Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1893)
- Date
- 1893-02-03
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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57. Lahr-gang. Wr. 5. Berlin, 3. Mtmt 1898. WeiLage zuv „Akkgemeinen Zeitung des Iuöentkums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. X Berlin, 30. Januar. Den Reigen der Montags-Vorlesungen eröffnete gestern vor einem dicht gefüllten Hause Karl Emil Franzos mit seinem Vortrage: „Fahrende Schüler im Ghetto". Ueber diesen Vortrag ist bereis in der A. Z. d. I. viel gesprochen worden. Um so interessanter war es uns, ihn selbst zu hören. Wir können nun- 1 mehr das Urtheil aus voller Ueberzeugung unterschreiben, daß Franzos in dieser Arbeit mit sein Bestes und Reifstes gegeben hat. Eine reiche Beobachtungsgabe, ein warmfuhlendes Herz, ein liebenswürdiger! Humor und eine große Darstellungskunst, wie sie nur wenige andere! Erzähler besitzen, spricht aus diesem ersten Kapitel des Romans „Der Pojaz", das uns Franzos gestern vor las, und das das Leben und die Wanderungen, die Leiden und Freuden eines „Schnorrers" von Beruf schilderte. Es war eine vollständige Naturgeschichte des Schnorrerthums, die Franzos geboten, in der Humor und Wehmuth abwechselten, und die vor Altern den Vorzug der inneren Wahrheit hat. Eine tiefe Bewegung ging durchs Auditorium, als Franzos seine Lebensgeschichte von Mendele Glatteis schloß und reicher Beifall folgte dem Vortrage selbst. Berlin, 30. Januar. Die jüdische Gemeinde hat drei angesehene! Mitglieder durch den Tod verloren. Am 28. d. ist der Begründer der! weitbekannten Firma Mohr und Speyer, Kommerzienrath Salomon! Speyer, nach kurzem Krankenlager gestorben. Der Heimgegangene, der sich durch sein menschenfreundliches Wirken ausgezeichnet hat und für Nothleidende stets hilfsbereit eingetreten ist, war insbesondere ein humaner Freund seiner Arbeiter, die ihm in Folge dessen große Verehrung entgegenbrachten. Diese Verehrung fand namentlich bei Gelegenheit des siebzigsten Geburtstages, welchen Kommerzienrath Speyer vor einigen Jahren feierte, in den herzlichen Ovationen erhebenden Ausdruck, welche damals die Arbeiterschaft der Firma dem Jubilar darbrachte. Kommerzienrath Speyer gehörte auch zu den Begründern der hiesigen Reformgemeinde und war lange Mitglied des Vorstands derselben. — Am 27. d. starb der Senior der Firma David und Co., Leopold David, zugleich der Senior der für die Berliner Textilindustrie zu außerordentlicher Bedeutung gelaugten Krimmer-, Astrachan-, und Konfektions- Pliischfabrikation. Er hatte mit rastlosem Weiße und unermüdlicher Energie diesen Artikeln nicht nur im Jnlande, sondern auch in allen europäischen Ländern, selbst in England, trotz des dortigen Wettbewerbs, und namentlich in Amerika ein bedeutendes Absatzgebiet erobert und 'dadurch nicht nur den hiesigen, sondern auch Tausenden von Handwerkern in Schlesien dauernde und lohnende Beschäftigung gegeben. — Am 30. d verschied Herr Ad olf Liebermann von Wahlendorf, eine in weiteren Kreisen Berlins bekannte Persönlichkeit; er entstammte der bekannten Fabrikantenfamilie Liebermaim. Liebermann, der in den 70er Jahren den österreichischen Adel erhielt, besaß eine hervorragende Sammlung von Oelgemülden und Antiquitäten. Er hat bekanntlich dem Schächter Buschhoff im vorigen Jahre ein lebenslängliches Legat ausgesetzt. --- Berlin, 29. Januar. Wie wir hören, ist der Verfasser der Broschüre „Schutzjuden oder Staatsbürger", die in letzter Zeit so viel von sich reden machte, der bekannte hiesige Schriftsteller Dr. Raphael Löwenfeld. In Folge der zahlreichen Zustimmungen, die der Verfasser erhalten hat, beruft derselbe seine Gesinnungsgenossen für Sonntag den 5. Februar Vormittags 11 Uhr zu einem vertraulichen Meinungsaustausch. Es hat bereits zwischen einer Gruppe der Gesinnungsgenossen des Verfassers der Broschüre und einem Ausschuß des Komitees zur Abwehr des Antisemitisums eine Vorbesprechung stattgefunden, mn ein gemeinsames Handeln zu erörtern. Die Roth der Zeit erheischt unbedingt ein Zusammenfassen aller Kräfte. Jede Zersplitterung vergrößert die Gefahr. Es wäre darum sehr zu wünschen, daß