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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-02-17 · Heft 7 (17.2.1893) · p. Seite 82

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 7 (17.2.1893)
Date
1893-02-17
Page
Seite 82 (sequence 12)
Language
German
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In demselben Augenblick, als das Gebet Mirjams zum Throne des Höchsten cmporstieg, traf eine Bollkngel ans der Schanze den Helm Jakob Johanns und riß den Schwan, die Zier der Grafe» von Hanau, herunter. Gleich darauf sank das Pferd von einer Hellebarde durchbohrt unter seinem Leibe znsannnen und der junge Held blieb für todt liegen. Jubelnd ergriffen die Kroaten die abgeschosseue Helmzicr und freuten sich, den gefürchteten Gegner überlvunden und getödtet zn haben. Ter.Kampf kam zum Stehen, dann wankten die Hanauer Truppen und nur mit schweren Verlusten gelang cs dem Obrist- >vachtmeister von Dondorf, den Rest des Regiments in die Festung zu retten. Graf Jakob Johann galt für todt. In Hanau herrschte tiefe Trauer über den Verlust des tapferen Führers und lange saßen die Rüthe im Stadthause zusammen, einen Beschluß zu fassen, lvas geschehen solle. Da forderte der Oberschultheiß Erkenbrccht zwei Bürger, den langen Fränkel und den kleinen Heinrich, die während der Kriegsläufte den Botendienst zwischen Hanau und Kassel verrichteten, auf, sich zur kommenden Nacht vor die Thore zu schleichen, um den Leichnam des geliebten Herrn zu suchen. Der Abend senkte sich über die Stadt. Ans den Wällen zogen die Wachtposten auf, und die Schanzen der Feinde erglühten im Schein der Wachtfeuer. Ta öffnete sich ein Scitcnpförtchen des Nürnberger Thores und entließ die beiden Kundschafter hinaus auf das freie Feld. Tie sonst so blühenden Fluren waren in eine Wüstenei verwandelt. Tie Saat war von den Hufen der Pferde zerstampft und breite Furchen hatten die Kanonen in die Felder gezogen. Die Leichen der heute Bormittag Gefallenen lagen noch unbecrdigt. Der lange Fränkel und sein Genosse schlichen sich heran, um nach den Resten Jakob Johanns zn suchen. Eine Stunde lang wanderten sie zlvischen den Todteu umher, aber sic fanden nichts. Aeif einmal vernahmen sie voni Walle her ein Geräusch, sie hörten Flüche von Kroaten und dazwischen weibliche Hilferufe. Schnell hatten sie die breiten Säbel entblößt und eilten nach der Stätte, von wo sic das Schreien vernommen hatten. Ein seltsames Schauspiel bot sich ihren Blicken. Jakob Johann inmitten der angreifenden! Kroaten. Mit seinem linken Arme umschloß er Mirjam, die schöne Tochter de» jüdischen Buchbinders, mit der freien rechten Hand führte er sein Schwert und thcilte wuchtige Hiebe aus. Tie beiden Kundschafter sprangen wie die Katzen von hinten ans die Feinde, und mit dem Schlachtruf: „Hie gut Hanau alleweg" begrüßten sie ihren jugendlichen Feldherrn. Mittlerweile wurde cs auch auf dem Walle lebendig, und eine seltsame Kriegerschaar eilte über die Nothbrücke. Wie Gespenster sahen die Männer ans in ihren langen schwarzen Gewändern, unheimlich erschienen die gelben Ringe ans den Mänteln in dem schwachen Lichte, daß von den Wachtfeuern herüberdrang. Alle aber hielten in den Händen Waffen, Hellebarden, Spieße, Schwerter oder Büchsen, wie es der Zufall gefügt hatte. Sie stürzten sich mit dem Rufe: „Tod den Philistern, gelobt sei der Gott Abrahams!" auf die verblüfften Feinde, die nur kurze