Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1893)
- Date
- 1893-02-10
- Page
- Seite 65 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Dagegen erhob die Bauerngemeinde in dem benachbarten Dorfe Knrmanow entschiedenen Einspruch und deren Vertreter legte auf den Tisch der „hohen" Versammlung den einstimmig gefaßten Beschluß seiner Wähler nieder, worin die Landeskammer „unterthänigst" gebeten wird, dem Dorfe Kurmanow einen besonderen Markttag für den Montag bewilligen zu wollen, was sie in dem Falle als uothwendig erachten müßten, wenn in Korownizy der Markt am Samstag abgehalten werden sollte. Die in früheren Jahren diesbezüglich gemachten Erfahrungen Hütten bewiesen, wie sehr die Abhaltung des Marktes an den Sonnabenden der übergroßen Mehrzahl der Bevölkerung zum entschiedenen Nachtheile gereicht und mir die „Kulaki" — die Dorfwucherer aus der Mitte der Bauern — ihren Vortheil j davon zöge», indem sie, die Abwesenheit der Jude» benutzend, die Preise bis zur äußersten Grenze herunterdrückteu und die Bauern nöthigten, ihre Produkte für ein Spottgeld zu verschleudern. Die „Kulaki" hätten einen Ring gebildet, gegen welchen der Einzelbauer nicht nur, sondern auch die „Mir" — die Bauerngemeinde — ohnmächtig sei. Ein Dorfmarkt ohne den Mitbewerb der Juden bedeute daher den wirths chaftlichen Ruin der Bauern. Nicht nur daß die Juden für die ländlichen Produkte weit höhere Preise zahlen, sondern sie verkaufen auch alle aus der Stadt eingeführten Artikel um 30 bis 50 pCt. billiger als die russische Händler. Diese Thatsachen müßten auch die Ortsbewohner von Kurownizy bestätigen und die Landeskammer möge durch ihren Beschluß den „Kulaki" zeigen, daß sie nicht die Situation beherrsche». Der Vorsitzende verlas alsdann das Gutachten des Bezirksamtes, welches, gestützt auf die von einem speziell zu diesem Behufe kommandirten Regierungsbeamten vorgenommene Untersuchung, seine Meinung dahin formulirt, daß die Abhaltung von ländlichen Märkten an den Sonnabenden ivie an den Sonntagen gleich unstatthaft sei; an welchen anderen Wochentagen der Markt abgehattcn werden soll, darüber möge man die Entscheidung de» betreffenden Dorfgemeinden überlassen. Dieses Gutachten wurde daun auch mit allen gegen eine Stimme zum Beschluß der Kammer erhoben. 9 Me jüdische Bevölkerung in Spanien. Von Dr. M. Kayserling. Die Zahl der Juden, welche gegenwärtig in Spanien wohnen, wird meistens falsch angegeben; in dem jüngst erschienenen „Antisemiten-Spiegel" (Danzig 1892) figurirt Seite 11 Spanien gar nüt 1300 Juden! In ganz Spanien wohnen nur sehr wenige Juden. In Madrid befinden sich kaum mehr als ein Dutzend jüdische Familien, welche jeder religiösen Vereinigung entbehren. Der Jom Kippur ist der einzige Tag im ganzen Jahre, an dem sich die meisten von ihnen als Juden bekennen und sich bei einem Geldwechsler aus Bahonne, Namens Salzedo, auf einige Stunden versammeln, um Gottesdienst abzuhalten; wie mir Herr Simon Mayer, ein seit dreißig Jahren in Madrid wohnender Glaubensgenosse aus Toulouse, uuttheilte, haben sie den ganzen Tag ihre Geschäfte geschlossen. In Genua sagte man mir, daß in Madrid ein jüdischer Schächter, Namens Vidal, wohne; es wohnt dort kein Schvchet und hat seit vierhundert Jahren auch keiner gewohnt. Außer in Madrid finden sich noch einige Jude» in Barcelona, in Cadix und in