Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1893)
- Date
- 1893-02-17
- Page
- Seite 80 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Ist es aber nicht auffallend, daß der christlichen Krankenpflege hier eine leistungsfähige Kraft und anderswo in der Privatpflege so viele solcher Kräfte entzogen werden, wo eine Jüdin doch dasselbe leisten könnte, während in kurzen Zwischenräumen in den gelesensten Tagesblättern und Zeitschriften immer wieder Aufrufe der Dinkonissen-Vorstände erscheinen, in welchen in einfacher und doch jo beweglicher Sprache geklagt wird, daß es an werkthätigen Händen fehlt, um auch nur den dringendsten der an die „Schwestern" gestellten Bitten zu genügen, und die stets mit der Bitte schließen, der Diakonie frische Kräfte zuzuführen. Wohl dürfen wir behaupten, daß die großen Summen, welche alljährlich von jüdischen Spendern zu wohlthätigen Zwecken verwendet werden, in öffentlicher, wie privater Vertheilung wohl beinahe ebensovielen Andersgläubigen als Glaubensgenossen zukommen, aber in der Hingabe der eigenen Persönlichkeit, in dem ein Menschenleben aussüllenden Schaffen und Wirken für Kranke und Schwache, außerhalb der eigenen Familie, darin ist uns die Nächstenliebe und Schaffensfreudigkeit der christlichen Frauenwelt zur Zeit noch voraus. Sollen wir uns nun einreden, wir jüdischen Frauen und Mädchen, denen sonst nachgerühmt wird, die unserem Stamme eigenthümlichen Eigenschaften: Intelligenz, praktischen Sinn und tiefes Gefühl mit der Gründlichkeit, dem Ernst und der Innigkeit der deutschen Frau in unserem Wesen zu vereinigen, wir könnten nicht in unserer Mitte die Vertreterinnen praktischer Nächstenliebe finden, wir könnten, wo wir Einfluß auf so viel offene Hände und weiche Herzen besitzen, unter unseren Glaubensgenossen nicht die Mittel aufbringen zu ihrer Erhaltung während der Zeit ihres Lernens und Schaffens, zu ihrem sorgenfreien Auskomnien in Krankheitsfällen und in den Jahren, wo die Kräfte den Dienst versagen? Freilich die Krankenpflege ist kein leichter Beruf, es gehört nächst einer festen, kräftigen Gesundheit große Selbstverleugnung und Hintansetzung des eigenen Ich dazu; aber sind unter unseren Mädchen und Frauen nicht solche, welche auch diese Eigenschaften in hohem Grade besitzen? Wie viel jüdische Mädchen giebt cs, die mit jahrelangem Mühen jüngere Geschtvister erziehen und heraubilden halfen, um sich dann allmülig als überflüssig zu fühlen, wenn ihre Absicht erreicht ist, die dann aber auch gewöhnlich nicht mehr jung genug sind, -um eine praktische Thätigkeit für ihr ferneres Fortkommen zu erlernen, wie viele, die in jahrelanger Pflege am Lager eines leidenden Vaters, einer Mutter, kränklicher Geschwister jene Geduld und Ausdauer üben lernten, die das Amt der Pflegerin erfordert, und die oft nach dem Tode des Kranken, der ihre Hilfe brauchte, vereinsamt weiterleben, sich nicht zur Freude und Anderen nicht zrini Nutze», wie viele kinderlose Frauen, die mit dem Tode des geliebten Mannes den werthvollsten Inhalt ihres Lebens verloren, oder solche, die in nutzbringender Thätigkeit für Andere die bittere Erinnerung an eine unglückliche Ehe zu vergessen oder wenigstens zu überwinden suchen wtirde». Alle diese Frauen und Mädchen, für die Arbeit und Blühe nichts Abschreckendes hat, die in der Schule des Lebens schon gelernt haben, daß wahres Glück und innere Befriedigung nur in selbstlosem Wirken für Andere zu finden ist, an deren Thätigkeit aber kein Angehöriger mehr Ansprüche stellt, würden aus ihrer Zahl zu allererst das nöthige Material an Pflegerinnen stellen. Die Schreiberin dieser Zeilen hat sich in dieser Angelegenheit mit der Vorsitzenden des Vereins „Frauenwohl" in Breslau, Frau verw. Sanitätsrath Dr. Neißer, in Verbindung gesetzt und von dieser