Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1893)
- Date
- 1893-02-10
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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57. Jahrgang, ttr. 6. Berlin, lO.Miruar 1893. WeiLcrge zurr „Akkgemeinen Zeitung des Iuöenthurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. ■iV Berlin, 7. Januar. Am 6. d. Mts. hielt Professor Dr. H. Steinthal die zweite der Montagsvorlesungen zum Besten des Stipendienfonds der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums. Auch diesmal war der Saal von einem auserlesenen Publikum dicht gefüllt, das mit wahrer Andacht den tiefsinnigen und geistvollen Auseinandersetzungen des Sprachphilosophen über „Heiterkeit und Wehmurh" lauschte. Einen Steinthal'schen Vortrag in auszugsweisem Referat wiederzugeben, das erscheint fast wie ein Vergehen. Diese Borträge sind wahre Kunstwerke in ihrem Aufbau, in der Harmonie ihrer Ausführung. Wer je das Glück gehabt, einen solchen Vortrag zu hören, dem bleibt er in unvergänglicher Erinnerung. Als Steinthal gestern seinen Vortrag beendet hatte, da ging durch die Reihen der Zuhörer ein Hauch so weihevoller Stimmung, als wären sie allesammt im Gotteshause zu erhabener Andacht vereinigt, jener gehobenen Stimmung, die sich nach seinerpsychologisch tiefen Erklärung zusammensetzt aus „Heiterkeit und Wehmuth". * Berlin, 8. Februar. Wie die Frankfurter Blätter berichten, ist der Vorstand der israelitischen Gemeinde in Frankfurt a. M. auf seinen Antrag seitens des Polizei-Präsidiums ermächtigt worden, die gelegentlich der letzten Ausschußwahlen ins Auge gefaßte Ausdehnung des bisher auf preußische Staatsangehörige beschränkt gewesenen aktiven und passiven Wahlrechts auf alle daselbst wohnenden, die Kultussteuer entrichtenden Israeliten vorzunehmen. — Wir glauben, daß es recht und billig wäre, wenn der Vorstand der Berliner Gemeinde einen gleichen Antrag stellen werde. * Berlin, 7. Februar. Die Kriminalstatistik des kaiserlichen Statistischen Amtes, welche jahrgangsweise die wegen Verbrechen und Vergehen gegen Reichsgesetze Verurtheilten nach persönlichen, örtlichen und konfessionellen Gesichtspunkten Zusammenstellt, ist für 1890 soeben erschienen Der Religion nach waren 1890: a b Evangelische. 221,446 1038,8 Katholisch. 150,853 1238,1 Neberhaupt Christen. 372,644 1108,9 Juden. 3,546 867,4 Die Juden sind also an den kriminalistischen Verstößen mix mit 867,4 von 100,000 Köpfen am wenigsten betheiligt, um 171,4 weniger als evangelische, und um 370,7 weniger als katholische Christen. Die Legende von dem verbrecherischen Hang der Juden zerfällt damit, wie so manche andere, in Nichts. Bezüglich der örtlichen Vertheilung der Verbrechen wollen wir einen Berufsstand, den ärztlichen, auch nach den konfessionelleil Gesichtspunkten, herausgreifen. — Die Kriminalstatistik für 1890 zählt der Religion bezw. Konfession nach: evangelisch.42, katholisch.30, jüdisch.. 9, ohne Angabe der Religion und Konfession . . 2. Also auch hier bleiben die jüdischen Aerzte weit hinter ihren christlichen Kollegen zurück, obwohl man sonst so viel über die „Verjüdelung" des Aerztestandes schreit, und allerdings das Zahlenverhältniß der jüdischen und christlichen Aerzte zu einander ein prozentual höheres ist, als nach den Strafziffern erwartet werden sollte. ** Berlin, 6. Februar. Der „Akademische Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" begeht die Feier seines „Zehnten Stiftungsfestes" aln Montag den 20. Februar Abends 8V2 Uhr in dem Feffsaale der Berliner Ressource, Kommandantenstraße 57, durch einen Festkommers mit Prolog und Mimik. Aus Anlaß desselben Jubelfestes veranstaltet der „Verband alter Herren" des „Ak. Vereins für jüdische Geschichte lind Litteratur" Mittwoch den 22. Februar- Abends 8 Uhr in den Festräumen des Hotel „König von Portugal" ein Souper und Ball. — Bereits Sonntag Abend wird das Jubelfest durch den Empfang der auswärtigen „alten Herren" auf der Vereinskneipe