Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1893)
- Date
- 1893-02-03
- Page
- Seite 57 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Königin Augustn-Straße 3. 3. April 1871. Die erste Auflage meines Elsaß-Buches war so schnell vergriffen, daß ich Euch, lieber Freund, erst von der zweiten ein Exemplar schicken frtnn. Es ist Alles darin wie in der ersten. Nur aus Seite 81 ist das Wort In (dessen Sinnentstellung wohl Niemand außer mir gemerkt hat) in Vor korrigirt. Es soll mich herzlich freuen, wenn die durchgehende Empfindung und Einzelheiten — denn von dem Gesummten läßt sichs kaum hoffen — Euch ansprechend sind. Jur Reichstage wird bald nach den Ferien die Elsaß-Frage zur Entscheidung konunen, und daß es Reichsland wird, ist j entschieden, aber gräßlich wärs, wenn man ein Stück davon für Baiern! abtrennte. i Ich bin in so allerlei Dinge hineiugerathen, daß ich leider noch nicht! wieder 31t Euch kommen konnte. In den nächsten Tagen aber komme j ich wieder auf eine gute Stunde. Herzlichen Gruß! Euer alter Bert hold Auerbach. ■ Berlin, 3. Juli 1871. lieber Freund! Es ist mir nicht möglich, nach Harzburg zur Hochzeit Eurer Kinder zu lommcu. Ich nutf; immer mehr lernen, auf das eigentlich tiefer Anmuthenve im Leben zu verzichten. Ich bleibe freilich ein ungelehriger w iderspenstiger Schüler. Ich will Euch nur noch sagen, daß meine Spinoza-Arbeit sich sehr verzögert hat und der Verleger drängt, nachdem die reoidirte llebersetzung schon ein Jahr gedruckt ist, endlich die Biographie zu erhalten. Ich mache das also fertig und reise in nächsten Tagen schnurstracks nach Stuttgart. Ich glaube, ich bleibe mehrere Monate von hier abwesend. Wenn Ihr mir schreiben wollt, adressirt stets: Durch die I. G. Cotta'sche Buchhandlung für rc. in Stuttgart. Daß die Sache mit Alexis so glatt und erwünscht sich machte, freut mich herzlich. Dem Brautpaare schicke ich einen Gruß ins Haus und Euch und Meyers einen herzlichen Gruß in die Harzwälder. Euer alter Berthold Auerbach. Schloß Ebret bei Freibnrg i. B., 31. Mai 1872. So ist also die viel besprochene und bedachte Sache in bester! Fassung fest.! Könnt Euch, lieber Bernstein, aber meine Ueberraschung denken. Ich! komme gestern mit meiner Familie nach Freiburg und da zeigte mir ein > Freund das Frankfurter Journal, worin ich mit Duncker und Schulze-! Delitzsch als Ehrendirektor der Economic Telegraph Company (mit einer! spitzen Nebenbernerkung) genannt bin.! Auf diese Weise erfuhr ich das Erste von der öffentlichen Feststellung. So sehr es mich nun freut, daß unsere Sache so groß und rein ins Werk gesetzt ist und daß rch dazu Mitwirken konnte, eben so verwunderlich ist es mir, daß Ihr, lieber Freund, mich nicht selber davon in Kenntnis; gesetzt habt. Ich erwartete heute sicher einen Brief von Euch, da Ihr meine 'Adresse kennt und in: Vergesseusfalle mir Adresse Cotta schreiben konntet.! Ihr erinnert Euch aller unserer Besprechungen und ich bitte Euch mm, mir umgehend und genau den Stand der Sache im Allgemeinen und j meine Stellung dazu zu bezeichnen.! Ihr wißt, was es für mich war und ist, mich dabei früher zu enga-! giren itub jetzt öffentlich mit meinem Namen einzustehen. Besonders erfreulich und bedeutungsvoll ist es auch, daß es mir gegeben war, uleinen Freund Max Maria von Weber mit all die Spitze gestellt zu sehen. Ich sehe, wie Ihr Euch wohl denken könnt, mit großer Spannung Eurem exakten Brief entgegen. So soll es uns also doch vergönnt sein, das siebente Jahrzehnt