Meinungsverschiedenheiten, wenn überhaupt solche vorhanden sind (was wir nicht glauben), jetzt so wenig als möglich hervorgekehrt würden und die uns Alle einigend.n Ideen in den Vordergrund träten. Tie Zahl der Zuschriften — sie betrug bis Dienstag 209, und zwar von Männern in hervorragenden Stellungen, hat jedenfalls bewiesen, daß dieser Grundgedanke von Bielen getheilt wird. F. Berlin, 23 Januar. Die (neue> zweite A l t e r sv e r s org u n gs- Anstatt der jüdischen Gemeinde* in der Schönhauser Allee blickt in diesem Jahre auf ein zehnjähriges Bestehen zurück. Da der Jahresbericht für das Jahr 1892, der auch die ältere Anstalt mit eiubezieht, noch nicht erschienen ist, werden die folgenden Mittheiluugen aus der Manheimerschen Stiftung, die durch einen neuesten im Laufe des Sommers erst beziehbar gewordenen Anbau eine fernere durch die Munificeuz der Manheimerschen Eheleute ermöglichte Erweiterung erfahren hat, nicht ohne Interesse sein. In der Anstalt in der Schönhauser Allee befinden sich zur Zeit 93 Hospitaliten, 87 Männer und nO Frauen. Bis dahin war die Durchschnittszahl der Hospitaliten in beiden Anstalten (1888) 130 bis 150, während jetzt die neue Stiftung allein für 100 würdige alte Leutchen die Möglichkeit bietet, denselben einen von materieller Sorge ungetrübten Lebensabend zu schaffen. Der älteste Insasse, der jetzt 94 Jahre alt ist, befindet sich seinem "Alter entsprechend rüstig, es ist der bekannte Geograph I. Löwenberg, der sich noch der Protektion Alexander v. Humboldts erfreut hat, ein geschätzter Mitarbeiter dieser Blätter. Kann die Alterversorguugs- Anstalt atlch nicht gleich anderen Jnstittcken der Gemeinde, welche ihre Thätigkeit den Lebensaltern aufsteigender Kraft znwenden, sich auf lange hinaus des Anblicks erfreuen, wie der von ihr ausgestreute Samen zu herrlicher Frucht gedeiht, so legte cutd) sie doch, wie der selige Tr. Frankl bei der Grundsteinlegung der neuen "Anstalt hervorhob, vor Freund und Feind Zeugniß ab, wie Israel, ob es auch an allen gemeinnützigen Bestrebungen des Vaterlands iit Staat und Stadt Antheil nimmt, dennoch aus eigener Kraft (hier wesentlich durch die Mnnisieenz einer einzigen Familie, aus der Hand eines bekannten Großindustriellen» durch erhöhte und gesteigerte Opferfrendigkeit auch noch den besonderer! Pflichten als Religionsgemeinschaft zu genügen sucht. In der Berliner Gemeinde wird für die .Kinder der Arrnuth gesorgt, es wird aber auch der Greise nicht vergessen. Mögen der Anstalt auch ferner die Mittel reichlich zur Verfügung gestellt werden, welche die Aufnahme der zahlreichen achtbaren und würdigen Gerneindemitglieder in hohem "Alter gestatten, die darauf harren, daß ihnen die Wohlthat der Aufnahme in die "Anstalt zu Theil werde. Eine regelmäßige dauernde Einnahmequelle gewähren der "Anstalt nur Stiftungen, deren Erweiterung wünschenswerth ist. Der Stifter hat das Recht, so lange er lebt oder für eine Reihe von Jahren, diejenigen Hospitaliten v orzuschlageu, deren Aufnahme erwünscht, und dieselben werden auch ausgenommen, wenn kein statutarisches Hinderniß vorliegt. Um häufig vorkommenden Fehlbitten vorzubeugen, sei hier gleich bemerkt, daß hervorragende Schwerhörigkeit oder schweres Siechthum naturgemäß ein Hinderniß für die "Aufnahme in diese "Anstalt sind. Auch ist für ein Aufuahmegesuch eine polizeiliche Bescheinigung darüber nothwendig, wie lange der Petent in Berlin wohnt, obwohl auch würdige Glieder anderer Gemeinden in der "Anstalt ihren Lebensabend verleben; hier sind die Raum- und Vermögensverhältnisse der Anstalt inaßgebend. ß Kolberg, 25. Januar. Der neunzehnte Jahresbericht über die Verwaltung des jüdischen Kurhospitals im See-, Sool-und Moorbade Kolberg im Jahre 1892 ist soeben erschienen. Wir entnehmen demselben Folgendes: „Trotz des drohenden Nothstandes, des russischen Hilfswerks und der überaus schlechten Erwerbsverhältnisse, trotzdem die öffentliche Wohlthätigkeit in: laufenden Jahre nach allen Richtungen hin in einem ganz ungewöhnlich hohen Maße und über Gebühr in "Anspruch genommen war, — trotz alldem sind wir am Schlüsse dieses Jahres in der erfreulichen Lage, mit besonderer Befriedigung feststellen zu können,