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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-02-10 · Heft 6 (10.2.1893) · p. Seite 69

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 6 (10.2.1893)
Date
1893-02-10
Page
Seite 69 (sequence 11)
Language
German
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69 Schema. In der zweiten: wir beten. In der dritten: wir frühstücke». In der vierten: wir loben Gott, der uns die Speise gegeben hat. In der fünften gehen sie aus. In der sechsten kommen sie zurück. In der siebenten gehen ihre Frauen ihnen entgegen und rufen ihnen zu: „Das Mittagsmahl ist fertig." Noch beredter ist der Meturgeman, wenn er tragische Situationen schildert. Mit wenigen, aber markigen Worten führt er dem Hörer den Schmerz und den Jammer eines ganzen Volkes vor die Seele, indem er Mardechei folgende Rede vor dem versammelten Israel halten läßt: Volk Israel! Geliebt und theuer seinem Vater im Himmel! Ihr wußtet nicht und hörtet nicht, was geschah. Haman sprach das Urtyeil über uns aus, uns von der Erde zu vertilgen. Wir haben keinen König, der uns stütze, keinen Propheten, der für uns bete, keinen Ort, wohin wir fliehen, keine j Provinz, wo wir Rettung finden. Wir sind wie eine Heerde ohne! Hirten, wie ein Schiff ohne Ruder, wir gleichen Waisen, die vaterlos,; Unmündige», deren Mutter starb, als sie noch Säuglinge waren, u. s. w. I Noch ergreifender wirkt der Meturgeman, wenn er den Ton des j Gebets anschlägt, das der Redner der Esther in den Mund legt: Du bist der große Gott Abrahams, Jsaks und Jakobs! Ter Gott Benjamins, ineines Vaters! Nicht zu meiner Ehre erscheine ich vor ‘ dem König, sondern wegen Deines Volkes. Denn wird Israel von der Welt vertilgt, wer ruft dann drei Mal täglich: Heilig, Heilig, Heilig? Erhörer der Gebete, vernimm mein Flehen u. s. w. In Trauerkleidern gehüllt stehen Abrahams Nachkommen, Asche ist gestreut auf ihren Häuptern, das mordende Schwert schwebt gezückt über ihnen. Sündigten die Väter, was verbrachen die Kinder? Fehlten die Mütter, was thaten die Säuglinge an der Mutterbrust? Sage an, was verbrachen diese Schuldlosen vor dir? Jerusalems todte Bewohner steigen aus ihren Grüften, verlassen ihre letzte Ruhestätte, da du ihre Kinder dem Verderben preis geben willst. Ja, du läßt uns hinschivinden gleich der zerrinnenden Wolke am Himmel, wenig frohe Tage hast du deinen» Volke beschieden! Aber auch erhebende Töne läßt der alte Meturgenwn erklingen, j wenn er freundlichere Situationen schildert, um die Gemüther seiner Hörer aufzurichten, deren Widerhall in dem z»veiten Targuin zum Buche Esther zu vernehmen ist. U Aus dem Nachlasse A. Bernsteins. m. Mit dem folgenden Schreiben, das sicher eines der schönsten : und liebenswürdigsten ist, die je aus Allerbachs Feder geflossen, schließen die Briefe des Dichters ab: Schandau, 10. Mai 1859. Tagtäglich sprechen Sie zu mir, lieber Bernstein, und ich freue mich Ihrer Gedanken und Ihrer Worte, ja Ihrer Stimme, denn Sie schreiben, daß man Sie sprechen hört, und das ist das beste Schreiben. Ich bin wahrhaft gelabt von der Art, wie Sie so durchsichtig mit gesundem Menschenverstand all das diplomatische Gewirr beleuchten. Es ist ja 1 Einem dabei oft wie auf weiten Ebenen, wo hundert Wagengeleise durch! einander laufen und man vor lauter Wagen keinen Weg mehr findet. Ich habe hier endlich errungen, was ich seit Jahren mir ersehnte; ich bin seit Ende März mir meiner ganzen Fanlilie hier auf dem Lande und bleibe bis zum Herbst. Das wäre nun einmal geeignet, um sich still in sich aus sich selbst zu besinnen und zuzusehen, was noch über der Mittagshöhe des Lebens zu thun sei; und null beunruhigt mir das Kriegsgewirre die Seele und läßt mich immer hinaussehen, was draußen in der Welt vorgeht, und doch ist der Einzelne, nicht politisch Berufene, in diesen! erst sich zusammenballenden Chaos eine mitschwimmende Monade. Ich habe im Jahre 48 an mir die Erfahrung gemacht, daß mir zur politischen Aktion, ja nur zur Ueberschau eigentlich der politische Kalkül fehlt, ich glaube, ein guter Bürger zu sein, aber mehr llicht. Nun thut mir's wohl, mich täglich mit Jhnell und durch Sie verständigen zu können. Ich erhalte um 12 Uhr Ihre Zeitung und so wissen Sie nun, wenn wir beisammen sind. Dieser Brief soll aber Mahnung und Aufforderung sein, daß