unseres Lebens (llnd hoffentlich noch mehr) nach harten Kämpfen in gesicherter Ruhe zu vollbringen. Des; freut sich für Euch, und auch für sich Euer Berthold Auerbach. FEUILLETON Gedatsa. Eine Dorfgeschichte von Elise Orszeszko. (Fortsetzung.) Hedwig stand jetzt von ihrem Platze auf, »ahm schnell einen Stuhl, stellte ihn vor Gedalja hin und mit einem liebenswürdigen Lächeln uni ihren rothen Mund sagte sie: „Ich bitte, setzt Euch, die Füße thun Euch ja gewiß schon weh, ich bitte sehr, Platz zu nehmen." Dem alten Juden war zu Muthe, als müßte er die guten Hände des lieben Mädchens küssen, die ihn so höflich zum Sitzen einludeu. „Nu, setz Dich schon einmal, zum Henker!" schrie Korejba. Der arme Jude erzitterte vor Schreck und setzte sich sofort. Er saß dicht am Kamin, und man konnte deutlich das Zittern des ganzen Körpers sehen. Er athinete rasch und heiser. Die Angen waren eingefallen und sahen unter der blassen Haut seines Gesichtes und seiner gerunzelten Stirn wie zwei brennende Kohlen herbor. „Wie schlecht Tu aussichst," sagte mitleidig Korejba, „warst Du krank?" „Ja, gnädiger Herr, ich war trank." Und er er,zählte, daß von der Zeit an, wo sein Haus abgebrannt und seine Frau gestorben, er angefangen hätte zu husten. Die Kräfte Hütten abgenvnnnen und seit zwei Jahren fühlte er sich immer schlimmer. Es fehlte ihm etwas wie Luft; er fühle sich schon so entkräftet, daß er fürchte, nicht ernsthaft krank zu werden. Wenn ihn nicht die Schwäche hinderte, so könnte er mehr gehen und auch viel mehr verdiene»; vielleicht könnte er eine bessere Arbeit finden, das sei aber so eine Krankheit, welche immer mehr znnehme. „Hören Sie einmal, gnädiger Herr, >vic das klingt," sagte er, auf die keuchende Brust deutend, „und auch Blut." Er hustete schwer und Spuren von Blut zeigten sich ans seinen Lippen. „O Gott, Gott," seufzte Frau Korejba. Hedwig verdeckte die Augen mit den Händen. Tomkewitsch wandte sich widerwillig ab »nd nahm schneit seine Mütze, die auf der Bank lag, wo der Jude saß. Die kleinen mit dichten Brauen beschatteten Augen des alten Korejba wurden feucht. Nur zu gut erinnerte ec sich der glücklichen Zeit Gedaljas. Er sah im Geiste Mirjams kleinen Laden, die kräftigen Pferde und das Fuhrwerk des alten Inden, die ihn oft nach Evniin zu seinem Better brachten. Auch er war einst arm, darum weiß er, was Elend ist, und empfindet desto lebhafter die Lage des hernniergekommenen Mannes. „Soll das die Schwindsucht sein?" fragte er leise, „warum gehst Du nicht zu einem Arzt?" fügte er laut hinzu. „Ich war beim Arzt," antwortete Gedalja. „Und was hat er Dir gesagt?" „Nun, was sollte er sagen? Er meinte, daß ich jeden Dag Fleisch essen und viel Milch trinken soll. Ich soll wenig gehen und jede Woche mir Schröpfköpfe setzen lassen." Ein bitteres Lächeln umspielte seinen eingefallenen Mund, trübe blickten seine Augen. „Fleisch soll ich essen — Milch soll ich trinken, kann ich das? das kostet so viel. Gehen muß ich, denn das ist ja mein Geschäft. Nur in Einem bin ich dem Doktor gefolgt, ich lasse mich jede Woche schröpfen ... das kostet nur einen Gulden und das kann ich noch für meine Kur ausgeben." „Mein Gott," rief Frau Korejba, „saget mir nur, wie könnt Ihr bei Eurer Krankheit so viel gehen?" Er antwortete traurig: „Ich gehe — weil ich muß." In diesem Augenblick kam Hedwig, die vor einigen Minuten das Zimmer verlassen hatte, zurück und reichte ein kleines Töpfchen dem Juden mit den Worten: „Vielleicht ist etwas Milch gefällig?"