Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1893)
- Date
- 1893-02-10
- Page
- Seite 67 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Besonders waren es die in einem komplizirten Stile abgefaßten Schriften, in welchen althebräische Wörter und Redeweisen Vorkommen, welche kein volles Versiändniß fanden. Abgesehen von schwierigen Pentateuchstellen mußten in allererster Reihe diejenigen Bibelstellen übersetzt werden, die durch Dunkelheit des Sinnes und archaistischen Sprachcharakter sich auszeichne». Die erste aramäische Uebersetzung einer echt pentateuchischen biblischen Schrift, die zur Zeit des Bestehens des zweiten Tempels namhaft gemacht wird, ist das Buch Hiob. Im Traktat Sopherim 15 heißt es: Es wird von Rabban Gamaliel erzählt, daß er auf einem Gebäude am Tenipelberge stand, da brachte man ihm das Buch Hiob, in einer Uebersetzung geschrieben, und er versteckte es unter einem Baum. Auch den Uebersetzungen einiger Stellen autz den Propheten wird in jener Zeit Erwähnung gethan. Eine vollständige Uebersetzung der Propheten ist die erste größere aramäische Paraphrase der biblischen Litteratnr. Man) ist allgemein der Meinung, daß die Uebertragnng der fünf Bücher Moses der Reihenfolge wegen die erste war. Aber dem ist nicht so. Die Uebertragung der Propheten ist älter als das Targnm zum Pentateuch. Schon die ganze geistige Entwickelung jener Zeit zeugt für die Priorität derselben. Denn wenn das Aramäische dem Hebräischen auch den Rang abgelaufen hatte, so hat es dasselbe nicht vollständig verdrängt, derart, daß es etwa im Mntterlande des Hebraismus verschwunden oder blos von den Schriftgelehrten verstanden worden wäre. Das Volk in seiner großen Mehrheit redete ein Idiom, welches ein Gemisch von Hebräisch und Aramäisch war. Rur das Verständniß der poetischen Termini war ihm abhanden gekommen. Der Pentateuch ist aber in sehr einfacher Weise geschrieben, welche sehr leicht verstanden werden konnte, es bedurfte in jener Zeit noch keiner Uebersetzung. Rur die Satzungen erheischten eine Erläuterung. Auch wird das Prophetentargnm ausdrücklich einem älteren Autor als dem des Pentateuch beigelegt. Im Traktat Megillah 3 heißt es: Das Targum zur Thora hat der Proselyt Oukelos nach der Auslegung des R. Eleasar und des R. Josua, das Targnm der Propheten hingegen Jonatan b. Usiel nach der Auslegung der Propheten Ehagai, Sacharja und Maleachi verfertigt. Jonathan gebraucht umschreibende Ausdrücke, wenn er von Gott redet. Er hat aber nicht, wie man meinen könnte, von Onkclos gcnoiumeu, sondern umgekehrt, Oukelos hat sie ihm entlehnt. Die Bezeichnungen, wie Memra, Schechinta, waren eher in der prophetischen Rede, wo Gott größtentheils sprechend erscheint, nothwendig geworden. Im Talmud wird beiden Paraphrasen, welche mehrmals citirt werden, gleiche Autorität beigemessen. Obwohl durch das allmähliche Fortschreitcn des Aramäismus in Palästina aramäische Uebersetzungen wünschenswerth erschienen, kam man von maßgebender Seite denselben mit wenig Begeisterung entgegen. Ja, man nahm sie sogar mit Mißtrauen auf. Denn da sic keine wörtliche, sondern sinndarstellende waren, so wurden in sie von den Paraphrasten Ueberlieferuugen, Schrifterklürungen und Legenden hineingewebt, welche man nicht schriftlich sixiren durste. Die Uebersetzer machten aber von ihnen für ihren Privatgebrauch Abschriften, was die Mißbilligung der Gelehrlen erfuhr. So heißt es im jerusalemischen Traktat Megillah C. 4: R. Samuel ben Jsak sah einen Schriftgelehrtcn, der eine Uebersetzung aus einem Bibelbuche hervorzog, und er sprach zu ihm: „Es ist verboten, denn Mündliches