Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1893)
- Date
- 1893-02-17
- Page
- Seite 79 (sequence 9)
- Language
- German
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79 d Cassel iom a. H. Samuel Arbeiten urtheilung lattes von über seine iesammten ichcn Verauf bei» erhältnisse ünden, in Verein bei orporirten ttfindende ist, dafür r treu zu Rriindung der alten chte und wessen zu dem wohl iphezeihen eines Bete solcher t Männer ach ferner chen Aufl fördernd ein für in alle» >le Sache intlich die Gemeinde pflege und ereilt, der e kleinerer Sache in r Israelit itzen oder geeignete stspieligeu Kranken näßig gchristlichen nke ohne l jüdische eben dem nicht die Wer aber pflegt die Hunderte von jüdischen Kranken, die in schwerem Leiden in ihrer Familie Genesung und Heilung oder ihr Ende erwarten und die nicht in öffentlichen Anstalten, der Zukunst der Einsamen und Verlassenen, ihr Lager anfschlagen können? Wer ste pflegt? In den Familien des Mittelstandes und der Unbemittelreren zunächst Personen der gewohnten Umgebung, meist eine alte Rutter, eine Gattin, die nächst der Pflege für den kranken Mann oft noch für eine Kinderschaar zu sorgen und den Erkrankten im Geschäft zu vertreten hat, eine jugendliche Tochter oder Schwester, die vielleicht zum erstenmal in ihrem Leben an einem Krankenbette steht, oder gar nur eine bezahlte Dienerin. Zur Krankenpflege nun, wenn sie erfolgreich wirken soll, gehört vor Allem doch mehr als blos guter Wille und Liebe zu dem Leidenden; nächst Ruhe, Sanftmuth and selbstloser Hingabe an seine Pflichten erfordert dieses Amt auch ine gewiffe Charakterfestigkeit, da Nachgiebigkeit in Dingen, die ein Verbot des Arztes betreffen, für den Kranken nur schlimme Folgen gaben kann. Wie wenige aber von allen Denen, die in gefährlichen Krankheiten der Ihrigen dazu berufen sind, die Vorschriften des Arztes auszuführen, besitzen diese Eigenschaften, ganz abgesehen davon, daß aei der wissenschaftlich festgestcllten Ansteckungsfähigkeit mehrerer Krankheiten, die in dieser Beziehung früher als harmlos galten, so Gele Einzelheiten zu beachten sind, betreffs Abschließung des Kranken :>on seiner Umgebung, zweckmäßiger Desinfektion der von ihm benutzten iMciße, Kleidungsstücke, Betten?c., daß die Angehörigen eines solchen Kranken sich gewöhnlich mit allen Vorschriften ganz vertraut gemacht naben, wenn — die Genesung oder der Tod des Kranken cintritt. Betrachten wir nun den weiteren Fall, daß die Familie des Erkrankten entweder bemittelt genug ist oder, wenn dies nicht zntrifft, in materielles Opfer bringt, um sich eine Kranke »Wärterin zu halten. Lolche sind allerdings in großen Städten zu haben, doch sind sie gezwungen, sich ihre Dienste gut bezahlen zu lassen, falls sie ihre Lache verstehen, denn sie müssen darauf rechnen, nach einer mehrvöchentlichen Krankenpflege vielleicht eben so lange Zeit ohne passende Veschäftigung zu sein, auch brauchen sie nach einer größeren Antrengung naturgemäß eine Erholungspause, so daß also der Verdienst on vier Wochen manchmal für den Lebensunterhalt der nächsten vier Gochen wieder herhalten muß. So werthvoll nun auch die Dienste steser erfahrenen und geschellten Personen an und für sich sind, so geht ihnen, mit seltenen Ausnahmen, Eins doch ab: eine, wenn auch infache Bildung des Geistes und des Herzens, die sie befähigen ünnte, den Kranken schon durch ihre bloße Gegenwart, durch ein sich;et§ gleichbleibendes, freundlich-heiteres Wesen zu beruhigen, ihn im Lchmerz zu trösten und aufzurichten, seine Hoffnung auf Genesung u stärken und im schlimmsten Falle, wenn jede Hoffnung schwindet, hm die letzten Tage und Stunden seines Daseins und das Hinüberchlununern in ein anderes Sein zu erleichtern, auf der anderen Seite lber den Angehörigen des Kranken eine moralische Stütze zu sein, da stese bei eintretender Gefahr oft ganz kopslos sind und dem Leiden- X'u durch übermäßigeAengstlichkeit, aufgeregtes Wesen und Schmerzensmsbrüche sehr schaden. Die Schreiberin dieser Zeilen befindet sich durchaus nicht in dem Glauben, mit Vorstehendem etwas Neues gesagt, eine große, in vollem Umfang noch nicht bekannte und gewürdigte Wahrheit ans Tageslicht gebracht zu haben; nur die