glitt, wie die Wolke über den sonnigen Frühlingshimmel, ein ernster, fast trauriger Zug über sein geistvolles, bleiches Gesicht. Sanft und vorwurfsvoll sagte er: „Um den Christen hast Du Dich so geschmückt. Schwesterchen, und der arme Lob schmachtet täglich vergebens nach einem freundlichen Wort von Dir?" : „Laß mich mit ihm, meine Seele hat nichts mit ihm zu schaffen." „Aber er soll Dein Gatte werden, hast Du das vergessen?" „Bruder, erlaß mir, darauf zu antworten." „Verderblich hat Dir der hochgeborene Christ die Sinne umstrickt, , Du vergissest der Satzungen Deines Volkes und trägst Dich mit sündigen Hoffnungen." Mirjam wurde tief roth, aber sie schlug nicht die Augen nieder, sondern sah den Bruder fest an. „Ich leugne es nicht, ich liebe den Grafen, liebe ihn, wie nur ein Weib lieben kann, aber ich bin nicht so thöricht zu glauben, daß ich ihn jemals besitzen könnte. Ich bete für ihn und helfe ihm, wo er es bedarf, weiter geht mein Begehren nicht. Daran aber laß ich mich s selbst von Dir nicht hindern." s Jakobs Gesicht hellte sich auf: „Ein Kind des verachteten Volkes,! ein Kind des Volkes Gottes darf nie anders denken, ich wußte ja,! daß Du Dich nicht wegwerfen würdest ..." s Der Eintritt des Grafen machte dem Gespräch ein Ende. j Der junge Herr trat auf Mirjam zu und faßte ihre beiden Hände:! „Ich danke Dir, holde Jungfrau, danke Dir für Deinen Muth, Deine s Entschlossenheit, ohne diese läge ich draußen tobt, denn die um-; herschlveifenden Kroaten hätten mich sicher umgebracht, wenn nicht Du und Deine braven Glaubensbrüder rechtzeitig Hilfe gej bracht Hütten."! Er beugte sich tief und küßte ihr beide Hände. i In Mirjams Augen flammte es auf. Aber der jugendliche Held, dem der süße Duft, der von ihrem Haare kam, die Sinne entfachte, bezwang sich und küßte sie auf die bleiche Stirn. Draußen brach das Frühroth durch die Wolken und ein leichter Morgenwind rauschte durch die Bäume vor der Synagoge. Glücklicher Weise hatte Jakob die Stube verlassen und so war niemand Zeuge des kurzen süßen Frühlingstraumes gewesen. Mirjam riß sich aus der Umarmung des Grafen, sie eilte hinauf in ihr stilles Zimmer und weinte vor unsäglichem Weh. Auch den Grafen litt es nicht mehr in der Wohnung des braven Maron, und er war nicht froh, daß ihm sein Leben erhalte» geblieben. Das Glück, das er einen Augenblick im Arnie gehalten, konnte er doch nie dauernd fesseln. — Die Liebenden sahen sich nie wieder, aber vergessen haben sie einander nicht. Jakob Johann endete seine kurze Heldenlaufbahn schon wenige Wochen darauf bei einem Sturm auf Zabern. Im Sterben trat noch einmal der Gedanke an den Augenblick des höchsten Glückes vor seine Seele und er zog den Siegelring vom Finger. Sterbend winkte er dem Adjutanten und legte das Kleinod in dessen Hände, und flüsterte kaum hörbar: „für Mirjam". Das war sein letztes Wort. Als die schöne Tochter des jüdischen Buchbinders den Ring und die Trauerkunde erhielt, sank sie ohnmächtig um. Mirjam hat nie geheirathet und ihr ganzes Leben der Wohlthätigkeit gewidmet. d Lrtterarische MrttheUmrgeu. © Dr. S. May bäum: Kasualreden. Verlag des Bibliographischen Bureaus, Berlin. 1892. Zwei Momente haben wohl beu Verfasser bestimmt, an die Herausgabe seiner Reden, deren ersten Theil dieser Band bildet, zu gehen. Einmal steht die Zahl der in den letztere Jahren veröffentlichten Predigtensammlungen in gar keinem Verhältnis; zu der vermehrten Anzahl der in den jüdischen Gemeinden gehaltenen Reden. Die moderne deutsche Predigt ist in alle Gotteshäuser eingezogen, das Wort des Redners wird fast bei allen vorkommenden Kasnalfällen erbeten. Die Art und die Manier, das religiöse Wort öffentlich zu führen, hat inzwischen durch die vielfach veränderte Bildung der jüdischen Kreise auch mancherlei Abwechslung erfahren müssen. Unter solchen Verhältnissen ist es wichtig, daß von