Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1893)
- Date
- 1893-02-03
- Page
- Seite 59 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Platz zu nehmen und behandelte ihn wie einen Menschen. O Wunder! Und nun will mau sogar seine Waare sehen. Vielleicht wird er noch etwas verkaufen. Heilte ist Mittwoch; noch zwei Lage> und er mutz zu seinen Kindern nach Hanse, und es fehlt ihm noch ein Rubel zu dem wöchentlichen Verdienst. Er mutz doch für die Kinder Ärod und Kartoffeln kaufen, dabei hat er noch für sich viel Allsgaben, z. B. die Schrvpfköpfe. Wie neu belebt schien der Alte; Alles war jetzt vergefseil, verschwunden waren die poesievollen, geistreichen Erzählungen, die der Alte so getreu in seinem bekümmerten Kopfe behalten, weg waren Hunger, Schmerz und Elend; er sah nicht seine zerlumpten Kleider, er hörte nicht das Röcheln in der Brust; es entpuppte sich jetzt ein Dorfhausirer int vollen Sinne des Wortes, und die Beredtsamkeit und Geschicklichkeit, mit der er seine Waare mibot, ließen in ihm kaum den so schwer kranken Mann erkennen. Seine Augen blickten von einem zum andern, und seine Zunge bewegte sich unaufhörlich. „Hemden? O, o, natürlich habe ich welche, warum soll ich sie nicht haben?" „Vielleicht wünschen Sie, Fräulein, ein blaues Bändchen, und der junge Herr sehr schöne Knöpfe? Ich habe Alles, goldene Nadeln, Haarnadeln, Knöpfe, allerlei Tücher, sehr schönen Kleiderstoff, goldene Riilge, Fingerhüte, Zwirn, Bänder, Spitzen." „Na, Gedalja," sagte nun halb scherzend Korejba; „und was lvicd aus den Erbsen, die Du gegessen hast? Vielleicht reden wir jetzt ein Wort darüber?" Ohne Angst, mit heiterem Blick erhob sich Gedalja, näherte sich dem Wirthe mit tiefer Verbeugung und mit froher Stimme sagte er: „Ich bitte den gnädigen Herrn um Verzeihung, wenn ich ihm auch darauf eine kleine Geschichte erzählen tverdc. König Salomo hatte ein großes Vermögen," begann er, „und Joseph, sein Hirt, war sehr arm. Eines Sabbaths kam Joseph zum König Salomo ins Speisezimmer, fand aber Niemand darin. Diese Gelegenheit benutzte er lind griff mit der Hand nach einem Stück Kuchen und verzehrte cs. Das sah ein Freund des Königs, der im anstotzenden Zimmer sich befand; er nahm den Hirten bei der Hand und führte ihn vor den König-" Lautes Lachen Korejbas lintcrbrach die Erzählung. „Ha, ha, ha, Gedalja," rief er, „das hast Du erfllndc». Ja, das erkenne ich an Deinen Augen. In Euren Büchern steht das nicht geschrieben, das steht vielmehr in Deinem Kopf. Tu wolltest mir weiter erzählen, daß der kluge König den Joseph für diese Unverschämtheit nicht nur nicht zu züchtigen befahl, sondern ihm auch noch ein Maß Mehl zugab, nicht wahr, so war es?" „Ja, gnädiger Herr!" „Gut denn, so will ich heute auch den großmüthigen König spielen, schon dcsivcgen, weil ich Dich so lange kenne. Ich will Dir nichts Schlechtes wegen der Erbsen thun, und zuni Winter schicke ich Dir und Deinen Kindern eineil vollen Sack Kartoffeln nach Wolpe." Voll Freude küßte der alte Jude ehrerbietig Korejbas Hand und sagte: „Der gnädige Herr soll so glücklich sein, wie ich ihm cs wünsche! Möge er sich »och so ein Stück Land kaufen und möge er nach hundert solcher Söhne und Töchter, wie die da sind, erzieheil." Laut lachte Frau Korejba. „Der redet aber Uilsinn; krank ist er, und dabei läuft bei ihm die Zunge wie ein Mühlrad." Sie näherte sich ihm, i»i> die Waare zl> besehen. Am Tische saßen nur Korejba und Tonlkewitsch und besprachen sich wegen einer neuen Scheune, welche Korejba bauen lassen wollte. Sie waren über das Dach derselben nicht einig; Korejba wollte es mit Stroh l bedecken, der Verwalter dagegen meinte, daß ein Ziegeldach viel ge^ eigneter wäre, worauf Korejba durchaus nicht eingeheu wollte, weil, wie er meinte, er kein Geld habe. Er hätte zwar viel