darf nur mündlich, und Schriftliches nur schriftlich vorgetragen werden." Andererseits war eine wörtliche Uebersetzung der Schrift geradezu verpönt. Man stellte den Grundsatz auf: Wer einen Vers wortgetreu übersetzt, der ist ein Fälscher (Tossifta zum Traktat Megillah gegen Ende). Man suchte das Aramäische so weit als möglich zu keiner domi- »irenden Stellung im öffentlichen Kultus gelangen zu lassen. Obwohl der Grundsatz galt: „Das Gebet darf in jeder Sprache verrichtet werden", wurden doch alle Gebete der ecdesia magna in hebräischer Sprache verfaßt. Und auch für die Privataudacht wird der wohlmeinende Rath ertheilt: „Der Mensch soll nicht sein Anliegen dem Himmel in aramäischer Sprache Vorbringen, denn die dienstthneiidcii Engel sind ihm nicht gewogen." Selbst das Targnm Oukelos, welches seitens der Schriftgelehrten eines ungewöhnlichen Vorzugs sich erfreute, wurde gegenüber dem Urtexte nur geduldet, und es wird bei dessen Benutzung eingeschärft, dasselbe einmal und den Urtext zweimal zu lesen. Trotz dieser Bemühungen, dem Aramäischen den Weg zum Volke zu versperren, konnte man dessen Ausbreitung nicht verhindern, so daß sogar die leichtgeschriebenen fünf Rollen in dasselbe übertragen wurden. Hinsichtlich der Frage, ob die Targumim schriftlich oder mündlich cirkulirten, stehen sich zwei Ansichten hervorragender Autoritäten gegenüber. Asarja de Rosst ist der Meinung, daß sie niedergeschricben waren. (Mear Enajim <1 57). Samuel David Luzatto sucht Beweise zu erbringen, daß sie nur mündlich tradirt wurden. (Philoxenus S. 89). Diese Frage ist aber hinsichtlich der Uebersetzung des Buches Esther irrelevant. Das Buch unterliegt zwar allen Observanzen der heiligen Schriften, allein in Betreff des Verbotes, eine Uebertragung deffelben niederzuschreiben, wurde für dasselbe eine Ausnahme statuirt. Denjenigen, welche der hebräischen Sprache unkundig waren, wurde ausdrücklich gestattet, die fünfte Rolle in ihrer Sprache vorzulesen (Megillah 17). Hier sind wir bei unserem Thema, bei der zweiten Uebersetzung des Buches Esther, wieder angelangt. Dieselbe hat ein eigenthümlichcs Gepräge, und unterscheidet sich von allen anderen Paraphrasen der Bibel. Wohl haben auch Jonathan und die anderen vier Megilot und das erste Targum agadische Bestaudtheile. Allein in so stupcndcr Art ist in keiner Paraphrase das agadische Element enthalten, so daß sie wie ein Midrasch in aramäischer Sprache erscheinen könnte, wenn nicht ihre Uebersetzungsart und ihr ganzer Charakter sie mtt Rothwendigkeit zu einem Targum par excellence stempelten. Und in der That fehlte es nicht an älteren Autoren, die das Targum schein als einen Midrasch anzusehen schienen. Raschi citirt es in seinem Kommentar zum ersten Buche der Könige C. 10, 19 unter dem Titel Agaddt der Rolle Esther. Tossefot Megillah 13 führen es als Midrasch an. Allein bei genauerer Betrachtung ist es ersichtlich, daß die Behauptung, Raschi und Toffephot haben die zweite Paraphrase für einen Midrasch oder eine Agada gehalten, nicht stichhaltig ist. Was das Alter derselben betrifft, so scheint Zunz sie, da er sie hinsichtlich des Vaterlandes der Epoche und der Tendenz, der Kategorie des jerusalemischen Targuni zur Bibel zutheilt, der zweiten Hälfte des siebente» Jahrhunderts zuzuweisen. (Gottesdienstliche Vorträge S. 05,79, 121.) Aber ihrer ganzen Anlage nach, insbesondere was den Sprachcharakter anbelangt, gehört sie einer viel früheren Zeit an. nämlich dem Anfang des vierten Jahrhunderts. Schon im Traktat Sopherim 13, 6 wird sie wörtlich citirt. Die daselbst angeführte Genealogie Hamans ist die unserer Paraphrase. m