Erfahrungen, welche meine Familie in der beregten Angelegenheit gemacht hat, haben mich bewogen, ein dringendes Bedürfniß, welches nach dem Lesen dieses Artikels wohl Niemand ableugnen kann, der öffentlichen Beachtung der Betheiligten zu empfehlen. Ein Schwächezustand, den die wochenlang anhaltende Influenza bei mir erzeugt halte, und ein daraus hervorgegangens, nervöses Leiden warf mich im Oktober 1891 auf's Krankenlager, von dem ich mich erst nach vielen Wochen wieder erheben sollte. In dieser langen Zeit war cs den Meinigen trotz aller Aufopferung nicht möglich, mich ohne fremde Hilfe zu pflegen. Nachdem eine billige Wärterin als untauglich entlassen und eine tüchtige, aber sehr theure Wärterin wegen der großen Kosten in der langen Dauer der Krankheit, wenn auch mit Bedauern, fortgeschickt worden, ivare» die Meinigen nur noch auf die Hilfe der freiwilligen Pflege angewiesen, und da war es zuerst eine katholische Schwester, die ihnen wieder ruhige Tage verschaffte, später zwei evangelische Diakonissinnen, die mich, als ich das Schlimmste zu übersteben hatte, mit hingehender Liebe und Geduld abwechselnd pflegten. Aber wie schwer hatte es gehalten, diese Pflegerinnen zu erlangen, denn zur gleichen Zeit forderte die Influenza mit ihrer gefährlichen Begleiterin, der Lungenentzündung, zahlreiche Opfer, und nicht der kleinste Theil aller Derer, die um Hilfe baten, konnte mit einer Zusage erfreut werden; so behielten wir auch diese treuen Pflegerinnen nur kurze Zeit, allein die Macht der Krankheit war nun endlich gebrochen, ich wurde in einigen Wochen gesund, zum Staunen der Aerzte, die mich als hoffnungslose Kranke für eine nnrettbare Todeskandidatin gehalten hatten. Als ich jetzt genas und mich des neugeschenkten Lebens und der wiederkehrenden Kräfte freute, konnten mir Eltern und Geschwister nicht genug ans Herz legen, lebenslang Denen, die uns so liebevoll in Angst und Schmerz beigestanden, dankbarzu bleiben; freilich hätte es dieser Mahnung nicht erst bedurft. Aber diese Reden hatten doch die Wirkung, in meiner Seele einen Wunsch lebhafter werden zu lassen, dessen mögliche Ausführung mich in gesunden Tagen schon seit lauge beschäftigt hatte, ohne daß ich einen bestimmten Entschluß zu seiner Verwirklichung fassen konnte, einen Gedanken, den meine Angehörigen, als ich ihn früher aussprach, lächelnd abgewehrt und dem sie jetzt oft Ausdruck gaben in den Worten: Warum giebt es nicht freiwillige, jüdische Krankcnpflcgerinnen, die ebenso wie christliche Frauen und Mädchen nach einer kurzen Ausbildung und einer Vo rbcreitungszeit im inneren Dienste eines Krankenhauses hingehn, wo mau ihre Hilfe braucht, um so unendlichen Segen zu verbreiten, wie diese „Schwestern"? Und diese Frage, deren mögliche Lösung mir als Rekonvaleszentin noch fern lag, einer Beantwortung durch die Oeffentlichkeit vorznlegen, ist der Zweck dieser Zeilen, allerdings nur die Frage, warum es bisher noch keine richtig organisirte, mit ihrer Thätigkeit unser Vaterland umfaffendc, durch gebildete Jüdinnen ausgeübte, freiwillige Krankenpflege giebt; daß sie geschaffen werden kann - und gern möchte ich hinzufügen, geschaffen werden muß, und wie dies geschehen könnte, werde ich am Schluffe dieser Ausführungen darlegen. Warum, so frage ich, wird in den sonst mustergiltig verwalteten jüdischen Hospitälern — ich habe hier das schlesische Beispiel vor Augen — die Krankenpflege durch Wärterinnen besorgt, welche von dem hier schon erwähnten Ideal einer Krankenpflegerin etwa so weit entfernt sind, wie ein Handiverkec von einem feinfühlenden, ausgebildeten Künstler, welche ihren Beruf zwar nach dem Verhältnis; ihrer Bildung ganz ehrlich erfüllen, deren innerer Antheil an der Sache jedoch bei jedem einzelnen Kranken erst wächst in Erwartung des zu erhoffenden Trinkgeldes oder anderer Geschenke. Und doch brauchen gerade die in den Hospitälern verpflegten Kranken die Umgebung gemüthvoller und gebildeter Personen, die der in der Familie verpflegte Kranke nicht entbehrt. In dem großen, jüdischen Krankenhanse meines Wohnortes ist seit etwa Jahresfrist eine Besserung dadurch eiugetretcn, daß eine Diakonissin zur Aufsicht über die Thätigkeit des Personals in der Abwartung der Kranken