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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-02-03 · Heft 5 (3.2.1893) · p. Seite 55

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 5 (3.2.1893)
Date
1893-02-03
Page
Seite 55 (sequence 9)
Language
German
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Wie dies nach unsrer Ansicht durchzuführen sein wird, das wollen wir in einem nächsten Aufsaß besprechen. U Gallische Briefe. VI. L emberg, Bütte Januar. 11. Eine Rnbbinerschule für Galizien - das ist das neueste Produkt der galizischen Projektenmacherei, die sich in der letzten Zeit, begünstigt durch den blinden Wettbewerb der Parteien, mehr denn je breit gemacht. Noch sind die Vorbereitungen zur Eröffnung der Rabbinerschule in Wien, die wohl länger als billig auf sich ivarten läßt, nicht zu Ende, noch erwartet man mit Spannung den Ausgang der Meinungsverschiedenheiten unter den maßgebenden Persönlichkeiten in Wien, die wohl allein die unerwartete Verzögerung verursacht haben mögen, und schon werden wir von dem Projekte einer neuen Rabbiuerschule in Galizien überrascht. In einer der letzten Sitzungen des Lemberger Gemeinderat hes wurde ein diesbezüglicher Antrag gestellt; der Vertreter des jüdischen Kultusrathes verlangte die Bewilligung des Gemeinderaths, die hier bestehende Mädchenschule aufzulöseu. Die hierdurch ersparten Sinnmen sollen für die zu begründende Rabbinerschule verwendet werden. Der Gemeinderath lehnte zwar, auf Antrag des Geistlichen Mazurak, dieses Ansuchen ab, da „die Auflösung der jüdischen Mädchenschule die Gründung einer neuen Bürgerschule zur Folge haben mußte", erklärte sich jedoch bereit, der neuen Rabbinerschule eine jährliche Subvention zu gewähren. Nebenbei bemerkt, schlägt diese Argumentation allen Rechtsbegriffen ins Gesicht. Die Inden sind gleichberechtigte Bürger, zahlen gleiche Steuern und haben nicht die geringste Veranlassung, eigene Schulen zu erhalten. Es ist kaum begreiflich, aus welchen Rücksichten der Vertreter des Kultusvorstandes (Dr. Goldmann) diese grundfalsche Auffassung unwidersprochen ließ. Wenn infolge der Auflösung der jüdischen Mädchenschule eine neue Bürgerschule gegründet werden müßte — woran wir eigentlich nicht glauben — dann in Gottes Namen; ist es doch Pflicht des Staates, für die Jugend so viel Schulen als nöthig zu gründen. Aber darauf wollte ich hier eigentlich nicht eingehen. Mich interessirt das Projekt an sich. Ist es ja um so ernster zu nehmen, als die diesbezüglich eingeleitete Aktion recht energisch betrieben wird, so, daß sogar Reichsrathsabgeordneter Dr. Byk in einer der letzten Sitzungen des Polenklubs einen diesbezüglichen Antrag stellte. Ist nun aber wirklich ein fühlbarer Mangel entstanden, dem abgeholsen werden soll? Wir glauben, diese Frage verneinen zu müssen. Unseres Wissens studiren gegenwärtig kaum zehn Galizier an ven drei in Deutschland bestehenden Rabbinerschulen. Von diesen dürfte gewiß der weitaus größte Theil entweder in den bestehenden Lehranstalten ihre Studien fortsetzen oder nach Wien gehen; Galizien könnte im besten Falle nur auf die polnisch sprechende Minorität der vorhandenen galizischen Theologen rechnen. Und für diese soll eine besondere Schute gegründet werden? Und noch eines: Es wird, wie ich von wohlunterrichteter Seite erfahre, in dem zu eröffnenden Seminar in Wien ein Dozent der polnischen Sprache für die galizischen Kandidaten bestellt werden, und damit fällt auch die einzige Veranlassung zur Gründung eines besondern Seminars weg. Man wird wohl einwenden, die Zahl der Kandidaten würde mit der Eröffnung der Anstatt im Lande erheblich wachsen, da doch jetzt nur wenige in der Lage sind, sich ins Ausland zu begeben. Aber was in aller Welt soll denn aus diesen Kandidaten werden? Gegenwärtig giebt es nur zwei Predigerposten int Lande: Lemberg und Krakau. Von den 25 Gemeinden, die nach dem neuen Gemeindegesetze „gebildete" Rabbiner haben wühlen müssen, werden wohl kaum 3 oder 4 in der nächsten Zukunft dem Gesetze entsprechen. Was sollen also die vielen Theologen in Galizien? Dagegen aber ist die Gründung eines Seminars für Religionslehrer in Galizien, welche das genannte Projekt involvirt, dringend geboten und es wäre nur zu wünschen, daß die Schöpfer des Projekts von dem Luxusartikel, wie es eine galizische Rabbinerschule ist, absehen und ihre ganze Kraft auf das Zustandekommen einer solchen Anstalt konzeutriren. Wir müssen tüchtige Religionslehrer haben, welche des Hebräischen kundig sind und das gcsainmte Gebiet des Religionsunterrichtes beherrschen. Die gegenwärtigen Verhältnisse sind nicht mehr erträglich. Die jüdische Jugend verläßt die Mittelschulen, ohne daß sie es auch nur im hebräischen Lesen zu einer gewissen Fertigkeit, gebracht und von ber Religionsstunde, die sie durch acht Jahre besucht, bleibt den Universitätshörern nichts, als die angenehme Erinnerung an die drolligen Scherze, die sie mit dem „alten Hans" getrieben. DaS muß anders werden, wenn nicht die jüdische Intelligenz des Landes, die immer mehr a» Zahl zunimint, dem Judenthum ganz entfremdet werden soll. Darin liegt die wichtige Kulturausgabe des projektirten Lehrerseminars. Hoffen wir, daß diese Einsicht auch die Verwirklichung des Projekts beschleunigen und bei der Festsetzung des Unterrichtsprogramms maßgebend sein wird. Mit Interesse entnehme ich einer jüngst erschienenen statistischen Publikation einige wichtige Resultate der letzten Volkszählung. Die Anzahl der Juden in Lemberg betrügt nach derselben 36,130, während dieselbe im Jahre 1880 nur 30,961 betrug. Die Bewegung der jüdischen Bevölkerung daselbst stellt sich folgendermaßen dar: Im letzten Dezennium waren Ehen 255, gestorben sind 1090 Personen. Der jüdische Antheil am Schulbesuche in Oesterreich stellt sich folgendermaßen dar: In den Volksschulen bildeten die Juden 5 Proz. der gesaminten Schülerzahl, Handelsschulen 4 Proz., Realschulen 14 Proz., Gymnasien 14,3 Pro;., technische Hochschulen 15,9 Pro,;., Universitäten 20,1 Proz. U Nie jüdischhistorische Gesellschaft in Amerika. Von Dr. M. Kayserling. Ein erfreuliches Zeichen von dem mächtigen historischen Bewußtsein, das die Juden der Neuzeit durchdringt, sind die verschiedenen Vereine und Gesellschaften, welche sich zur Pflege der jüdischen Geschichte und Litteratur in den jüngsten Jahrzehnten in den verschiedenen Ländern gebildet haben. Wir schweigen von dem „Institute zur Förderung der israelitischen Litteratur", das achtzehn Jahre bestand und das unbestrittene Verdienst hat, den Sinn für jüdische Geschichte und Litteratur in der großen Masse zunächst wieder geweckt zu haben, und erinnern nur an die jüdisch-historischen Gesellschaften und Vereine in England, Frankreich und Deutschland.

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