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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-02-03 · Heft 5 (3.2.1893) · p. Seite 58

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 5 (3.2.1893)
Date
1893-02-03
Page
Seite 58 (sequence 12)
Language
German
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58 Die Augen GedaljaS strahlte». Er sah begierig de» kleine» Topf an, welcher mit frischer noch warmer Milch gefällt war, drehte aber verneinend den Kopf. „Ich danke, gnädiges Fräulein, ich darf nicht." „Was? Ist das treife?" lachte Tomkewitsch. „Ich darf nicht!" wiederholte Gedalja. „Vielleicht ein Buttcrbrod?" fragte Janek. Gedalja antwortete nicht, sondern wehrte mit dem Kopfe ab. „Esset doch ein bischen Kartoffeln mit Salz, damit Ihr nicht gänzlich entkräftet werdet," bat Frau Korejba, auf den Topf frisch gekochter Kartoffeln zeigend. Man sah, wie unangenehm es Gedalja war, abzulehnen, er verneigte sich tief und sagte: „Ich danke der gnädigen Frau für Altes, ich werde schon morgen bei dem Schankwirth aus Sumua essen." „Nu saget einmal, wie kann man mit diesen Menschen leben?" sagte wieder spöttisch der Perwalter, „die nehmen ja aus christlicher Hand kein Stück Brod an, als ob Alles, was uns gehört, verpestet wäre! Auf Ehre, das ist eine verfluchte Rasse, die der Teufel holen soll mit all ihrem Aberglauben!" „Das ist aber auch wahr," meinte Korejba; „dieser hier z. B. hat nichts zu essen, kann sich nicht heilen, und wenn ein guter Mensch ihm helfen will, lassen ihn die verdammten abergläubischen Ideen nichts annehnicn. Deshalb muß man gegen sie auch nicht barmherzig sein." Traurig nickte Gedalja und schwieg; als er aber nach einer Weile seine Augen wieder emporhob, sah man in ihnen einen Strahl des Glückes und mit seiner heiseren Stimme sagte er: „Wahr ist eS, was der gnädige Herr vorher sagte, es ist so viel Elend auf der Welt wie viel Tropfen Wasser im Meere. Ein Th eil des Elends tommt von der Armuth, ein anderer von Krankheiten, einer vom Neid, wieder einer vom Krieg und viele von der Thorheit der Menschen selber. Aber so wird es nicht immer auf der Welt bleiben. Es wird eine Zeit kommen, wo Alles wieder gut sein wird. Und woher wird diese Zeit kommen? Darüber giebt es bei uns auch eine schöne Geschichte." „Es steht so bei uns geschrieben," begann er. „In der alten Stadt Jerusalem im Bct-Hamidrasch auf einem hohen Stuhl sah der große Rabbi Moses be» Mainion; um ihn herum saßen hunderte, lausende, vielleicht zehntauscnde seiner Schüler. Er sprach mit ihnen arabisch, griechisch imt> ver schiedene andere Sprachen, denn das war so ein Rabbi, der alle Wissenschaften verehrte, wenn sie auch nicht jüdisch waren. Als er aufhürtc zu reden, erhob sich sein bester Schüler, Rabbi Jehuda, und sagte: „Rabbi, ich verstehe eine Stelle in der Thora nicht; vielleicht kannst Du sie mir erklären?" „Was verstehst Du nicht?" sagte Rabbi Moses. „Ich begreife nicht," antwortete der Schüler, „was für eine Bedeutung die Engel haben sollten, von denen unser Patriach Jakob träumte, daß sie auf einer Leiter zum Himmel stiegen und daun wieder auf die Erde zurückkehrten?" Mose den Mainion besann sich einen Augenblick; dann antwortete er. „Die Engel stellen die gelten Menschen dar, die sich durch Tugend und Beistand immer höher cmporheben. Schwer ist der Weg, der sie nach der Höhe führt; sie gehen aber doch hinauf, beseelt durch die innere Kraft." Den Schüler befriedigte diese Antwort nicht, er fragte wieder: „Warum gehen sie hinaus und herunter? Wenn sie schon jene Höhe erreicht haben, warum bleiben sie nicht dort; wozu kommen sic zurück?" Rabbi Moses nickte mit dem grauen Haupte und sagte: „Wenn sie oben im Himmel bleiben sollten und nicht auf