eingeleitet. * Berlin, 6. Februar. Das Komitee für Chanukah-Bescheerung veröffentlicht folgenden Rechenschaftsbericht: Die Hochherzigkeit von 1419 Gebern hat es uns in diesem Jahre wieder ermöglicht, die vielen bedürftigen Kinder der Komnmnalschulen zu Chanukah ausreichend mit Kleidungsstücken und Lehrmitteln zu versehen, obwohl wir dies bei der Ungunst der Zeitverhältniffe kaum erwarten durften. Außer einergroßen Menge von Bekleidungsstoffen, fertigen Sachen, Büchern rc. ist uns die namhafte Summe von 16,984 Mark 50 Pfennig zugeflossen. Aber auch die Zahl der an uns herangetretenen Gesuche hat sich in diesem Jahre wiederum wesentlich vermehrt und die Höhe von 535 mit 1042 Kindern erreicht, von denen 1032 Kinder berücksichtigt worden sind, j während 10 abgewiesen werden mußten. Wie die Herren Revisoren I. E. Jsaac und Moritz Manheimer nach Prüfung der Abrechnung und Beläge festzustellen die Güte hatten, sind insgesaunnt baar eingegangen wie oben 16,984 Mark 50 Pfg., dagegen verausgabt 15,318 Mark 51 Pfg., so daß ein Kassenbestand verblieb von 1665 Mark 99 Pfg. Hiervon sind für Ausgaben pro 1893 reservirt 665 Mark 99 Pfg. und der Ueberschuß von 1000 Mark dem Reservefond über-! wiesen worden. Indem wir allen verehrlichen Gebern für die freundj lichen Zuwendungen herzlichst danken, glauben wir die Spenden in deren > Sinn verwendet zu haben und bitten auch fernerhin unsere Bestrebungen i gütigst fördern zu helfen. L2 Berlin, 5. Februar. Mit dem Gefühl aufrichtiger Freude lesen wir soeben den ersten Jahresbericht nebst Rechnungsabschluß der Jsraelitischen Volksküche (Berlin Klosterstr. 99). Wohl mögen andere jüdische Anstalten durch höhere Ziffern und umfassendere Veranstaltungen impouiren; aber kaum eine hat sich die Popularität erworben, - wie diese Schöpfung des Herrn Hermann Abraham; greift sie doch die aufdringlichste aller sozialen Fragen, die Magenfrage, an der Wurzel an. Der Bericht zeigt, wie selbst mit verhältnißmäßig geringen Mitteln Großes geleistet werden kann, wenn nur, wie in diesem Falle, viel Liebe und viel Arbeit hinzugethan wird. Durchdrungen von der Nothwendigkeit! einer israelitischen Volksküche in Berlin, entschloß sich der genannte Bei gründer der Anstalt, unter Zugrundelegung eines Kapitals von 6000 M.,! das zur inneren Einrichtung derselben und zur Beschaffung von I Materialien dienen sollte, selbstständig vorzugehen und rief, im Vertrauen! auf Gott und auf den Beistand guter Menschen, die Anstalt ins Leben, j Dieselbe wurde am 30. November 1891 eröffnet. Es zeigte sich sehr! bald, wie nothwendig die Einrichtung einer jüdischen Volksküche war. j Vom Tage der Eröffnung an strömten in der Mittag- und Abendzeit ganze Schaaren unbemittelter Leute herbei, um dort für wenige Pfennige eine kräftige Kost zu sich zu nehmen. Die Preise, zu den ungefähren Selbstkosten berechnet, sind namentlich infolge vortheilhafter Dispositionen derartig billig gestellt, daß Jedermann Mittags für IO Pf. und Abends für 6 Pf. sich sättigen kann. Die israelitische Volksküche ist in erster Reihe eine jüdische Wohlthätigkeitsanstalt, aber getreu den Grundsätzen unserer Religion, läßt sie selbstverständlich auch Andersgläubigen die Wohlthaten der Anstalt angedeihen und verwirklicht somit die in der jüdischen Gemeinschaft von jeher gepflegten Grundsätze allgemeiner Menschenliebe. Der zahlreiche Besuch auch nichtjüdischer Gäste wirkt gleichzeitig versöhnend auf die großen Massen, und die Saat, die hier ausgestreut wird, wird sicherlich einst gute Früchte tragen. Es sei erwähnt, daß die Ausgabe von Freikarten in umfassender Weise erfolgte. Es wurden solche an arme Studenten, an Lehrlinge und an arme Familien abgegeben. Nicht weniger als 65,175 Portionen wurden in dieser Weise unentgeltlich vertheilt. — Herzerhebend ist der Bericht über die freiwilligen Anerbietungen, welche der Anstalt zu Theil geworden sind. In erster Linie verdienen hier der Begründer und seine Gattin genannt zu werden.