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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-02-10 · Heft 6 (10.2.1893) · p. Seite 71

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 6 (10.2.1893)
Date
1893-02-10
Page
Seite 71 (sequence 13)
Language
German
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-w- FEUILLETON Gedalza. Eine Dorfgeschichte von Elise Orszeszko. (Schluß.) In Gedaljas Gesicht war jetzt keine Spur Ntehr von Poesie; im Gegentheil; er war jetzt der verkörperte Hausirer. Für Tücher, die überall nur einen Gulden kosteten, verlangte er das Doppelte. Für drei Fingerhüte im Werthe von 10 Groschen, wollte er 20 haben. Er nannte Preise, die allgemeines Lachen hervorriefen. Keiner war von den hohen Preisen befriedigt; man handelte ohne Ende. Stefan I schrie, daß Gedalja unverschämt sei; Frau Korejba hörte man immer! die Worte wiederholen: „Fürchte Dich doch vor Gott, Jude, wie? kannst Du nur so viel verlangen?" Einer bat mit weicher Stimme,! ihm etwas von dem Preis abzulassen, der Andere fluchte lind warf! zornig die Waare auf den Boden. In dies Gewühl tönte plötzlich i Janecks Stimme hinein. „Hier, Gedalja, habt Ihr 4 Groschen, so viel, wie Ihr für den Ball verlangt." Sogar Tresor, der Hund, war von seinem Winkel heraus gekommen und hatte sich unter die Leute gemischt, >vo er sich ganz gemüthlich, ohne darauf zu achten, daß man ihn immer wieder wegjagte, mit den schmutzigen Pfoten auf die Waare hinlegen wollte. Auch Hedwigs Stimme war vernehmbar, sie wendete sich zu Tomkewitsch mit den Worten: „Bitte, Herr Tomkewitsch, kaufen Sie doch etivas bei dem armen Gedalja!" Das war für Hedwig eine besonders angenehme Rache; denn selbst die Vögel auf dem Dache zwitscherten von dem Geize des Simnaer Verwalters. Er schnellte empor, um die Bitte Hedwigs zu erfüllen, in die er bis über die Ohren verliebt war, näherte sich dem Inden und begann mit der Hand in den Waaren zu wühlen. Er that das mit solcher Herablassung und Würde, daß man hätte glauben können, er wolle den ganzen Kran« des Juden kaufen. Zu Aller Belustigung aber wählte er schließlich nur ein paar Messingknöpfe für einen Gulden, bezahlte diese mit noch größerer Würde und kehrte auf seinen Platz zurück. „Aufgeblasener Narr," sagte leise Hedwig. „Ein abscheulicher Mensch," antwortete ihr ebenfalls leise Janeck. „Nie, so lange ich lebe, soll er Dein Mann werden." — Finstere Nacht breitete ihre Schwingen über die Erde aus und nur hie und da blitzte ein Sternlcin hervor, als Gedalja Korejbas Hof verließ. Die Luft war warm, unzählige Insekten summten im! Grase, Grillen und Ameisen hüpften und tanzten um die Wette. > Auf dem birkenbepflanzten Wege war es sehr dunkel und es wehte I ein sanfter, erfrischender Wind. Dicht an der Scheune standen die! langhülsigen Pappeln; ihnen näherte sich der Jude, legte dort den! Sack ab und begann eifrig seine heutige Einnahme zu zählen. Er i hatte nicht wenig verkauft, mehr als einen Rubel verdient, und nun! war er darüber so glücklich! .... Die Luft mar zwar milde, ihn! durchrieselte es aber doch kalt. Den ganzen Tag hatte er fast nichts! gegeffen und so spürte er jetzt großen Hunger. „Das schadet aber nichts," meinte er, „morgen wird er sich in! der Sonne wärmen, und beim Simnaer Schankwirth etwas essen." — Er hörte nun auf zu rechnen, blickte die Sterne an, hob die Hände gen Himinel und verrichtete sein stilles Gebet; nachher legte er sich! auf die Erde, um