die Zusage erhalten, daß Mädchen und Frauen, welche sich der freiwilligen Krankenpflege widmen wollen, behufs ihrer Ausbildung durch ihre Verwendung in dem städtischen großen Krankenhause Aufnahme erhalte» würden; zunächst käme allerdings für den letzteren Zweck die Aufnahme der Lernenden in ein jüdisches Krankenhaus in Betracht, wo ein solches vorhanden; die Ausbildung der Pflegerin brauchte in diesem Falle weder für klnterhalt, noch Wohnung besondere Mittel zu beanspruchen, und eine Zahl von tüchtigen Pflegerinnen für die Anstalt selbst wäre in kurzer Zeit herangebildet. So wenden sich denn meine Zeilen zunächst an alle jüdischen Frauen und Mädchen, denen das Schicksal keinen bestimmten Wirkungskreis zugewiesen, in dessen redlicher Ausfüllung sie inneres Genügen erhoffen dürfen, oder denen jener Wirkungskreis genommen tvurde, die nicht nur ein Herz besitzen für fremdes Leid, sondern zugleich thätiges Mitgefühl, um mit Einsetzung der eigenen Persönlichkeit den erkannten Schaden bessern zu helfen, durch Meldung bei der Krankenpflege-Gesellschaft ihres Wohnortes oder der nächsten größeren Stadt unter Hinweis auf diesen Artikel, da, wo sein Inhalt unbekannt sein sollte, ihre Absicht sich der freiwilligen Krankenpflege zu widmen, erkennen zu geben; vielleicht ist auch die Redaktion dieser Zeitung erbötig, Meldungen entgegen zu nehmen und an die Adreffe von Frau Sanitätsrath Neißer oder an die ihr bekannte Verfasserin dieses Artikels zu befördern, die sich mit den Betreffenden dann in direkte Verbindung setzen nnd das Nöthige veranlassen würde.') In zweiter Reihe aber richten sich meine Worte an alle deutschen Israelitinnen und an ihre Väter, Brüder, Gatten und Söhne, welche durch materielle Unterstützung dem geplanten Bau gewissermaßen die Pfeiler geben sollen, die das Ganze tragen und stützen, dem Gedanken der Begründung einer freiwilligen, jüdischen Krankenpflege, ausgeübt durch weibliche Personen der gebildeteren Stände nahe zu treten, bestimmte Vorschläge zu seiner Ausführniig zu machen und, wenn diese Vorschläge Leben gewinnen sollen, mit der Ausführung derselben nicht zu zögern. Und ist es nicht eines charaktervollen Mädchens würdiger, mit aller Macht einzutreten in den Kampf gegen den größten Feind der Menschheit: Krankheit und daraus entstehende Noth, als tveiblichen und männlichen Verwandten ein steter Gegenstand der Sorge zu sein, wie man die Schwester, Nichte oder Cousine „versorgt", das heißt, ihr einen Mann verschafft? Welcher Beruf wäre wohl reiner rmd edler, als dieser, der seine Vertreterinnen doch durchaus nicht von Erfüllung der natürlichen Bestimmung des Weibes, der Eingehrmg einer Ehe abhält, so daß im Gegentheil die ehemalige Pflegerin in der Ehe als Gattin und Mutter alle jene in ihrem Berufe erlernten und geübten Eigenschaften zum Heile der Ihrige» bethütigen kann. Ebenso wenig braucht das Erfassen des Pflegerinnenbcrnfes für die Zeit der Ausübung die Entsagung von weltlichen Freuden für die Betheiligten zu bedingen; es giebt für gebildete Mädchen so viel harmlose und edle Vergnügungen, daß eine Thcilnahme daran dnrchans nicht gegen die Pflichten des Berufes verstoßen oder mit ihnen in Widerspruch gerathcn müßte. Wenn wir bei einer solchen Einrichtung uns nach dem Muster der bereits vorhandenen Diakonissenanstalten richtete», so würde die Pflegerin als materiellen Lohn für den kostbaren Einsatz ihrer Kraft eine zwar bescheidene, aber gesicherte Existenz, eine selbstständige Stellung, die Möglichkeit, sich jährlich einige Wochen in gesunder Gegend zu erholen und ein sorgenfreies Leben bei eintretender Dienstunfähigkeit und im Alter gewährleistet erhalten können. ff Sehr gern! Uebrigeus hat auch der „Deutsch-Jsr. Gemeindebund" diese Angelegenheit in die Hand genommen. D. R, -M