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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-02-10 · Heft 6 (10.2.1893) · p. Seite 72

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 6 (10.2.1893)
Date
1893-02-10
Page
Seite 72 (sequence 14)
Language
German
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72 zurück — „Koloimeiiblücher" schwamm in einem Meer voll Wonne. Infanterie, Kavallerie und Artillerie drangen mit einem so freudigen und muthigen Angriff vor, daß der mächtige Gegner einen Moment stutzte und nun ansiiig, seine ganze Armee zu entfalten. — Selbst als jede Aussicht auf ein „Pvsitionhalten" geschwunden, unsere Flügel umsaßt waren, sprengte der Oberkommaudirende »ach dem bedrohten Punkte: „Kinder! das geht uns Alles nichts an, wir haben die Kerle nun endlich am Kragen und dürfen sie nicht los lassen!"-Aber jeder Mann sah mit klaren Augen, daß trotz des heldenmüthigcn Festhaltens das Berhältniß ein umgekehrtes war. Die zahlreichen Tobten und Verwundeten. das schrittweise erzwungene Rctiriren gaben das sicherste Zeugnis;, wer nicht losgelassen wurde, wen man am Kragen hatte. Unsere Lage wurde mit jeder Minute ernster, unsere Gefangennahme, unser Untergang schien gewiß. Zwar hielt der einzelne Mann noch krampfhaft an jeder Deckung fest, aber die Bataillone waren völlig auseinander gesprengt, ein einheitliches Kommando hatte aufgehörl, Jeder kommaudirte und kämpfte auf eigene Faust. Die Kolonne des Feindes formirte sich zu dem entscheidenden Vernichtungsstoß. Ter Haupttheil unserer Armee hatte sich glücklich zurückgezogen, nur unser Bataillon konnte weder zurück noch vorwärts, es saß in der Falle und kämpfte in purer Verzweiflung. Ans der ausgeschwärmten Schützenlinie unserer Kompagnie springt in diesem Moment ein Kamerad auf und dringt mit lautem Hurrah gegen den Angreifer. Die ganze Kompagnie fällt in diesen Berzweiflungsruf, als letztes Mittel, kräftig ein — der Rest des Bataillons hat sich freudig erhoben, die Tamboure schlagen ohne Kommando an. „Marsch, marsch, Hurrah!" erschallt es brüllend auf dem Kampfplatz — die rückwärts stehenden Bataillone hören den eletlrisirenden Ruf — sie antworten aus vollem Herzen und im Laufschritt kommen sie ihren tapferen Kameraden noch einmal zur Hilfe. Die Gewehrsalven knattern — einheitliche Kommandos erschallen wieder, der Feind bricht das Gefecht, wahrscheinlich aus einer uns unbekannt gebliebene» anderweitigen Beraulassung, ab; es wäre Unsinn, zu glauben, wir Hütten ihn geschlagen. Aber etwas Großes war geleistet — wir wurden nicht vernichtet und behaupteten den Kampfplatz, und dieses Alles war dem beherzten tollkühnen Kameraden G .... zu verdanken, denn nur durch seinen Heldenmuth war der sichere Untergang des Bataillons abgelvendet. Die Kompagnie war noch im Schnellfeuer begriffen, als „Kolonnenblücher" in furchtbarer Erregung in die Schützenlinie stürzte: „Wer hat hier zuerst Hurrah geschrieen?" Niemand antwortet — auch der bescheidene G. schweigt still. „Himmelschockschwerenoth — ich will wissen, wer hier zuerst Hurrah geschrieen?" Die Mannschaft, in der verzeihlichen Meinung, sie habe einen Fehler begangen and damit sei eine kolossale Strafe verknüpft, wird erst recht ängstlich und feuert noch immer in der Richtung nach dem Feinde ruhig weiter. — Als der Chef zum dritten Male mit einem kräftigen Fluch dieselbe Frage wiederholte, antwortet ein Musketier unter ganz anderer Voraussetzung: „Tat hed de Jud bahn!" Aber im selben Moment bemerkt er seine Täuschung: „Las; Dich umarmen, mein braver Sohn!" ruft der erfreute Major, und der sichtlich bewegte Musketier eiupsängt die ehrendsten Lobsprüche aller Dssiziere und später, bei feierlicher Parade, aus den Händen des Generals, die wohlverdiente Dekoration seines Königs. U Lrtterarische Mrtthellungen. — Die Schriften pro und contra in Sachen der sogenannten Judenfrage mehren sich auf unserem Redaktionstisch von Tag zu Tag. Es ist nur wenig darunter, was höhere Beachtung verdient. Vor Allem eine Broschüre: „Antisemitismus und Nächstenliebe" von Heinrich Fr ei Herrn v. Löhneysen. (Berlin 1893. Hermann