auszuruhen. Den Kopf legte er auf den harten! Sack und seine Hände sanken ins nasse Gras.! In der Ferne vernahm man Stefans Pfeife, der wieder das Eigenthum seines Vaters hütete, zwischen den Birken vernahm man den Trab eines Pferdes; es war Tomkewitsch, der nach Hause ritt. Ruhe herrschte in der ganzen Gegend, der Hof lind seine Einwohner schliefen, nur in der Ferne hörte man den lustigen Ton der Hirtcnschalmei. Gedalja schlief nicht; er dachte wieder au seinen heutiger! Erfolg, und vielleicht stellte ihm seine Phantasie auch die Menschcnengel dar, wie sie die Himmelsleiter herauf nnd herunter ziehen, um Glück und Liebe der Erde zu spenden, ans daß jeder Kunnncr, alles Leid und Weh aus der Menschheit verschwinden. U ,Aat het de Iud' -ahn".'' Episode aus dem Kriege von 1870/71. Von S. Steiuberg. Gegen Ende des glorreichen Feldzuges herrschte in der deutschen Feldarmee ein seltenes, zu keinen früheren Zeiten bemerkbar gewordenes Gefühl. Sie war siegesmüde geworden. Nur die im letzten Akt des welterschütternden Dramas zum Kampfplatz geeilten Ersatztruppen sehnten sich naturgemäß noch nach ruhmvoller Betheiligung, allein unsere Heeresleitung gestattete den einzelnen Trnppenkörpern nur in zwingenden Fällen den Angriff. So halte auch unser aus den verschiedensten Waffengattungen gebildetes Detachement nur die Aufgabe, mit dem Feind in Fühlung zu bleiben, ohne sich ernstlich zu engagiren. Unser, eben aus der Heimath eingetrvffenec Kommandeur, ein ergrauter prachtvoller Landwehr-Major, der sich durch sein schneidiges Wesen bald den Titel „Kolonnenblücher" erworben hatte, fühlte sich unter der Verantwortlichkeit des erwähnten Befehls ungemein gedrückt. Alan konnte es dem alten Svldatengesicht leicht ansehen, daß ihm das Schonen des Feindes nicht behagte, daß er zum Karnpfplatz geeilt, um den Degen zu ziehen, Lorbeeren zu ernten, kurz, daß die moderntaktische Aufgabe: den Feind zu täuschen, gar nicht sein Fahrwasser war, und daß er am liebsten mit seinen 4000 Mann die ganze Armee des Gegners angegriffen hätte. Diesen aus alter Schule stammenden Impuls theilte natürlich auch seine, aus Landwehr bestehende Mannschaft. Deshalb hatten sie nicht Frau und Kind, Haus und Hof verlassen, um hier „militärischen Ulk" zu treiben, sie wollten etwas zu hauen haben. Die Linien-Offiziere unseres Observations-Korps hatten diese Gefühlsregung längst bemerkt und schienen schon das Kommende zu ahnen. Wenigstens äußerte eines Tages unser Hanptmann v. E. zu dem ihn besuchenden Batteriechef M.: „Es soll uns gar nicht wundern, wenn unser „Kolonnenblücher" nächstens eine Ueberraschung liefert, er reitet täglich zu'den Feldwache», und die Mannschaft macht nur widerwillig die befohlene Rückwärtsbcwegung." „Aber, der Befehl? Unsere Handvoll gegen die Macht des Feindes! Nein, Herr Kamerad, ich halt» für unmöglich!" „Und ich sage Ihnen, solche Naturen scheeren sich den Teufel um Bedenken; der Alte will die Landwehr zu neuen Ehren führen nnd, unter uns gesagt, hätte selbst Vergnügen daran." „Na meinetwegen auch, die sümmtliche Korps-Artillerie, sage vier Geschütze, soll bei dem Spaß nicht fehlen." Der „Spaß" ging denn auch eines schönen Morgens richtig los. Unsere Feldwachen wurden angegriffen; man zog sich fechtend auf das Sontien zurück, und mit Hurrah kam »ns das Gros zu Hilfe. Ein regelrechtes Treffen war im schönsten Gange, kein Mensch wollte h Nachdruck verboten.

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