Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1893)
- Date
- 1893-01-27
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 jüdischen Prozentsatzes in den Gymnasien und ihren „Vorbereitungsklassen" ganz unabhängig von einander. Es kam daher sehr häufig vor, daß die besten Schüler der Vorbereitungsklasse, soweit sie ^ubeu waren, nicht in die nächste Gymnasialklasse versetzt wurden, weil kein freier Platz für einen Juden in dem Gymnasium vorhanden war. Die Versetzung von der Vorbereitungsklasse in das Gymnasium hing also bei jüdischen Schülern nicht von den Fortschritten im Lernen, sondern von dem Zufall ab. Das Ministerium für Volksaufklärung hat nunmehr in dieser Judenmaßregel Klarheit geschaffen, indem es bestimmte, daß die Vorbereitungsklassen in Bezug auf Aufnahme sowie Versetzung von jüdischen Schülern den Gymnasialklaffen gleich zu achten sind. * Petersiburg, 22. Januar. Ein Rundschreiben des Ministeriums des Innern ist an alle Gouverneure und deren Unterargane ergangen, in welchem eine strenge Beachtung der am 10. Juli 1865 und 3. Mai 1882 herausgegebenen Gesetze zur Schmälerung der Rechte, hauptsächlich der Besitz rechte der Juden anbefohlen wird Zugleich wird aufgegebeu, alle Pachtverträge über unbewegliche Güter nnt Juden, die nach dem 3 Mai 1882 abgeschlossen worden sind, zu vernichten. Ueber die Juden scheint nun auch der Zwang der russischen Sprache in Anwendung kommen zu sollen. Im Nikolai-Gymnasium zu Liebau soll von diesem Jahre ab d..s Russische zum Unterricht in der jiidischen Religion eingeführt werden. E Warschau, 6. Januar. Die Cholera, die so viel Unheil gestiftet hat, hat auch andererseits zu manchen guten Thaten und zur Errichtung verschiedener wohlthätigen Anstalten Veranlassung gegeben. So z. B. hat bei uns bis jetzt eine jüdische Volksküche gefehlt. Bei der Theuerung, die in Warschau herrscht, und bei der Stockung der Arbeit war den Armer: der Genuß der Fleischspeisen zur Seltenheit geworden, ja vielfach entbehrten sie wochenlang jeder gekochten Nahrung. Diesem Uebel ist nun durch die Errichtung einer jüdischen Volksküche abgeholfen worden. Zur Eröffnung dieser Anstalt erschien der Polizeipräsident, und nachdem er Zimmer, Geschirr und Speisen untersucht hatte, weihteer in Gemeinschaft nrit den Rabbinen und Vorstehern der jüdischen Gemeinde das Haus ein und sprach den Anwesenden, die sich zahlreich zur Feier eingefunden hatten, seine Anerkennung aus. Als Zeichen seiner Zufriedenheit spendete er darauf 300 Portionen für die Armen und verabschiedete sich freundlichst. Der Preis eines Mittagessens ist auf 10 Pf. (5 Kopeken) bestimmt, wofür Suppe, Genlüse, Fleisch und Brod zur Genüge gegeben werden. Vielen, die auch diesen kleinen Preis 51t zahlen nicht im Stande sind, werden Portionen umsonst vertheilt. Da der Andrang ein außerordentlicher ist, so wird bereits geplant, ein zweites Haus zu diesem Zwecke zu errichten. Auch in Minsk ist eine jüdische Küche eröffnet worden, zu welchen! Zwecke Herr Goldberg ein Haus im Werthe von 12,000 Mk. geschenkt hat. Für 6 Pf. wird einem Jeden eine genügende Portion geboten; und da die Zahl der Armen auch in Minsk sehr groß ist, ist auch dieses Haus stets überfüllt. In Minsk ist jetzt auch für die Obdachlosen gesorgt worden; in dem neu eingerichteten Asyl finden Hunderte von Juden und Christen unentgeltlich warme Zinnner zum Schlafen, auch ein warmes Abendbrod und Frühstück zu sehr billigem Preise. Der Eigenthümer des Dorfes Kobil, Herr Katardschi, bemühte sich bei der Regierung, die Umwandlung Kobils in eine Stadt zu erlangen, damit die daselbst befindlichen Juden auch weiterhin dort ungestört bleiben könnten. Dem „Woschod" zufolge ist seine Bitte gewährt worden. Der Gouverneur Lasareu besuchte in dieser Woche die jüdische Lehranstalt Talmud-Thora in Simforopel, examinirte mehrere Schüler und war von > den Antworten derselben recht befriedigt. Er drückte sänuntlichen Lehrern! seinen Dank aus und verließ zufrieden die Schule. — Die Zahl der! jüdischen Stadtverordneten ist überall beschränkt worden; so sollen in Charkow unter dreißig Stadtverordneten nur zwei Juden gewühlt werden, in Minsk unter zweiunddreißig drei Juden. Don Nab und Fern. Wie uns mitgetheilt wird, ist die Anstellung des Herrn Kapellmeister Kellermann als Chordirigent der neuen Synagoge zunächst erst probeweise für ein halbes Jahr erfolgt. — In Zirke fand dieser Tage eine Versammlung polnischer Gewerbetreibender statt, auf der man sich mit der Stellung der Polen zu dem Antisemitismus befaßte. Graf Hektor Kwielecki und mehrere katholische Pröbste waren die hauptsächlichsten Redner. Empfohlen wurde, sich von jeder Hetze streng fern zu halten.