wir wieder einmal leibhaftig beisammen seien. Wenn Sie sich einmal ein paar Tage umschauen können, werden Sie sich hier wohlfühlen. Mir thut es leid um jeden Baum, der verblüht und den ich nicht meinen Freunden zeigen konnte. Aber auch int heißen Sommer wird es schön sein. Schreiben Sie mir nur zwei Worte vorher, wann Sie kommen. Grüßen Sie von Herzen unser Freundespaar Otto und Elisabeth Lewald und ebenso auch Ihre Tochter. Ich habe meiner Frau auch jetzt oft ans Ihren naturwissenschaftlichen Büchern vorgelesen und stückweise auch meinen Kindern, sie haben jetzt ein volles Naturleben, und jeder Thautropfen einer frischen Anschauung, der ihnen in die Seele fällt, thut mir wohl wie ein Segen. Vor meinem Fenster habe ich ein Finkennest. Wenn Sie es nur auch sehen könnten, bevor die Brut aussliegt. Einstweilen fröhlichen Maiengruß von Ihrem Berthold Auerbach. Es folgt nun ein interessanter Brief von Moritz Beit, über den wir den Lesern dieses Blattes wohl nichts Näheres zu sagen brauchen, der den Eindruck schildert, den „Vögele der Maggid" auf ihn hervorgebracht: Berlin, 4. August 57. Verehrter Herr! Mir thut nur leid, daß ich Ihnen nicht über den ersten Eindruck schreiben konnte, den Vögele auf mich.hervorgebracht hat, als ich laut auflachen mußte, so daß ich mich im Zinnner umsah und mir herzlich die hellen Thränen über die Backen rollten. Aber jetzt, wie damals, ist mir das große Verdienst klar, das Sie sich durch Ihre Erzählung erworben haben, in der es Ihnen gelungen ist, das Leben abzubilden mit jener poetischen Wahrheit, die allein den Namen verdient. Ich habe oft die Beobachtung gemacht, daß die wirklichen Dinge, in einer Camera obscura aufgefangen, einen Schein von Idealität haben, der ihnen in der Wirklichkeit abgeht. Die Verkleinerung des Gegenstandes, die Projektion des Körperlichen auf die Fläche, die Zierlichkeit der Einrahmung, die aus dem bunten Leben da draußen ein Stück gruppenartig hervorhebt — alle diese Umstände tragen dazu bei, den Schein des Genrebildes hervorzurufen. Etwas Aehnliches und doch so unendlich Verschiedenes geht vor, wenn das Objekt der Darstellung durch das Dichterauge hindurchgeht. Durch die Oberfläche der Dinge sieht es in den innersten Seeleukern derselben hinein, aus dem die Menschen und die Zustände herauswachsen. Durch eine unwillkürliche Operation des dichterisch erregten Geistes, der ein äußerlich und innerlich Erlebtes aus sich reproduzirt, wird das Zufällige, das Störende wie von selber ausgeschieden, und was übrig bleibt, ist eben nicht „die gemeine Deutlichkeit der Dinge", sondern die Wirklichkeit in ihrer wahren Form, was wahr ist in der Wirklichkeit und was wirklich ist an der Wahrheit. So, meine ich, haben auch Sie gearbeitet und Sie dürfen die Einen immerhin sagen lassen, daß Ihre Auffassung eine zu ideale, und die Andern, daß sie allzu stofflich und realistisch sei. Ihre Gestalten leben ihr eignes Leben und können für sich selbst entstehen. Besonders wohlthuend war mir der jüdische Geist, in dem Alles, bis in das kleinste Detail hinein, gehalten ist. Sie haben eine Rechtfertigung der jüdischen Weltanschauung in ihren beschränktesten, wohl gar häßlichsten Erscheinungsformen gegeben, die Ihnen nicht genug gedankt werden kann. Wenn aus der Grundlage der jüdisch-deutschen Frauen-Litteratur ein so geistvolles, anmuthiges, tiefsinniges, Welt und Leben, so weit es davon berührt wird, beherrschendes Naturell sich ausbilden kann, wie Vögele, und wenn die Eingewöhnung in diese ideale Welt religiöser Anschauungen, die von den Blitzen poetischer und philosophischer .Kombinationen wunderbar und wunderlich beleuchtet wird, die Unbefangenheit und Stille einer kerngesunden Mädchenseele, wie Goldcks, so wenig aus den Angeln hebt, ja, mit einem eignen Zauber umgiebt, so muß selbst in diesen Ausläufern der jüdischen Litteratnr ein Kern stecken, der werth ist, gekannt und gewürdigt zu werden, ein Kern, der von allen Stoffen, denen die Seele zu ihrer Wohnung bedarf, so viel enthält, um volle, wahre, sittliche und denkende Menschen zu bilden. Ich versage es mir, Ihnen in Ihren Erfindungen nachzugehen und Ihnen zu zeigen, wie tief mich sowohl der Ernst als der Humor derselben gepackt hat. Nur für die geniale Tachlis-Drasche meines Lieblings

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