Walther). Der Verfasser, der beim Prinzen Albrecht, Regenten von Braunschweig, den einflußreichen Posten eines General-Hof-Jntendanten (verantwortlichen Hausministers) und Ober-Hof-Marschalls bekleidete, war längere Zeit Mitglied der Braunschweigischen Landessynode, in der er der orthodoxen Partei angehörte. Er ist also ein strenggläubiger Christ — und ein solcher kann, wir haben das oft schon betont, kein Antisemit sein. In der That verdammt Herr v Löhneysen von seinem positiv-christlichen Standpunkte aus den Antisemitismus mit aller Entschiedenheit. Nach seiner Ueberzeugung stimmt dieser „ebensowenig mit den Lehren des Christenthums überein, wie er zum Heile unseres Volkes gereichen kann." Dieser Ueberzeugung giebt der Verfasser in seiner interessanten, klar und geistvoll geschriebenen Schrift beredten Ausdruck. Es ist ein wahrhaft frommes Gemüth, ein edler Geist und ein starker Charakter, die aus dieser Arbeit zu uns sprechen. Wir empfehlen dieselbe als einen Lichtstrahl in trüber Zeit allen unseren Lesern auf das Wärmste. — Wie ein merkwürdiges Pendant zu dieser Schrift erscheint der Vortrag eines ebenfalls streng orthodoxen Mannes über: „Das reine Menschenthum im Lichte des Judenthums." (Frankfurt a. M. 1893. I. Kauffmann). Nur daß dieser strenggläubige Autor ein Jude ist: Dr. M. Hirsch, Direktor an der orthodoxen Realschule in Frankfurt. Es ist die höchste und reinste Menschenliebe, die aus diesem Vortrag hervorleuchtet, die Menschenliebe, von der das Judenthum erfüllt und durchdrungen. Die merkwürdige Thatsache, daß von zwei so diametral entgegengesetzten Standpunkten dieselbe reinste Menschenliebe gelehrt wird, zeigt uns deutlich, daß diese von dem religiösen Bekenntnis von der Parteianschauung so gut wie unabhängig ist. Die Schrift von Hirsch ist geistreich und interessant. — Einen praktischen Standpunkt in der Frage der Abwehr vertreten zwei hier erschienene Schriften, von denen die erste bereits in den politischen Blättern viel besprochen wurde. Sie führt den Titel: „Wehrt Euch!" (Berlin 18<A3. S. Fischer) und ist ein Mahnwort an die Juden von F. Simon. Der beherzigenswerthen Schrift geht ein offener Brief von Frau Baronin Bertha v. Suttner voraus, dessen Lektüre ganz besonders interessant und wichtig ist. Die Schrift selbst enthält kräftige Mahnworte und eine Fülle guter und anregender Gedanken, die Abwehr der antisemitischen Angriffe betreffend. Wenn wir auch dem Verfasser nicht in allen seinen Ausführungen beistimmen können, das Wichtigste von dem, was er sagt, hat unsere volle Zustimmung, und wir wünschen, daß es überall gelesen und beherzigt werde. — Dasselbe gilt von der zweiten anonym erschienenen Schrift „Volks¬ und Salonjudeuthum" (Berlin 1893, H. Schildberger), wenn wir auch die Theilung des Verfassers nicht billigen können Was uns in dieser Schrift aber besonders anmuthet, das ist die Begeisterung für die jüdische Wissenschaft, von der der Autor auch eine Regeneration des Judenthums selbst erhofft. Das ist ja auch unser Sehnen und unsere Hoffnung für die Zukunft. s. Heft 5 des 37. Jahrganges der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums (Breslau, Schlesische Verlagsanstalt) hat folgenden Inhalt: A. Schwarz: Die erste halachische Controverse (Schluß.) — I. Theodor: Der Midrasch Bereschit rabba (Schluß des Artikels I.). — M. Gaster: Das Schiur Komah (Schluß). — M. Steinschneider: Miscellen. — M. Freudenthal: Die ersten Emanzipationsbestrebungen der Juden in Breslau (Forts.) — Notizen von S I. Haberstam. — Besprechungen und Anzeigen von D. Nosin. — Die Nr. 3 der „Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" (Expedition Magdeburgerstraße 13, Zeitungsliste 4173) hat folgenden Inhalt: Das neueste antisemitische Machwerk über Güterschlächterei in Hessen. Von Prof. Dr. E. Stengel. — Glossen zur Landtagsverhandlung vom 28 Januar. 1. — Zur Abwehr. — Aus dem antisemitischen Lager. — Ein französischer Nationalökonom über die Judenfrage. II. — Aus Rußland. — Briefkasten. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauch Witz in Berlin.

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