— Die Antisemiten fahren fort, einander in Acht und Bann zu thun. So ächtet die „Antisemitische Korrespondenz" die in Dortmund erscheinende „Westfälische Reform", deren Redaktion bekanntlich Rektor Ahlwardt übernehmen soll, und erklärt, daß dies Blatt aufgehört hat, Organ des deutsch-sozialen Verbandes für Rheinland und Westfalen zu sein. — Die Nürnberger Kreisregierung bestätigte das Verbot betreffs der Vertheilung und Ankündigung antisemitischer Schriften auf der Straße. — Ten amtlichen Berichten über die Bewegung der Bevölkerung in: Königreich Bayern vom Jahre 1801 entnehmen wir folgende Bemerkungen bezügl. der Eheschließungen nach dem Religions-Bekenntnisse: Katholische Männer mit israelitischen Frauen 2, protestantische Männer mit israelitischen Frauen 8, israelitische Männer mit katholischen Frauen 10, israelitische Männer mit protestantischen Frauen 5, israelitische Männer nnt israelitischen Frauen 377, israelitische Männer mit Frauen sonstiger Religion 1. — In: „Bruchsaler Boten" werden von jüdischer Seite die im antisemitischen Verein zu Bruchsal gegen die Juden erhobenen Anklagen in sachlicher, aber entschiedener Weise widerlegt. Dieses Vorgehen können wir nur billigen und zur Nachahmung empfehlen. — Nach einer Mittheilung des antisemitischen Mienen „Deutsch. Volksbl." wurden bei dem letzten Weihnachtsavancement im österreichischen Heere mehr als 400 Juden zu Reservelieutenants ernannt. Wenns nur wahr wäre! — Das Wiener Landgericht hat drei Schriften von Eugen Dühring, „Der Ersatz der Religion durch vollkommeneres und die Ausscheidung alles Judenthums durch den modernen Völkergeist", „Die Judenfrage als Frage der Rassenschädlichkeit für Existenz, Sitte und Kultur der Völker" und „DieGrößen der modernen Litteratur" für Oesterreich verb 0 ten, weil sie das Vergehen der öffentlichen Aufreizung begründen. — Dem Rechnungsrathe im österreichischen Finanzministerium, Herrn Ignaz Lasus, wurde vom Kaiser das goldene Verdienstkreuz mit der Krone verliehen. — Herr Isidor Singer ist am vorigen Dienstag von dem Kabinetschef des französischen Ministerpräsidenten, Herrn Croizier, in Audienz empfangen worden, um ihm seinen Plan bezüglich der Bekämpfung des Antisemitismus in Frankreich zu unterbreiten. — In Anbetracht des strengen Winters haben die Gebrüder Rothschild in Paris abermals 100,000 Frs. als Beihilfe zu Kleidung und Heizung für die Pariser Armen gespendet. — Der Ehrenkränkungsprozeß, den der Oberrabbiner von Vesoul, Herr Schuhl, gegen Herrn Drumont angestrengt hat, ist zum dritten Male vertagt worden. — Die Antisemiten riefen in Lyon am Samstag Unruhen vor der Synagoge hervor, wobei es zu Zusammen-! stößen kam. 34 Verhaftungen wurden vorgenommen. — Das jüdische - Institut zur Ausbildung von Handwerkern in Warschau wird! von 200 jüdischen Zöglingen besucht, die dort Tischlerei, Schlosserei und j viele Kunstgewerbe sehr gründlich erlernen. Der praktische und theorej tische Unterricht wird in allen Fächern gratis ertheilt. - Der Oberrabbiner von! VeronaJizchak Pardo ist im Alter von 68 Jahren aus dem Leben geschie-! den, nachdein er nahezu 45 Jahre seines Seelsorgeramtes gewaltet hatte. —! Aus den Ver. Staaten werden vom südlichen Mississippi Gewaltthärigkeiten gegen die Juden berichtet. Im Pike-Distrikt wurden einem jüdischen Gemeindemitglied 27 Farmhäuser zerstört, und die Neger, die in seinem Betrieb thätig waren, erhielten den Befehl, ihn zu verlassen. — Herr Bernhard Neßler, Dozent der Chemie und Physik an der Universität Bern, befindet sich derzeit in: heiligen Lande, um im Aufträge des Baron Edmond de Rothschild die verschiedenen Gegenden und Grundlagen nächst den Kolonien daraufhin zu besichtigen, ob solche sich zur Anlegung größerer Oel- und Parfümerie-Fabriken und Raffinerien eignen. — Der „Ostasiatische Lloyd" in Schaug hay enthält in 3 Nummern einen ausführlichen und sehr gründlichen Artikel über Rohling und Justus, der schon durch den Umstand von besonderem Interesse ist, als er zeigt, daß die Christen in China zu ihrer eigenen Sicherheit den Tallnud und die rabbinische Lilteratur vertheidigen müssen. Der Verfasser dieser Artikel ist der ehemalige Ministerpräsident eines asiatischen Reiches. — Bezüglich der Judenmißhandlungen in Marokko wird uns mitgetheilt, daß die englische Regierung dem französischen Kabinet einen gemeinsainen Schritt beim Sultan vorschlug, daß Minister Develle einen solchen jedoch ab lehnte. Druck und Verlag von Rudolf MoNe m Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauäiwrtr in Berlin. --1