Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1893)
- Date
- 1893-02-03
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
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2 daß die warme Theilnahme an der segensreichen Wirksamkeit unserer Heilanstalt nicht erkaltet ist, vielinehr sich durch Spenden zahlreicher Rtenschenfremlde in Nah und Fern von Neuem glänzend bewährt und bewiesen hat. Nur an einer Einnahmequelle. an den „laufenden Jahresbeiträgen", ist das Zeichen der Ungunst der Zeit nicht zu verkennen, indem dieser Einnahme-Posten zum ersten Male seit dem Jahre 1875 keinen Fortschritt, sondern einen Stillstand zu verzeichnen hat. Alle übrigen Einnahmequellen aber sind hinter denen der Vorjahre nicht blos nicht zurückgeblieben, sondern haben zum Theil auch noch einen Zuwachs erfahren. Tie nächste Folge hiervon war, daß wir in der glücklichen Lage uns befanden, die Zahl der armen und zugleich kranken Pfleglinge unseres Hauses wiederum ein wenig zu vermehren, und diese wäre noch größer gewesen, wenn nicht das drohende Gespenst der Cholera-Seuche uns gezwungen hätte, uns Beschränkungen aufzuerlegen. An Einnahmen waren 10,058.83 Mark zu verzeichnen, wozu freilich auch ein Kassenbestand von 1850.94 Mark aus dem Vorjahre gehört, so daß die Rein-Einnahme 15,107.89 Mark (gegen 14,716.61 Mark im Vorjahre) beträgt. Den Einnahmen gegenüber stehen die Ausgaben mit 10,897.94 Mark, so daß ein Ueberschuß von 6060.80 Mark sich ergeben würde. Da jedoch 5600 Mark dem Grundvermögen zugeführt wurden, so erübrigt ein Kafsenbestand von 460.89 Mark, der den Einnahmen des künftigen Jahres vorgetragen wird. Die Anstalt wurde am .31. Mai eröffnet und am 29. September geschlossen. In diesem Zeitraum fanden 126 würdige, arme und zugleich kranke Personen (drei mehr als im Vorjahre) zum Zwecke einer Sool- und Seebadekur gastliche Aufnahme und empfingen ganz unentgeltlich die ihnen angemessene Verpflegung und ärztliche Behandlung, Arzneien, Bäder und sonstigen Kurmittel. Dem Geschlechte nach haben 51 männliche und 75 weibliche Personen die Wohlthaten unseres Hauses empfangen; dazu gehörten dem Alter nach 51 kränkliche, abgezehrte und schwächliche Kinder unter vierzehn Jahren. Die Aufnahme der Patienten war zum großen Theil von Privatpersonen, zu einem überwiegend großen Theile aber von Gemeinden, öffentlichen Korporationen und Vereinen, von Krankeuhäusern. Schulen, Waisenerziehungs-Anstalten und Vereinen und von Ferienkolonien beantragt. Die Anzahl der in unserer Badeanstalt unentgeltlich verabreichten Soolbäder betrug 2499, wovon 1921 auf die Pfleglinge unseres Hauses und 578 auf arme Personen entfallen, die unserer Anstalt nicht angehört haben. In den städtischen Badeanstalten würben von unseren Pfleglingen 667 Seebäder genommen. K. Breslau, 27. Januar. Soeben komme ich von der schönen Doppelfeier, welche alljährlich an diesem Tage im hiesigen Jüdischlheologischen Seminar (Fränkelsche Stiftung) abgehalten wird. Tie Feier des Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers wird mit der Gedächtnißfeier für die Stifter der genannten Anstalt verbunden. Der sonst als Seminarsynagoge benutzte Raum war laut vorheriger Bestimmung für diesen Tag ausgeräumt. An der Ostwand prangte das Bild Friedrich Wilhelms IV., unter dessen Regierung die Anstalt gegründet wurde, rechts davon die Büste des gegenwärtigen Herrschers. Nachdem der Chor des seminaristischen Gesangvereins unter Harmoniumbegleitung des Kapellmeisters Herrn Pulvermacher das Gebet für den Kaiser gesungen, betrat Herr Seminarrabbiner Dr. I. Levy das Podium, um als derzeitiger Vorsitzender des Lehrkörpers der Anstalt zunächst den Kaiser als eifrigen Beschützer des Rechts zu feiern und alsbann auch der Stifter in ehrenvoller, dankbarer Erinnerung zu gedenken. Der Redner hob hervor, daß gerade Deutschland der beste Ort für die Gründung von Thora und wissenschaftliche Forschung vereinigenden Anstalten sei, weil sich hier Wärme des Gemüths mit regem Bildungssinne gepaart finde, und darum bleibe auch die Anstalt der Pflege der genannten Bestrebungen treu. Fühlte sich das zahlreich erschienene, distinguirte Publikum schon durch diese Ausführungen des geistvollen, tiefgebildeten Redners angezogen, so wuchs die Weihe der Feier noch dadurch, daß Herr Dr. Levy in 11/4 flünbiger ausführlicher Darstellung einen Ueberblick über die ursprüngliche Bedeutung und Feier des Peß ach festes gab, an der Hand der talmudischen, midraschischen und geonäischen Quellen die ursprünglichen Bestandtheile der Peßachhagadah und ihre weitere Ausbildung und Auffassung bis zur jetzigen Form vorführte und ein anschauliches Bild über die verschiedenen Gebräuche, die sich an die Peßachfeier in den verschiedenen Zeiten anschlossen, entwarf, dabei geistvolle