Land, aber ail baarcm Gelbe fehle es ihm oft. Dazii war noch dieses Jahr nicht besonders gut, er tnüsse Viel für Stefan sparen, um seinen Militärdieiist zu erleichtern. Ganz anders verhielt sich die Gesellschaft am Kamin, in dcni es wie in einem Bienenstöcke rauschte und summte. Um besser die Waare besehen zu können, hatte man frisches Holz auf den Kamin zugelegt, so daß das Feuer hell aufflammte. Im Zimmer war cs erstickend heiß, Niemand achtete aber darauf, denn daran waren die Leute gewöhnt. Zwei junge Mägde, zivei junge Knechte und die alte Haushälterin waren ganz leise ins Zimmer gekommen und plauderteii lustig mit der ganzen Familie Korejbas. In der Mitte, umgeben von bunten Tüchern, Spitzen, Knöpfen und anderen großen und kleinen Sachen, saß Gedalja auf der Erde, redete und bewegte sich nach allen Seiten hin. Er zeigte bunten Stoff und Tücher, die er zwischen zwei Fingern hielt, um diese in ganzer Pracht zu zeigen. Dabei vergaß er nicht, seine Ringe, goldenen Ohrringe und Nadeln zil rühmen. Neben ihm auf der Erde saßen Hedwig lind Jancck; sie besahen sich eifrig jeden Gegenstand. Hinter dem Alten stand Korebja und Stefan, welche Herrenwesten und Shawls wählten. Ringsherum bewunderten die Mägde und Knechte die bunten Waarcn, »nd ihre rotheil Gesichter tvaren voll Entzücken; sogar die alte Haushälterin hatte beim Anblick dieser Wiinder ein fröhliches Gesicht gemacht und handelte eifrig mit dem Juden um eine Schürze. (Schluß folgt.) 9 Litterarische Mrttherlungen. L. Frank, W. Der Zweifler, Roman. Frankfurt a. M. 1898. l Kommissionsverlag von I. Kauffmann.) Ter Verfasser, bereits be- '< f'aimt geworden dnrch die Veröffentlichung einiger Novellen und! Romane, wie: „Eine Standhafte", „Nemesis", „Der Narr" u. a. m.,! führt in seinem jüngsten Werke in fesselnder Weise den Entwicklungs-; gang eilies Rabbinatskandidaten vor, dein die Hauptrolle als „Zweifler"! übertragen wird. Allerdings dürfte wohl in der zu weit angelegten. I Ausführung einzelner Scenen vor dem eigentlichen Wendepunkte! in dem Studiengange des Helden ein Mangel in dem Aufbau des j R ornans liegen, allein im Ganzen trägt die äußere wie innere Ee- > staltung dieses Werkes das Gepräge einer sorgfältig durchdachten schriftj stellerischen Leistung. Die Charakteristik der auftretenden Personen j erscheint als eine psychologisch fein gezeichnete. Sommers gläubig-! ergebener, geduldig-frommer Sinn, Gallensteins und Zuleikas giftige | Naturen, Tolles biederer Charakter, Büllings Derbheit, Schwerdts! schwerbelastetes Gemüth, des Theologen von Zweifeln erfüllter Geist, Theodoras wie Adelens liebevolles Herz, kurz der Roman bietet in seinen Einzelheiten eine Fülle von Momenten, die bald tiefergreifend und erschütternd, bald erhebend und erquickend ans ims wirken. Die Lektüre dieses in edler Sprache, so man von dem häufigen Participialgebrauche in der Diktion absieht, verfaßten Werkes bringt genußreiche Stunden. Wir wünschen diesem Romane (auch direkt von dem Verfasser, Lehrerin Westerburg, Nassau, zu beziehen) einen recht großen Leserkreis. — Wir haben bereits wiederholt auf das Erscheinen einer! interessanten Anthologie aus der Weltlitteratur: „ Antisemiten -; Hammer", herallsgegeben von Josef Schratten!)olz in Düsseldorf, * aufmerksam gemacht. Der Subskriptionspreis des Werkes beträgt 5 Mark, ' der Ladenpreis 9 Mark. Dasselbe umfaßt 32-38 Druckbogen Oktav | 528 Seiten. Zur Charakteristik des empfehlenswerthen Unternehmens genüge das Schreiben, welches Hofrath Dr. Johannes Fastenrath an! den Herausgeber richtete: „Köln, 26. November i892. Hochverehrter j Herr Kollege! — Nach Dnrchlesung des Manuskripts des „Antisemiten-! Hammers" muß ich den Riesenfleist, womit Sie ein solches Sammelwerk! geschaffen, auf's Lobendste anerkennen, und denn Buche eine um so allge-