verschiedenen hierzu besonders berufenen Männern Proben ihrer diesfälligen amtlichen Thätigkeit gegeben werden. Und wer könnte zu einem solchen Unternehmen auserlesener sein, als der Rabbiner und Prediger der Großgemeinde Berlin? Zudem ist Herr Dr. Maybaum auch Lehrer der Homiletik an der Lehranstalt fiir die Wissenschaft des Judenthums. Er hatte also, wie er in der Vorrede seiner Schrift mittheilt, schon als er seine „Jüdische Homiletik" veröffentlichte, den Plan gefaßt, seinen Hörern und Schülern durch Beispiele das festzustellen, was er theoretisch lehrt. Nun führt er diesen Gedanken aus. Von diesem Standpunkte aus müssen wir es besonders freudig begrüßen, daß M. die Kasualreden zuerst drucken ließ. Bei keiner Gelegenheit kommt der Rabbiner in seiner seelsorgerlichen Thätigkeit den Familien und den Häusern seiner Gemeinde so nahe, als bei Fest- und Trauerfällen. Hier kann er durch ein Wort und durch einen Wink das Gemüth anregen und die Lehren der Religion dem Herzen nahebringen. Hier gilt es aber auch, das rechte Maß einzuhalten, hier muß der feinste Ton herrschen, hier muß die edelste Forur bewahrt werden, Frömmigkeit und Weisheit müssen sich verbinden, damit der belehrende Zuspruch willen willkommen sei und seine Wirkung übe. M. hat seine Kasualreden nach den verschiedenen Fällen geordnet. Bei Leichenreden 1—21 Seite 3-116 kommt es zumeist darauf an, daß in dem Rahmen der kurzen Ansprache ein vollendetes Bild Dessen, ben man zu Grabe trägt, gegeben wird, und daß die Worte des Leichenredners warm und gefühlvoll hinfließen. Nach beiden Seiten hin sind diese Reden Maybanms vorbildlich. Die Worte, welche an der Bahre P. F. Frankl's S. 12 nnd H. Graetz' S. 25 gesprochen wurden, geben eine umfassende Skizze des Lebens dieser Männer. Gefühl und Innigkeit finden wir besonders in den bei der Leichenfeier der Frau Doris Makower und des Frl. Margarethe Jutrosinski gehaltenen Reden S. 86 und 103. Die Gebete, welche den Reden vorausgehen, sind insgesammt sehr wann und von großer Innigkeit. Nicht nur diese Gebete sind bei den verschiedenen Gelegenheitelt manchmal ganz dieselben, wir begegneten auch wörtlich ganz gleichen Schilderungen, z. B. eines langsam dahinsiechenden Lebens S. 21 und S. 68. Als wir dies lasen, sagten wir uns, daß M. absichtlich die gleichen Formen für Gebete und Beschreibungen bei ähnlichen Fällen gebraucht und anwendet. Er wollte, dachten wir, den jüngeren Rabbinern damit lehrend sagen, daß man bei Kasualfällen nicht immer neu sein müsse und könne. Man darf das Gute und Schöne in solchen Fällen, bei denen man doch zumeist auf eine ganz verschiedene Zuhörerschaft 51t rechnen hat, wiederholen, wenn es eben nur trifft und wahr ist. — Bei den Traureden 22-30 S. 119—145 finden wir, daß das Lob, welches von manchen Rednern bei solchen Veranlassungen gern dem Brautpaare und den Eltern derselben reichlich gespendet wird, hier nur einfach und in kurzen Wendungen ausgesprochen wird. Es ist dies ein bedeutsamer Wink für junge Rabbiner. Die freudige Theiluahme an dem Familienfeste eines befreundeten Gemeindemitgliedes sollte den Redner niemals bestimmen, in der Traurede ein recht umfangreiches Bouquet des Lobes und Preises der Familienglieder hinzureichen. — Unter den Weihereden 31—33 S. 151—179 finden wir besonders die „Rede zur Einweihung der israelitischen Taubstummenanstalt für Deutschland in Weißensee" S. 170 bemerkenswerth. In der kurzen Rede ist die Vorgeschichte des edlen Werkes sowie der ganze Segen der Anstalt klar mitgetheilt und ausgesprochen. — Was die Koufirmatiousreden 34—37 S. 179—215 betrifft, so theilen wir ganz die Meinung Maybaums, welcher in einer derselben, S. 191, sagt: „Die Einsegnung sollte nicht länger ein bloßes Familienfest einzelner Mitglieder bleiben, sondern zur heiligsten Angelegenheit der Gemeinde werden, so daß wir bei einem Feste wie das