Zeit den heftigen Angriff anshielten, dann sich aber kopflos auf die Flucht warfen. Und es war die höchste Zeit gewesen. Schon war das Piket auf der „Guck' in die Mühl'" alarmirt worden, und es gelang den Rettern des Grafen gerade noch, die Brücke wegznziehen, als ihnen schon die Kugeln der Kaiserlichen um die Ohren pfiffen. Bald umfing den kleinen Zug das Schweigen der Judengasse. Die jüdischen Befreier zogen sich zurück, nur der Schammcs geleitete die beiden Kundschafter an das Thor der Gasse, damit sie sogleich dem Schultheißcnamt die Nachricht von der wunderbaren Rettung des jungen Grafen brächten. In der Wohnung des alten Maron wurde die Errettung des Grafen festlich begangen. Oben im Eckzimmer war eine lange Tafel gedeckt. In schweren Silberkannen stand der Wein auf dem Tisch, und Gold und Silber funkelte bei jedem Gedeck. Das Festgemach selber war reich, wie bei einem orientalischen Fürsten. Weiche Teppiche bedeckten den Boden, seltene werthvolle Bilder und Stiche hingen an den Wänden, und von goldenen Trägern wallten schwere Portieren herab, lieber der Tafel spendeten die duftenden Kerzen im silbernen sicbenarmigcn Leuchter ein mildes Licht, daß alle Gegenstände mit dein dümmerischen Zauber eines Märchenhcims aus dem Orient umgab. Jakob Johann staunte, als er in dieses Gelaß trat und blieb wie geblendet stehen. Dann sagte er zu Maron: „Josna, Ihr seid ein wohlhabender Mann." „Ja, gnädiger Herr," antwortete lächelnd der Jude, „der Gott Abrahams hat nreinen Fleiß gesegnet. Aber Ihr steht noch immer in dem Gewand des Krieges. Wollt Ihr nicht von Euch thun den eisernen Krebs, der Euch beengt, und oblegen den ledernen Koller? Wählt unter dem Meinigen. Ich habe reiche Gewänder, deren sich der Kaiser nicht zu schämen brauchte. Sic liegen unbenutzt in den Truhen, bis sich ein Käufer findet. Wollt Ihr persische Seide und indischen Sammet, Spitzen aus Brüssel und Federn aus Afrika, Pelze aus Rußland und Degen aus Syrien? Alles steht zu Eurer Erlaucht Diensten, und der alte Maron wird glücklich sein, wenn sein Beschützer ein kleines Gastgeschenk annimmt." „Nicht also, Josna, ehret das lederne Koller und den rostigen Krebs, sie haben Euch beschützt vor den fanatischen Baptisten, die Eure stille Gasse stürmen würden und Euch fortschleppen aus Euren Heimstätten, Euer Hab und Gut aber plündern. Das rauhe Gewand, das ich auf dem Leibe trage, ehrt Eure stille Hütte mehr als die Seide Persiens, die breite Klinge von dem Frankfurter Schwertfeger ist mehr werth als alle Degen von Damaskus, sie hat Euer zart Töchterlein errettet ans der Hand der räubcrischeir, brihlsüchtigen Kroaten, nachdem sie sich ui» meinetwillen auf das Schlachtfeld hinausgewagt hatte." „Wie Ihr beliebt, Herr!" Zu seinem eintretenden Sohn gewandt! sprach Maron weiter: „Jakob, hilf Seiner Erlaucht aus dem Panzer und geleite ihn hinauf, damit er sich den Staub des Schlachtfeldes von dem Haupte wische, dann wollen wir zu Tisch gehen, wenn Euer Liebden die Gastfreundschaft eines Juden nicht verschmähen." „Ihr kränkt mich, Josna, was sollte ich zögern, bei Euch zu speisen? Ihr haltet Eure Satzungen, wie wir die unseren." Jakob Johann nickte Maron freundlich zu und folgte dem jungen Talmudisten in das obere Geschoß. „Ein freundlicher, lieber Herr," sagte Maron für sich. „Das ist wahr!" bestätigte Mirjam, die eintrat. M»

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