pädagogische Winke für ihre noch heute gütige Bedeutung den Zuhörern all die Hand gebend. — Als der gelehrte Redner geendet, ward ihm inniger, warmer Dank von den 'Allwesenden, unter denen besonders die Herren Rabbiner Dr. Rosenthal, Guttmann und .K noller, Religionsschuldirektor Dr. Samuelso hn, sowie die Kuratoren und Gönner der Anstalt hervorragten, zu Theil. (Vielleicht wird es mir möglich fein, Ihnen demnächst einen 'Auszug aus den: bedeutendell Vortrage zu bringen.) — Alsdann überreichte Herr Dr. Levy den zll entlassenden Zöglingen der Anstalt, ben Herren Doktoren N. Sandler, Walter und Rau, welche bereits seit längerer Zeit in verschiedenen Gemeinden (Schwedt a. O., Bromberg und Pleß) ihres 'Amtes lvalten, nach einer herzlichen, ernsten Ansprache die Rabbinatsdiplome. Sodann dankte Herr Rabbiner Dr. Walter-Bromberg, nachdem die beiderl anderen Herren in ben vergangenen Tagen halachische Vorträge gehalten, in seinem rmd seiner Kollegen Namen ben Lehrern für ihre Ausbildung und verabschiedete sich voll den nod) in der Anstalt verbleibenden Studiengenossen, Alsdann sang der Chor den Psalm 16, und die 39. Jahresfeier hatte ihren Abschluß erreicht. — Zugleich ist auch der Jahresbericht der Anstalt erschienen, dem eine in praktischer Hinsicht höchst werthvolle Abhandlung des fei. Dr. B. Zuckermaun vorangeht, welche von dem tiefen Verständniß des Verfassers auf dem Gebiete der Kalenderkunde ein rühmendes Zeugniß ablegt. Der Titel der Arbeit lautet: „Anleitung und (8) Tabellen zur Vergleichung jüdischer und christlicher Zeitangaben." (Die Veröffentlichullg und sorgfältige Korrektur hatte Herr Dr. M. Braun übernommen.) Dem Berichte selbst ist zu entnehmen, daß das Seminar gegenrvärtig einschließlich der abwesenden, bereits amtirenden Kandidaten 50 Hörer, nach Abzug bcvfelbeu 43 zählt. Den Vorsitz im Lehrerkollegium übernahm nach $ 3 des Regulativs Herr Rabbiner Dr. Levy. Im nerfl offenen Jahre fanden Gedächtnißfeiern zu Ehren der verewigten Direktoren Dr. Z. Frankel, Dr. L. Lazarus und des seligen Seminarrabbiners Dr. Joel statt. Eine Reihe größerer staatlicher und sonstiger Stipendien kamen einzelnen Hörern der Anstalt zu Gute, für deren sonstiges materiellesWohl der Verein L i w j a t h E h e n zu sorgen sich bemüht, weshalb derselbe warme Unterstützung verdient. Unter den Zuwendungen für die Seminarbibliothek ist die Schenkung von 6 hebr. Handschriften aus dem Nachlasse des seligen Prof. Dr. Grätz, sowie die Ueberweisung von drei hebräischen und einer deutschen Handschrift, 530 Büchern und 268 Broschüren aus der Bibliothek des seligen Seminardozenten Dr. Zuckermann zu erwähnen. Eine Bearbeitung der im Mai des verflossenen Jahres gestellten Preisaufgabe: „Verlauf des Kosakenkrieges unter Chmielnitzki während der Jahre 1648 und 1649 mit besonderer Berücksichtigung der jüdischen Quellen", ist nicht eingegangen. Voraussichtlich wird das Thema nochmals zur Bearbeitung gestellt werden. — Am vergangenen Montag fand hier der erste Diskussiousabend des neugegründeten „Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur" statt, für welchen Herr Rabbiner Dr. Guttmann das Referat übernommen hatte. Das angesetzte Thema war: „Der Blutaberglaube." An der Diskussion betheiligten sich die Herren Dr. Brann, Dr. L. Neustadt, eand. phil. Finkelscherer u. A. — Bei der anläßlich der Geburtstagsfeier Sr. Maj. des Kaisers in der hiesigen Universität erfolgten Verkündigung des Resultates der eingegangenen Preisarbeiten haben eine namhafte Anzahl glaubensgenössischer Studenten die Preise errungen. In der juristischen Fakultät erhielt Herr stad..für. et cam. Kurt Stein itz aus Breslau den ersten Preis. „Die Arbeit zeigt Fleiß, ist klar und gut geschrieben und zeigt selbstständiges Urtheil." Dem Verfasser wurde eine kostenfreie Promotion in Aussicht gestellt, sofern er sich der Umarbeitung einiger Stellen unterzieht. — In der medizinischen Fakultät erhielt Herr cand. med. Georg Reinbach, Sohn eines hier sehr geachteten Arztes, den vollen Preis, weil sie von Fleiß und gutem Verständniß der physiologischen und pathologischen Vorgänge zeugt. Die zweite eingegangene Arbeit hat zwar den Preis nicht erringen können, aber die darauf verwendete Mühe und die gefällige und interessante Darstellung hat die Fakultät veranlaßt, ihr eine lobende Anerkennung zu Theil werden zu lassen. Verfasser ist Herr cand. med. Otto Juliusberger aus Breslau. — Von den für das folgende Jahr gestellten Preisaufgaben möchte ich die der evangelisch-theologischen Fakultät hervorheben, weil sie auch für jüdisch-wissenschaftliche Kreise von Interesse ist. Das betreffende Thema lautet: „Die religionsgeschichtliche Bedeutung der hebräischen Eigennamen int Alten Testamente bedarf einer erneuten Untersuchung. (Im Jahre 1887 hatte