St. Sebastian. I» Sevilla, Cordova, Burgos, in Toledo, Zaragoza, Gerone und in allen übrigen Städten Spaniens, in welchen große jüdische Gemeinden bestanden, hat sich seit der Vertreibung nie ein Jude niedergelassen. Der Spanier kennt die Juden nicht mehr. Zwei Glaubensgenossen aus Konstantinopel, welche neben der großen Exposicion Historica- Europea in Madrid in ihrem Bazar türkische Waaren, Waffen, Stickereien re. feil Halen, versicherten mich, daß, wenn man erführe, daß sie Juden seien, keine Spanierin den Bazar betreten würde. Und doch würde man, tvie ich von maßgebenden Persönlichkeiten in Madrid hörte, reiche, oder wenigstens wohlhabende gebildete Juden recht gern aufnehmen. Die übertriebene Anzahl der jüdischen Bevölkerung in Spanien in dem oben erwähnten „Antisemiten-Spiegel" bericht übrigens auf einer — Verschiebung der Zahlen: Die 4300, welche für Spanien angegeben sind, gehören für Portugal, das einige Zeilen früher angeführt ist mit der Bemerkung: „einige Hundert" (?). In Portugal wohnen wieder Juden seit nahezu hundert Jahren. Lissabon hat eine große jüdische Gemeinde mit mehreren Synagogen lind Wohlthätigkeits-Vereinen; außerdem befinden sich Juden in Porto, Coimbre, Evora u. a. O. 9 Etwas über jüdische Namen. Von S. Blumen au. Den verehrten Lesern und Leserinnen dieser Zeitung sagen wir gewiß nichts Neues, wenn wir auf die Thatsache hinweiseil, daß unter den Juden der Gegenwart fast allgemein das Bestreben sich geltend luacht, die althergebrachten Namen ihrer Söhne und Töchter, alich wohl ihre eigenen, gegen moderne und wohlklingende zu vertauschen. Selbst die orthodoxesten, die sich nicht die geringste Abweichung vom Hergebrachten zu gestatten pflegen, schwimmen in dieser Beziehung, wenn auch meistens unbewußt, mit dem Strom. Sie nennen unbedenklich ihre Söhne: Mos es, S i m o n, David, N a t h a n, lind ihre Töchter: Hanna, Eva, Rahel, Ruth, und nicht etwa: Mansche, Schimaun, Dovid, Noßon — Ehanoh, Chawo, Rocheil, Ruß — wie sie solche Namen doch im Siddur selbst lesen und in der Thora- und Prophctenübersetzung aussprechen hören. Auffallend ist, daß viele, und darunter recht wohlklingende, biblische Namen selten oder niemals bei der Namengebung der Kinder berücksichtigt werden, als: die männlichen Namen: Sem, Eber, Nimrod, Elisa,Nahor.Jsmael, Adonizah,Jedidjah, — und dicweiblichen: Adda, Zilla, Deborah, Hagar, Naema, Hulda, Sulamith, Thamar, Thirza und viele andere. Manche biblische Namen sind übrigens üblichgeworden, die in ihrer Umbildung kaum noch den hebräischen Ursprung verrathen. So: Elischeba, welcher Name als Elisabeth und in zahlreichen Verkürzungen: Elsbeth, Liesbeth, Else, Elise, Betty erscheint; Mirjam, welcher als Maria, Marianne, und Merle vorkommt und andere. Daß man die früher so häufige Korrumpirung schöner Namen, als Olga in Olk, Espcrentia in Sprinzchen, Bella in Beile u. s. w. nicht mehr gelten lasse» will und die Umbildung deutscher Substantiva und Adjektiva durch Anhängung der Endsilbe chen in jüdische weibliche Namen: als Blümchen, Schönchen, Frommchen, Gütchen — nicht mehr schön findet, vermögen wir Niemand zu verdenken. Wenn wir auf die mit besonderer Vorliebe von den Juden aufgenommenen nicht hebräischen Namen einen kritischen Vlick werfen, so weht uns ein kosmopolitischer Hauch entgegen; denn so ziemlich aus allen Völkern und Zungen begegnen wir männlichen und Ai