die Erde zuriickkämen, wären sie eben keine Engel. Sie lernen dort viel Kluges und Gutes und kommen herunter, um diese Schätze hier zu verbreiten. Da, wo sie sind, wächst das beste Korn, in der Gegend wo sie athmen, herrscht kein Zwist, kein Aerger, cs herrscht Frieden und Ruhe! ... Die Leute sind glücklich, weinen nie, sondern freuen sich immer; deshalb verlassen die Engel den Himmel, wenn es ihnen auch schwer fällt, um hierher zurückzukommen, und deshalb, Jehuda, sind sie Engel." Rabbi Mose hörte auf zu reden und alle Anwesenden freuten sich über diese Aufklärung und dankten dem Rabbi für die gute Lehre. „Habe ich denn Euch so eine gute Lehre gegeben?" fragte Mose ben Maimon bescheiden. „Ja, antwortete Rabbi Jehuda, „Deine Lehre beweist, daß eine Zeit koinmcu wird, wo durch diese Engel die Welt anders denken und anders leben wird. Es wird eine Zeit kommen, wo es keinen Krieg, keinen Hunger, keine Zwistigkeiten mehr und kein Unglück geben wird; fern wird von Allen Schmerz, Angst und Elend sein!" Aus dem begeisterten Ton, mit welchem Gedalja die Geschichte vortrug, sah man, daß nicht nrw der Schüler Maimons, sondern auch sein Rachkömniling, Gedalja, über diese glückverheißende Lehre hoch erfreut war. Die Gestalt des Armen schien wie verklärt; er richtete sich hoch auf, ohne seiner zitternden Füße zu achten. Sein blasses, von dem grauen Bart umrahmtes Gesicht glänzte. Die hagere in Lumpen gehüllte Gestalt hatte in diesem Augeiiblick etwas Ueberirdisches und Begeisterndes. Plötzlich schlangen sich um den alten zerlumpten Juden zwei junge Hände und ein rother, frischer Mund küßte ihn laut; das war Jaueck, welcher mit der größten Aufmerksamkeit und Neugierde die kleinen Geschichten zugehört hatte. Niemand bemerkte, wie er seinen Platz am Tische verließ, um dem Erzählenden näher zu kommen, und er selbst konnte sich keine Rechenschaft geben, wie er dazu gekommen, den alten Juden so herzlich zu küssen. Er kehrte schnell wieder auf seinen Platz zurück, stützte den Kopf auf beide Hände und saß nun ruhig und still. Es schien, als ob das Kind in einem Moment verwandelt wäre. Bielleicht war es daS große Mitleid, das sich seiner bemächtigte, oder waren es die feurigen Worte, die Glück, Frieden unb Liebe verhießen, oder die Ehrfurcht vor den Engeln, von denen Gedalja erzählte, oder war cs das Vorgefühl, auch einst so ei» Engel-Mensch zu werden? Durch die halb geöffnete Hausthür zeigte üch jetzt ein in ein rotheS Tuch gehüllter Frauenkopf. Hedwig eilte schnell hin und flüsterte etwas leise: „Väterchen, unsere Mägde, Diener und Hirten wünschen die Waaren des alten Gedalja anzusehen, erlaubst Du das?" „Natürlich, ich bin sogar sehr dafür, glaubte aber, daß eS Dir unangenehm sein würde," spottete lustig Korejba. Schelmisch blickte sie den Vater an, denn sie brannte vor Neugierde, alle die Sachen, welche der alte Gedalja auf seinen Schultern trug, zu sehen. Auch Stefan stand jetzt auf und näherte sich dem Juden mit der Frage, ob er Mäunerhemden hätte'? „Ocffne Deinen Packen, Jude," schrie Tomkewitsch, „Fräulein Hedwig wünscht es." Das ließ sich Gedalja nicht zwei Mal sagen. Schnell, als ob durch einen Zauber die Hälfte seiner Jahre und die Hälfte seines Kummers von ihm geschwunden wären, als ob er nie krank gewesen, raffte er sich von seinem Platz auf, setzte sich auf die Erde und mit vor Freude zitternden Händen löste er die Schnüre, mit denen er den Sack gebunden hatte. Wie glücklich war er! — Als Dieb wurde er hierher gebracht, fürchtend, daß man ihn inißhandeln, beschimpfen und womöglich »och verklagen lverde, und anstatt alles dessen hat er nur wenige böse Worte gehört. Mn» war so gut zu ihm, bat ihn

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