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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-02-10 · Heft 6 (10.2.1893) · p. Seite 68

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 6 (10.2.1893)
Date
1893-02-10
Page
Seite 68 (sequence 10)
Language
German
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68 | :!: Das zweite Targum weicht in halachischen Bestimmungen in manche» Punkten Nom babylonischen Talmud ab. Nach dem Erstem zerreißt in den veranstalteten Trauer-Kundgebungen Mardechai (entsprechend dem Texte des Esther-Buches) seine Kleider, hüllt sich in einen Sack und streut Asche auf sein Haupt. Der Talmud schreibt, bei allgemeinen Trauerkundgebungen war Asche auch auf die Bnndeslade zu legen (Taanit 15). Im Targum wird die Thorarolle zu dem Throne Susas gebracht. Nach dem Talmud wird die Lade in die Gassen der Stadt gesührt. Nach dem Targum las man einen Abschnitt ans dem vierten Buche Mosis 4, 30. Nach dem Talmud wurde keine Lektion ans dem Pentateuch vorgenommen. Das Targum würde aber, wenn es die abschließende halachische Norm des Talmud gekannt hätte, unmöglich sich eine Abweichung erlaubt haben. Durch die Priorität der zweiten Paraphrase erscheint aber die halachische Verschiedenheit erklärlich. Der Sprachcharakter des Targum scheni ist der der syrischen Bibelübersetzung, Peschito genannt, so daß es, abgesehen von dem Setzen des Jod statt Nun für die dritte Person fnturi mit derselben nicht nur in den meisten Ausdrücken, sondern in ganzen Sätzen übereinstimmt. Die Peschito gehört aber dem zweiten Jahrhundert an; sie ist nach Rappoport ursprünglich ein jüdisches Targum wie die anderen Targnmim gewesen. Geiger sagt von ihr in seinen nachgelassenen Schriften (Band 4, Seite 90): Von einem Heiden ist sie ihrer Grundlage nach verfaßt. ES ist so viel Halachisches und Hagadisches in ihr enthalten, so viele Verwandtschaft mit den Targnmim, daß sie von einein Nichtchristen nicht herrühren kann. Voii dem agadischen Inhalt des Targum scheni meint Salomon Buber in seiner Edition des Midrasch Abba Gorion, daß er den Abba Gorion benützt habe. Auch ans den bereits erwähnten Anführungen bei Rasch! und Tossafot könnte man meinen, dasselbe habe aus Midraschim geschöpft. Dieser Annahme gegenüber ist auf den Sprachcharakter der zweiten Paraphrase, welche ein höheres Alter voraussetzt, hinznweisen. Auch ist zu erwägen, daß ein Targum nicht ans Midraschim schöpfen könnte, weil dieselben nicht niedergeschrieben werden durften. Auch bedeuten die Aeußerungen Raschis und Tossafot nicht, daß das Targum nach Schriftwerken, welche Midrasch oder Agada zum Buche Esther hießen, verfaßt wurde, sondern daß die daselbst mitgethcilte Begebenheit eine midraschische, d. h. keine willkürlich erfundene ist. Sowie Jviiathaii und Onkelos nicht aus Midraschim geschöpft haben, sondern Midraschim und Targumim der im Umlaufe sich befindenden agadischen Stoffe mit ausgedehnter Freiheit sich bedienten, so entnahm das Targum scheni seine Mittheilungen keinen andern Schriften, sondern tradirte dieselben, wie sie durch die mündliche Ucberlieferung bekannt waren. Das zweite Targum war ursprünglich seiner ganzen Anlage nach viel umfangreicher, als dasjenige ist, was wir jetzt unter diesem Namen besitzen. Viele Agadot und Verse finb ihm verloren gegangen. Es lvar, als das Aramäische in Palästina vorherrschend war, seinen noch faßbaren Umrissen nach das großartigste Werk seiner Art, welches den Stoff des Estherbuches in interpreirender, eregetischer und agadischer Richtung verarbeitete und wahrscheinlich den Namen Targum Rabbah, das große Targum zum Buche Esther, führte. Diese Mnthmaßung erscheint dadurch wahrscheinlich, daß es in dem Konnnentar „Menat Halevi" von Salomon Alkabez (1529) zehn Mal unter dem Namen Targum Rabbah citirt wird. Im Verlauf der Zeit verlor das Aramäische in Palästina immer mehr an Boden. Griechische Sprache und Sitte kamen einerseits in ^Aufnahme. Andererseits erstarkte wieder das Hebräische im Volke, was die klassischen Werke Mischnah, Tossafot, Sifra, Sifre und Mechilta bewirkt haben mochten. R. Jehnda Hanassi stellt den Grnndsatz auf: Im Lande Israels ist das Syrische überflüssig; hier soll entweder das Griechische oder die heilige Sprache in Anwendung kommen. (Baba Bathra 82). Die Megilla wurde nicht mehr in aramäischer, sondern in hebräischer Sprache vorgetragen. Das große Targum gerieth, weil es überflüssig wurde, allmälig in seinem Stammlande in Vergessenheit, zersplitterte sich in kleine Theile, welche ihren Weg nach allen Windrichtungen nahmen. Theile derselben mögen auch nach Babylonien, wo das Aramäische bei den dortigen Juden noch in Blüthe stand, gekommen sein, wo sie eine Umarbeitung erfuhren, mit ostaramäischen Worten versetzt, und den Grundstock des sogenannten ersten Targum bildeten. Wie Elia Levita in seiner Einleitung zum „Metnrgeman" berichtet, waren die außerpentateuchische» Targnmim (vor der Erfindung der Buchdruckerkunst) sehr selten und selbst den Gelehrten nicht zugänglich. Das ehemalige große Targum erhielt, als es wieder in Aufnahme kam, in seinem verkümmerten Zustande den Namen Targum scheni, d. h. das zweite Targum zum Buche Esther. Von den Urbestandtheilen des Targum Rabbah haben sich nur drei Stücke unverkümmert erhalten, die ain Anfänge des Targum scheni stehen: die Verherrlichung des Königs Salomon, die Schilderung des Salomonischen Thrones, die Erzählung von der Begegnung der Königin von Saba mit Salomon. Während die zwei elfteren sich bruchstückweise auch in anderen rabbinischen Schriften finden, ist die letztere in keinem Buche der rabbinischen Litteratur vorhanden. Blos drei Räthsel der Königin von Saba waren im Midrasch zu den Sprüchen erwähnt. Besonders ist von der Episode vom „Tarnegol Bern" keine Spur anzutreffen. Hingegen findet sich die ganze Schilderung in der siebennndzwanzigsten Sure des Koran. Diese Sage hat Mohammed ihres ehrwürdigen Alters wegen in sein Religionsbuch ausgenommen, wie er auch mit andern jüdischen Erzählungen verfuhr. In dem Targrim scheni finden sich Stücke, deren Verse einer alphabetischen Ordnung folgen (1. 12. 5. 1. 14). Dieses zeigt aber nicht auf eine spätere Zeit hin, da doch schon Psalmen ebenso abgefaßt wurden. In dem Buche finden sich Schilderungen von poetischer Schönheit. So z. B. die Antwort Mardechais, die er den Dienern des Königs giebt (3., 3.), und das Lob, welches dem Benajah ertheilt wird: Er erschien wie das Roth, das am Morgen hervorbricht Er erschien wie der Abendstern, der zwischen den Himnielslenchien schimmert. Er erschien wie eine Rose, die am Bachesnfer blüht. Eines der wichtigsten Momente des zweiten Targum ist das der Beredsamkeit. Wir besitze» nämlich iu demselben Ueberreste der alten Meturgemanim - Reden. Dieselben bekunden eine Meisterschaft, welche hinter den edelsten Meistern der Weltliiteratnr nicht zurückbleibt. Der alte Metnrgeman versetzt sich in die Lage, in die Gemüthsstimmung der Person, die er redend einführt, und schildert sie mit psychologischer Tiefe und Feinheit. Da er den Haman vor dem Großkönig erscheinen läßt, schlügt er einen satirischen Ton an, indem er ihn folgende Ansprache halten läßt: Es lebt ein Volk, genannt Jehudim, zerstreut unter allen Völkern. Sie sind stolz und hochmüthig, suchen am Sabbath warme Bäder auf und sitzen im Sommer in kühlenden Grotten. Sie unterscheiden sich in ihrer Lebensweise von allen Völkern. Will man Einen von ihnen zum Dienste des Königs verhalten, so sagt er, heute ist Sabbath, heute ist Passah. Wolle» sie von uns kaufen, so sagen sie, heute darf man Geschäfte machen; wollen wir Einkäufe machen, so sagen sie, heute ist verboten, Geschäfte zu machen. Verlangt man von ihnen, daß sie die schuldige Arbeit verrichten, so haben sie Ausreden. In der ersten Stunde sagen sie: wir lesen das

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